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Region Wunstorf Nachrichten Sigmundshall: Marks kritisiert K+S
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00:19 27.07.2018
Heiße Phase: In Bokeloh hält das Bangen um den Job an.
Heiße Phase: In Bokeloh hält das Bangen um den Job an. Quelle: Archiv (Kathrin Götze)
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Bokeloh

„Ich weiß nicht, wo das Vertrauen in unser Unternehmen geblieben ist?“, sagt Gereon Jochmaring. Der neue Werksleiter von Sigmundshall steht vor der NDR-Kamera in Bokeloh und versucht, längst verbrannte Erde mit Worten zu rekultivieren. Betriebsrat und Bergleute des K+S-Unternehmens könnten ihm eine Antwort geben: Das Vertrauen ist aufgebraucht, viele Kumpel fühlen sich erpresst, schlecht informiert und schlicht betrogen. In sozialen Medien wird Jochmarings Frage höhnisch kommentiert. Das hat Gründe.

Der Stand der Dinge am Dienstag

Am Montag und Dienstag haben Unternehmensvertreter und Betriebsrat bei Wilhelm Mestwerdt, Präsident des Landesarbeitsgerichtes, verhandelt. In Mestwerdts Hand liegt das Einigungsverfahren über den Sozialplan. In ihren vier Verhandlungsrunden zuvor hatten sich Betriebsrat und Konzern nicht verständigen können. Mestwerdt erzielt entweder ein Übereinkommen, oder er fällt eine Art Schlichterspruch. Den Spruch müssen beide Seiten akzeptieren. Wie das Verfahren endet, ist offen.

Seit Montag voriger Woche arbeitet der Betriebsrat seine Stellungnahmen zu 300 Änderungskündigungen ab. Annegret Brandes und Uwe Osterloh haben mit Unterstützung von elf weiteren, aber voll beschäftigten Mitgliedern jeweils sieben Kalendertage Zeit – das ist kaum zu schaffen. Abgabeschluss für die letzten Stellungnahmen ist am Mittwoch. Sie erreichen die Kollegen derzeit schwer wegen der Urlaubszeit und telefonieren bis in die USA. „Wir schaffen das, wir machen es auch so persönlich wie irgend möglich und haben am Wochenende durchgearbeitet. Aber der Druck ist enorm“, sagt Brandes.

Betriebsrat rechnet ab Ende Juli mit ersten Kündigungen

Druck besonders für die Bergleute: Einige Sigmundshaller schreiben auf Facebook von 24- und 48-Stunden-Fristen für eine Lebensentscheidung. Das ist bedingt richtig: Weil der Betriebsrat nur begrenzte Zeit hat, eilt natürlich auch die Stellungnahme der Bergleute selber. Wie sie sich letztlich entscheiden, kommt später, wenn tatsächlich die Schreiben an die Mitarbeiter rausgehen. Der Betriebsrat rechnet ab Ende Juli mit den ersten Änderungskündigungen. Viele Kumpel haben angeblich angekündigt, vor das Arbeitsgericht zu gehen. Es geht dabei auch um die Höhe von Abfindungen.

Änderungskündigung bedeutet: Dem Mitarbeiter wird für Sigmundshall gekündigt und ein neuer Vertrag in einem anderen K+S-Betrieb angeboten. Das kann, das muss aber kein ähnlicher Arbeitsplatz sein. Wer ablehnt, kündigt sich sozusagen selbst. „Wir stellen fest, dass die Angebote an die Kollegen unter den Konditionen liegen, zu denen die Bergleute hier arbeiten“, sagt Annegret Brandes. Entlassungen hat K+S bisher nicht aufgesetzt. Acht konnte der Betriebsrat in Änderungskündigungen umwandeln.

„Unser großes Problem ist die Ungewissheit. Es steht auch überhaupt nicht fest, wer zu den 220 Mitarbeitern zählen wird, die hier am Standort bleiben“, heißt es aus dem Betriebsrat. K+S behalte sich diese Entscheidung offenbar bis zum Schluss der Verfahren vor. Alles sei in der Schwebe.

K+S zahlt Prämie bei Versetzung

Alles, bis auf die 101 Mitarbeiter, die sich selbstständig in andere K+S-Unternehmen beworben haben, meist jüngere Menschen und zu ähnlichen Konditionen. Weitere 90 von insgesamt 740 Mitarbeitern sind versetzt worden in K+S-Betriebe, die nicht auf ihrer Wunschliste standen. Wie viele die Versetzung akzeptieren, ist nicht klar. „K+S begleitet das sehr gut mit Prämien zwischen 10.000 und 40.000 Euro“, sagt Brandes.

Den Entscheidungsdruck während der Ferien hatten Belegschaft und Betriebsrat nicht erwartet, weil die Konzernführung angekündigt hatte, „mit jedem“ Mitarbeiter zu sprechen und Perspektiven zu entwickeln – rechtzeitig. „Hinter jeder Nummer steckt ein Mensch mit ganz individuellen Geschichten. Und deshalb wären diese individuellen Gespräche für alle Beteiligten sinnvoll gewesen. Das ist hier eben unterlassen worden“, schreibt eine Bergmannsfrau auf Facebook.

Marks, Osigus und Riedel kritisieren Konzernführung

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Caren Marks hat den Betriebsrat zusammen mit der Landtagsabgeordneten Wiebke Osigus (SPD) und Wunstorfs SPD-Fraktionsvorsitzenden Kirsten Riedel getroffen. Marks ist irritiert: „Mir war versichert worden, dass es sozialverträgliche Lösungen für alle Mitarbeiter geben werde. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein", schreibt sie. Der Betriebsrat habe seit Monaten ein Gesamtkonzept und einen fairen Umgang mit den Mitarbeitern sowie einen zügigen Abschluss eines Sozialplans gefordert. „K+S setzt stattdessen auf nicht transparente Lösungen. Zugesagte Gespräche haben nicht stattgefunden. Die Belegschaft ist extrem verunsichert“, schreibt Marks.

Wiebke Osigus assistiert: „Es fehlt fehlt ganz offensichtlich ein transparentes Verfahren. Das geht nicht. Die Lebensplanungen vieler Familien hängen daran", schreibt Osigus, „ein Unternehmen mit einer so langen Tradition am Standort Bokeloh sollte sich gegenüber seinen langjährigen Mitarbeitern verantwortungsvoll und fair verhalten". Kirsten Riedel hat nach dem Gespräch den Eindruck, dass K+S „alles daran setzt, dass die Mitarbeiter die Nerven verlieren und kündigen“. Sie bezeichnete es am Dienstag „als Witz, dass sich ein so großes Unternehmen nicht auf einen Sozialplan einigen kann. Ich habe den Eindruck, sie wollen es so billig wie möglich machen“, sagte Riedel.

Brandes: „Wir wollen gute Ergebnisse“

Politik, Stadt Wunstorf, Region Hannover und Arbeitsagentur kommen erst jetzt auf die Bildfläche der Schließung, weil bisher überhaupt nicht klar gewesen ist, wie der Fahrplan aussieht und wann welche Personalentscheidungen fallen. Erst wenn die Mitarbeiter ihre Schreiben erhalten haben, zeichnet sich langsam ein Bild davon ab, wer am Ende seinen Job verliert. Außerdem hatte der Betriebsrat im Interesse der Kollegen und der Verhandlungen keinen öffentlichen Krawall schlagen wollen. „Wir wollten und wollen gute Ergebnisse“, sagt Brandes.

Stadt: „Wenn die Bergleute Beratung brauchen, sind wir da“

Werksleiter Gereon Jochmaring hat sich am Montag bei Wunstorfs Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt vorgestellt, um den Draht zur Stadt zu pflegen. „Jetzt laden wir den Betriebsrat ein und fragen, was wir als Stadt tun können und wo die Probleme liegen“, sagt Stadtsprecher Alexander Stockum. Die Stadt habe nur Scharnierfunktion zwischen den Behörden. Sie könne vermitteln, aber selbst wenig tun. „Entscheidend werden vermutlich die Einzelgespräche der gekündigten Sigmundshaller mit der Agentur für Arbeit“, sagt Stockum. „Wenn die Bergleute Beratung brauchen, sind wir da.“

Von Markus Holz