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Mit dem Nachtzug nach Stockholm

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10:27 28.07.2021
Auf in den hohen Norden: Mit dem Snälltåget haben Reisende die Möglichkeit, Stockholm ohne Flugzeug zu erreichen.
Auf in den hohen Norden: Mit dem Snälltåget haben Reisende die Möglichkeit, Stockholm ohne Flugzeug zu erreichen. Quelle: Snälltåget/dpa-tmn
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Stockholm

Am Bahnsteig in Berlin-Gesundbrunnen ist der Einstieg in den falschen Zug an diesem Abend folgenschwer.

Zunächst fahren zwei Regionalbahnen ab, erst nach Elsterwerder und dann Falkenberg, beides Brandenburger Provinz. Um 19.12 Uhr folgt dann das große Abenteuer: der Snälltåget-Nachtzug mit Liegewagen von Berlin über Kopenhagen nach Stockholm. Fünf frisch lackierte Waggons mit bunten Schriftzügen und feuerroten Kurbeltüren stehen bereit.

Der Zug rollt pünktlich los und damit beginnt die große Reise, die auch ein kleines Experiment ist: Klimafreundlich und komfortabel nachts mit der Bahn längere Strecken bewältigen - hat das Potenzial?

Mit dem Komfort ist es so eine Sache. Nach einem ersten Testaufbau der Liegen noch innerhalb der Stadtgrenze Berlins ist klar: Sitzen oder Liegen, man muss sich entscheiden. Der gut gelaunte Schaffner kommt und sieht sich mein Ticket an.

Ungeplanter Halt im Nirgendwo

Der Zug fährt durch das abendliche Brandenburg. In den Abteilen neben mir werden üppige Brotzeiten aufgetischt. Kinder glucksen zufrieden. Die Stimmung ist gut, es riecht nach Wein.

Die Dämmerung setzt langsam ein, als wir plötzlich zum Stehen kommen. Über eine knarzende Durchsage heißt es: "Entschuldigung, wir sind eine halbe Stunde zu früh. Wir müssen jetzt hier in der Prignitz warten. Aber wie wäre es mit ein bisschen Füße vertreten?"

Kinder rennen im Pyjama über den Bahnsteig, Videoanrufe mit Familie und Partner werden getätigt. Manche fotografieren den Sonnenuntergang samt Zug. Es gibt ein erstes Get-together der Fahrgäste. Wo wollt ihr hin? Wo kommt ihr her? Und: Haha, habt ihr gehört wir sind zu früh! Das ist der Deutschen Bahn noch nie passiert!

Dieser Moment am völlig leer gefegten Bahnhof in der Pampa wird zu einem der schönsten des Trips.

Reisen Sie auch wirklich alleine?

Nach 30 Minuten geht es weiter und gegen 22.00 Uhr wird es still im ganzen Zug. Für die Nachtruhe liegen Laken, Bettzeug und Bettbezüge bereit. Die Pritsche ist erstaunlich bequem, wenn auch gerade so ausreichend lang. Bei mehr als 1,80 Meter Körpergröße dürfte es schwierig werden. Das sanfte Ruckeln des Zuges lässt mich sofort einschlafen. Den Halt gegen 23.30 Uhr in Hamburg bemerke ich nicht.

Lautes Klopfen gegen die Abteiltür reißt mich um zwei Uhr morgens aus dem Schlaf: "Grenzkontrolle! Pass, bitte!", ruft ein Beamter in Uniform auf Deutsch. Ich händige aus Versehen den Führerschein aus, was ihn nicht interessiert. Er wirft einen flüchtigen Blick darauf und blendet mich mit seiner Taschenlampe, bevor er in die Ecken des Abteils leuchtet. Ob ich auch wirklich alleine sei, fragt er. Ich versichere: "Ja!" Bevor ich ihm meinen Impfnachweis zeigen kann, wünscht er mir noch eine gute Nacht und verschwindet.

Es dauert, bis ich wieder in den Schlaf falle. Schließlich wird es gegen kurz nach vier schon wieder langsam hell.

Laut Reiseplan geht es bald über die Öresund-Brücke in Richtung Schweden. Dort könnte eine weitere Passkontrolle folgen, warnt der Schaffner über Lautsprecher. Spätestens jetzt fühlt es sich an wie eine Reise durch das Europa der noch nicht geöffneten Grenzen. Zu dieser Zeitreise passt der Zug: Die Schlafwagen stammen aus der 1980er-Jahren und sind von der Deutschen Bahn.

Beine vertreten in Malmö

"Gute Nachrichten", trällert es aus dem Lautsprecher. "Die schwedische Grenzpolizei konnten wir vermeiden", sagt der Schaffner. Nach einer fantastischen Fahrt über das tiefblaue Wasser erreichen wir in den frühen Morgenstunden Malmö. Kurz vorher gibt es Instruktionen: Ein Teil der Fahrgäste muss aussteigen und zu einem anderen Gleis laufen und in einen neuen Wagen einsteigen.

Mein Wagen darf so bleiben und wird von einer neuen Lok rücklings aus dem Bahnhof gezogen und an den neuen Zug gekuppelt. Das ganze Spektakel erstreckt sich über eineinhalb Stunden Aufenthalt.

Während des Aufenthalts in Malmö bis etwa 9.20 Uhr macht sich Erschöpfung breit. Auf dem Bahnsteig beobachten müde Augen, wie kiloweise Bettwäsche ausgeladen werden. Gesprächsstoff gibt es wenig. Vielleicht liegt es auch daran, dass das vorbestellte Frühstück bis 7.40 oder erst nach 9.20 Uhr abgeholt werden kann. Die meisten haben noch keins gehabt und warten sehnsüchtig auf die "Kneipe", wie Snälltåget seinen Speisewagen nennt. Der fährt ab Malmö mit.

Die Kneipe ist holzgetäfelt und bietet blau bezogene Sitzgarnituren und sehr hübsche, antike goldene Tischlampen. Die Technik aber ist auf dem jüngsten Stand: Ein Selbstbedienungsregal offeriert Snacks, Brötchen und Getränke, bezahlt wird mithilfe einer digitalen Selbstbedienungskasse. Personal gibt es selbstverständlich auch. Und das ist wie immer hilfreich und gut gelaunt.

Entspannt durch Schweden rollen

Mädchen für alles ist jetzt Lars Björksund, in Malmö zugestiegen. Er händigt Kaffee aus, macht die Durchsagen, fertigt den Zug ab. Was genau seine Jobbeschreibung sei, frage ich. Chef, sagt er nüchtern und lacht. Er erzählt, dass er seit 1976 Schaffner sei und schon viel erlebt habe. Damals mit Interrail, da seien so viele junge Leute Langstrecke gefahren. Die sieht man heute seltener.

Ich frage nach der Grenzkontrolle und ob das schon immer so gewesen sei oder mit dem Coronavirus zusammenhänge. "Nein, das ist schon lange so", sagt Björksund. "Sie kontrollieren die Ausweise, um illegale Einreisen zu verhindern."

Der Zug fährt in die nächste Haltestelle ein. Auf schwedischem Boden hält er nun ständig: nach Malmö in Lund, Eslöv, Hässleholm, Alvesta, Nässjö, Linköping, Norrköping und Södertälje und schließlich Stockholm - insgesamt neun Mal.

Im Speisewagen treffe ich beim Abholen des heiß ersehnten Frühstücks eine der wenigen Jugendlichen. Sie ist alleine unterwegs und will in Stockholm ihre Eltern treffen, die schon vorgefahren sind. Sie hat die Nacht im Großraumabteil verbracht. Neben dem Liegewagen gibt es auch die Option, Sitze in einem Großraumabteil zu buchen. Das sei auch okay gewesen, sagt sie. Sie habe gut geschlafen.

Die vorbestellte Frühstückstüte umfasst ein Sandwich (auf Wunsch auch vegan und glutenfrei), einen Apfelsaft, einen Apfel und einen Kaffee oder Tee. Wer möchte, kann das Mahl mit an den Platz nehmen. Warme Speisen zum Mittagessen gibt es auch, die dürfen allerdings nur im Speisewagen verzehrt werden. Eine Reservierung wird empfohlen. Die überwiegende Zahl der Gäste ist jedoch Selbstversorger.

Als der Zug in Stockholm einfährt und die lange Reise endet, kommt das ein bisschen überraschend. Vom Bett aus die Landschaft beobachten: Das hätte ich noch länger machen können.

Mit dem Nachtzug durch Europa zu reisen hat viel Charme, ist erschwinglich und macht ein gutes Gewissen. Ankommen ist aber auch schön. Stockholm stellt ein zivilisatorisches Highlight in Aussicht: eine Dusche. Die braucht es jetzt dringend.

© dpa-infocom, dpa:210727-99-555263/3

dpa