Corona-Masken: Leibniz Uni Hannover und Firma aus Wunstorf erfinden neuartiges Modell
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Corona-Masken: Leibniz Uni Hannover und Firma aus Wunstorf erfinden neuartiges Modell

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14:57 23.01.2021
Gesine Hentschel vom Institut für Mehrphasenprozesse der Leibniz Universität Hannover während einer Testphase zur Entwicklung der neuen Nasen-Mund-Schutzmaske vom Wunstorfer Unternehmen.
Gesine Hentschel vom Institut für Mehrphasenprozesse der Leibniz Universität Hannover während einer Testphase zur Entwicklung der neuen Nasen-Mund-Schutzmaske vom Wunstorfer Unternehmen. Quelle: Leibniz Universität
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Wunstorf/Hannover

Wer eine Nähmaschine besaß, nähte zu Beginn der Pandemie aus Stoffresten Mund-Nasen-Schutzmasken, zum persönlichen Schutz gegen den Corona-Virus. OP- oder FFP2-Masken waren schnell vergriffen. Zehn Monate später hoffen viele auf die angekündigte Impfung und den Sieg über das Virus. Auch Textilfachmann Dieter Jansen glaubt an den Erfolg eines Impfstoffes. Allerdings sieht er langfristig nicht den Verzicht auf die Mund-Nasenschutzmasken. Und so entwickelte er in seiner Wunstorfer Firma Tutelo eine neuartige alltagstaugliche Maske mit hoher Schutzwirkung und Wiederverwendbarkeit. „Die selbstgemachten Masken haben für einen schnellen Erstschutz sorgen können. Diese, aber auch die FFP2-Masken haben deutliche Mängel“, sagt Jansen.

Forscher sehen Optimum noch nicht erreicht

„Das klingt vielleicht trivial, ist es aber nicht“, betont Dr. Marc Müller, vom Institut für Mehrphasenprozesse der Leibniz Universität Hannover, das diese Entwicklung als Partner wissenschaftlich begleitet. Die FFP2-Masken „stellen momentan den besten Schutz vor Viren da. Das bedeutet aber nicht, dass es auch die beste technische Lösung sein muss, und setzt auch voraus, dass sie korrekt getragen werden.“

Sämtliche FFP-Masken seien schließlich in der Regel für Anwendungen im Baugewerbe oder ähnlichen Gewerben gedacht und somit eine Schutzausrüstung gegen Staub oder Aerosole bei Schleif- oder Lackierarbeiten. Der Tragekomfort sei aufgrund des Materials (Jucken, Reizung) oder des hohen Atemwiderstands (durch hohe Filterleistung) sehr eingeschränkt. Das könne dazu führen, dass man die Maske mal „lupft“ und somit die Schutzwirkung aufhebe.

Mehrere Faktoren spielen zusammen

„Es gibt noch nicht die ideale Pandemie-Maske“, sagt Müller, „aber Tutelo möchte mit ihrer Side-by-Side Community-Schutzmaske genau dorthin.“ Sie soll sicher, nachhaltig und lokal produziert sein. Ist der Tragekomfort aufgrund des Schnitts und der Materialien gut, sei darin der erste wichtige Schritt zu sehen.

„Ist die Filterleistung aufgrund der guten Passform – also minimale Leckage - und integrierter Filtervliese sehr hoch, ist das der zweite wichtige Schritt. Wenn das erreicht ist, ist man mit einem solchen Produkt sowohl für die Pandemie als auch für ein hoffentlich anschließendes Leben ohne Pandemie, aber mit Belastungen wie Feinstaub und anderem, gut aufgestellt“, prognostiziert Müller, der das Projekt im Institut leitet.

Prüfköpfe tragen in den Untersuchungen die jeweiligen Masken zur Beobachtung, wie sich das Aerosol im Raum ausbreitet bzw. wie es von einem weiteren Prüfkopf eingeatmet wird. Quelle: Leibniz Universität

Die Wirkung wird untersucht

Diese Zielsetzung flankiert das Institut mit anwendungsorientierten Prüfverfahren. „Hierbei tragen Prüfköpfe die jeweiligen Masken und wir schauen uns an, wie sich das Aerosol im Raum ausbreitet und wie es von einem weiteren Prüfkopf eingeatmet wird. Hierdurch könnten wir dann sowohl die Filterwirkung des Materials als auch den Einfluss der Passform quantifizieren.“ Diese Untersuchungen laufen auch in Abhängigkeit von entsprechenden Wasch- und Reinigungszyklen, da es hierzu bisher keine Informationen gab und somit auch nicht darüber, wie hierdurch die Filterleistung beeinflusst wird.

Die von Tutelo gefertigte Passform, soll den Eigen- und Fremdschutz durch deutlich verringerte Maskenleckage erhöhen. „Die bei Einwegmasken nach oben und seitlich entweichenden Aerosole werden durch die Passform dieser Maske zurückgehalten und somit die Ansteckungsgefahr in einem erhöhtem Maße verringert“, schildert Jansen die Wirkungsweise. Ein Produkt mit vergleichbarer unternehmerischer, lokaler, nachhaltiger Produktion und technologischem Ansatz ist weder dem Unternehmen noch dem Institut bekannt. Die Entwicklung der Schutzmaske erhält Förderungen durch die Region Hannover und die N-Bank.

Auch die Brille beschlägt nicht mehr

Das Unternehmen setzt besonders auf die Nachhaltigkeit der Masken durch ihre Wiederverwendbarkeit. Daher produziert es die Masken mit Öko-Tex zertifizierten, hochwertigen Materialien, die bei 60/90 Grad Celsius waschbar und sterilisierbar sind. Müller geht nach den bisherigen Testreihen ebenfalls davon aus, dass die „Community Maske die Reinigung aufgrund der Werkstoffe ohne großen Funktionsverlust übersteht“. Und das auch nach vielen Zyklen.

Krankenhäuser, Verbände und Schulen tragen bereits die Schutzmasken aus dem Wunstorfer Unternehmen. Quelle: Winfried Gburek

Zusätzlich verhindere die neue Schutzmaske ein Brillenbeschlagen, zeige eine kühlende Wirkung und löse keinerlei Reizung der Haut bei längerem Tragen aus, freut sich das Unternehmen. Dies bestätigten Träger dieser Schutzmasken, nachdem diese in die Auslieferung gegangen ist, so Jansen. Inzwischen kommt sie in vielen Teilen Deutschlands zum Einsatz. Beispielsweise in Kliniken wie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), der Leibniz Universität, den Main-Spessart-Kliniken (Lohr am Main, Bayern) oder auch bei den Johannitern und dem Niedersächsischen Turnerbund (NTB). Der endgültige Marktpreis steht noch nicht fest.

Die schematische Darstellung zeigt die zusätzliche Abschirmung der Maskenleckage. Der nach oben, unten und seitlich entweichende Anteil der Aerosole, wird mit dieser Maske zurückgehalten und vermindert. Somit auch die Ansteckungsgefahr. Quelle: Leibniz Universität

Derzeit arbeiten der Hersteller und das Institut gemeinsam an einer Qualitätsstufe, um die klinische Akzeptanz zu erreichen und entsprechende Zertifizierungen dafür zu bekommen. Mit allen erreichten Maßgaben „hebt sich unsere Schutzmaske deutlich positiv von den bis jetzt am Markt vorhandenen Mund- und Nasenschutzmasken ab“, ist sich Jansen sicher. Als zusätzliches, langfristiges Ziel nannten Müller und Jansen, an neuen Richtlinien oder Normen mitzuwirken, da „die gesamte Zertifizierung der Schutzmasken nur sehr limitiert den Anwendungsfall einer Pandemie betrachtet. Neuartige Produkte und deren Vorteile können durch die in der bisherigen Norm genannten Verfahren vielleicht gar nicht aufgelöst werden“, sagt Müller.

Von Winfried Gburek