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Reisereporter Ab auf die Insel!
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13:03 04.07.2009
Von Nicola Zellmer
Die von der Eiszeit geformten kleinen südfinnischen Inseln sind im Sommer ein Paradies aus Birken, Moosen und Beeren. Quelle: timedia-Verlag
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Im altmodischen Holzpavillon über der Steilküste serviert Ulla-Britt Mattson ihren Gästen selbst gebackenen Apfelkuchen mit Sahne und Vanillecreme. Hier, auf der nur zehn Hektar großen Insel Järm in dem aus rund 20 000 Inseln und Inselchen bestehenden finnischen Schärengebiet, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Ulla-Britt und ihr Mann Yngve wohnen dort bescheiden in einem moosbewachsenen Häuschen, wo die finnische Lehrerin den Holzherd zum Kochen noch mit Ästen und Zweigen einheizt. Ein Stück weiter liegt der Blumen- und Gemüsegarten. Gleich dahinter beginnt der Garten des Nachbarn – insgesamt neun Grundstücke gibt es auf Järm. Zäune sind für die meisten Bewohner überflüssig.

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Finnische Inselidylle

Für Ulla-Britts Familie hat das Leben auf der kleinen Insel Tradition. Anfang des 20. Jahrhunderts kaufte ihre Großmutter dort ein winziges Haus mit nur zwei Zimmern und zog mit ihrer kleinen Tochter in die Schären. „Gewohnt haben die beiden damals nur in einem Zimmer und der Küche“, erzählt Ulla-Britt, die als Lehrerin auf der Hauptinsel Korpo arbeitet. „Als meine Mutter dann heiratete, so in den dreißiger Jahren, haben sie das andere Haus gebaut, in dem jetzt mein Mann und ich leben.“ Das kleinere Haus hat die Finnin für ihre 26 und 27 Jahre alten Kinder reserviert – wenn diese mit ihren Familien die Sommerfrische auf Järm verbringen möchten.

Während der hellen Sommermonate ist die Insel ein wahres Paradies. Auf den von der Eiszeit rund geschliffenen Felsen, die jedes Jahr rund 50 Zentimeter weiter aus dem Wasser emporgehoben werden, wachsen dann neben Birken und Moosen süße Beeren, das Wasser vor der Tür ist voll von Fischen und lädt nach dem Schwitzen in der selbst gebauten Sauna zum Schwimmen ein. Es gilt, diese Zeit in vollen Zügen zu genießen, denn im Herbst werden die Tage dann schnell kürzer und die Blätter bunt. „Im Winter wohnt hier draußen dann niemand mehr“, erklärt Ulla-Britt, die mit ihrem Mann auch noch einen landwirtschaftlichen Hof auf Korpo und eine Wohnung in der nahe gelegenen Stadt Turku besitzt. Probleme gibt es vor allem in der Übergangszeit, wenn das erste Eis den üblichen Bootsverkehr unmöglich macht, aber noch zu dünn ist, um einen Menschen zu tragen. Wer dann noch nicht in die Stadt gezogen ist, braucht ausreichend Vorräte, um die Zeit bis zum Winter zu überbrücken, wenn das Eis so dick wird, dass man auch mit dem Auto oder Motorskooter alle Inseln erreichen kann.

Lehrerin Ulla-Britt und ihr Mann Yngve, der seine Felder bestellt, Reparaturarbeiten für die Nachbarn anbietet und Ferienhäuser vermietet, sind typische Bewohner der Schären. „Seinen Job muss man hier selbst erfinden“, sagt Ulla-Britt. „Nur von der Landwirtschaft kann man nicht leben.“ Wie viele andere Finnen setzen daher auch die Mattsons auf den Tourismus. Der entwickelt sich seit einigen Jahren immer mehr in der romantischen südfinnischen Schärenwelt vor den Toren Turkus. Zwar wurde schon vor 60 Jahren die erste Brücke vom Festland nach Pargas gebaut. Doch der Zugang zu den weiteren größeren Inseln blieb lange Zeit Bootsbesitzern vorbehalten. Erst seit 1996 erlauben neue Wege und ein kontinuierlicher Fährverkehr, auch mit dem Auto oder Fahrrad die Schären zu erkunden: die mehr als 200 Kilometer lange sogenannte Schärenringstraße, die die wichtigsten Inseln in Form von Landstraßen und Autofähren miteinander verbindet.

Altes Handwerk zum Anfassen

Wohin die Tour in die Schärenwelt auch geht, sie beginnt normalerweise in dem rund 13 000 Einwohner zählenden Pargas, das aus Hunderten von kleinen Inseln besteht und die einzige Stadt Finnlands ist, die komplett vom Wasser umgeben ist. Sehenswert ist in Pargas beispielsweise die historische Feldsteinkirche aus dem 14. Jahrhundert, wo heute noch die älteste finnischsprachige Bibel aufbewahrt wird. Auch das alte Holzhausviertel Gamla Malmen, das unzählige Stadtbrände überlebt hat und heute als Heimatmuseum dient, lohnt einen Besuch. Dort lernen die Besucher in Wohnhäusern und Nebengebäuden das oft harte Leben der früheren Schärenbewohner kennen.

Ebenfalls empfehlenswert ist ein Abstecher in das Handwerksmuseum am Klosterberg. In den Holzhäusern aus dem 18. Jahrhundert, in denen früher die Zugezogenen am Stadtrand einquartiert wurden, zeigen heute Einheimische in original hergerichteten Werkstätten wie Druckerei, Schuhmacherei oder Bäckerei traditionelle Handwerkskünste. Ende August findet dort sogar eine ganze Handwerkswoche statt, in der alte Arbeitsweisen wieder lebendig werden.
Beliebte Reisezeit: Mittsommer

Wer um die Mittsommerzeit über Turku in die Schären reist, sollte nicht nur eines der typischen Mittsommerfeste besuchen, sondern auch auf keinen Fall den großen Mittelaltermarkt in der südfinnischen Stadt verpassen, der Ende Juni auf dem alten Markt für eine unnachahmliche Atmosphäre sorgt. Die halbe Stadt verkleidet sich zu dieser Gelegenheit als Ritter, Burgfräulein, Händler oder Handwerker. An authentischen Ständen gibt es Räucherfisch, kandierte Äpfel und grobe Bratwurst im Kohlblatt. Drum herum inszenieren Laienschauspieler alltägliche Szenen, und Handwerker zeigen mittelalterliche Arbeitstechniken. Infos über die jeweils aktuellen Termine sind auch in deutscher Sprache auf der städtischen Internetseite www.turku.fi zu finden.

Im Schärengebiet selbst lockt dann vor allem die Natur auf den vom Festlandeis während der Eiszeit abgeschliffenen Eilande: Radfahren oder Wandern in nordischen Wäldern, Angelfahrten mit einheimischen Experten, Segel- oder Kajaktouren durch die geschützten Wasser zwischen den Inseln. Übrigens sind in den Schären auch Ferienhäuser mit eigenem Zugang zum Wasser und Badesteg zu bekommen. Und nach dem Schwimmen lockt ein gemütlicher Abend mit Sauna und Kamin.