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Region Windkraft und Region: Der Stand der Dinge
Region Windkraft und Region: Der Stand der Dinge
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00:23 29.04.2018
HANNOVER

Vor Gericht laufen derzeit mindestens zehn Verfahren (umfassen 40 Windräder), wo Projekt-Firmen gegen die Nichtgenehmigung ihrer Windparks vorgehen. Nach Aussage der Regionsverwaltung zeige sich bei allen Verfahren, „dass es keine schnell zu realisierenden Standorte in der Region Hannover mehr gibt“. Flugsicherung, Baurecht, Artenschutz, Immissionsschutz (Lärm/Schall), ein starker Trend zu „Konkurrenzanträgen“ (also mehrere Bewerber für den selben Standort), Ausschreibungsverfahren der Bundesnetzagentur - die Anforderungen von Seiten des Gesetzgebers und der Gerichte stiegen, die Verfahren würden „zunehmend zeitaufwändiger und komplexer“. Außerdem registriert die Region „eine vermehrte Gründung von Bürgerinitiativen gegen den Ausbau der Windenergie“.

Womöglich befördert die Praxis großer Windparkentwickler, sich auch sogenannter Bürgerenergiegesellschaften zu bedienen, den Unmut in den Bürgerschaften: Um den Zuschlag für ausgeschriebene Strommengen zu erhalten und unter erleichterten Bedingungen agieren zu können, beziehen sie einfach ihnen verbundene Bürger vor Ort in die Projektgesellschaften gemäß der Vorgaben des Gesetzes (EEG) ein. Und dann wohnt eben auch noch der Geschäftsführer oder Gebietsleiter in besagtem Ort. So, wie es etwa die UKA-Gruppe aus Meißen (Nummer zwei der Branche in Deutschland) im Gebiet Lüdersen – Hiddestorf - Pattensen – Hüpede macht (NP berichtete) macht. Dort gibt es die Bürgerinitiative Gegenwind Lüdersen.

Etwas weiter westlich agiert inzwischen die Bürgerinitiative Gegenwind Deistervorland (Degersen, Wennigsen, Egestorf, Redderse). Dort plant der deutsche Branchenprimus WPD aus Bremen fünf Windkraftanlagen, jede mit einer Gesamthöhe von mehr als 240 Metern (bis vor kurzem war von „5 plus 2“ die Rede). Das wären dann die höchsten in Deutschland – eine davon als „Bürgerwindenergieanlage“ tituliert (nicht EEG-entsprechend), an der Menschen aus der Region Firmenanteilen kaufen oder –„falls dafür kein Interesse besteht“ - Geld per „Windsparbrief“ anlegen können, erklärt WPD-Sprecher Christian Schnibben. Der in Planung befindliche Windpark habe zu allen Wohneinheiten einen Mindestabstand von 1000 Metern, obwohl gemäß Regionalem Raumordnungsprogramm 2016 (RROP) 800 Meter genügen würden. Dass der Standort unterhalb der Deisterkette ungeeignet sei, weist er zurück: „Mit den geplanten Höhen ist das dort wirtschaftlich zu betreiben.“

Mehr als 240 Meter Gesamthöhe - Genau das ist für viele Menschen ein Problem: Die Windräder müssen so hoch sein, um nicht im Windschatten des Deisters zu liegen …

Für Antje Lücke, Sprecherin der Initiative Gegenwind Deistervorland, ist das WPD-Projekt „eindeutig immer noch zu groß dimensioniert“ (siehe auch Illustration). Sie verweist auf Bayern, wo als Abstandsmaß gilt: zehn Mal Nabenhöhe – das wären dann mindestens knapp 1700 Meter. Überhaupt sei es in der Region so: „Hannover stellt sich die Dinger nicht in die Stadt – aber hier soll das gebaut werden!“ Sie sei „nicht gegen Windkraft per se. Es ist aber eine Frage, ob man das auf Teufel komm raus macht oder mit Augenmaß!“

Der aktuelle Stand

Im Jahr 2017 wurden von der Region Hannover drei Windkraftprojekte bei Uetze mit zusammen fünf Windrädern genehmigt – der Bau dürfte „demnächst“ starten. Im Normalfall müsste binnen zwei Jahren nach Genehmigung Baubeginn sein. Aktuell laufen bei der Region sieben Genehmigungsverfahren über zusammen 21 Windrädern. Weitere etwa 15 Projekte seien „in mehr oder weniger konkreter Vorplanung“. Nach Auskunft der Region sind „Antragsteller und Projektierer aus dem gesamten Bundesgebiet“ tätig oder interessiert. Die von ihnen ins Auge gefassten Windräder seien „mindestens 220 Meter hoch“.

Existierende Anlagen

Laut einer Aufstellung der Klimaschutzagentur Hannover gibt es in der Region Hannover derzeit 259 Windkraftanlagen in 27 Windparks (drei oder mehr Anlagen) sowie elf einzeln stehende Windräder. Sie können mit einer Leistung von zusammen 362 Megawatt ausreichend Strom für etwa 150 000 Haushalte mit zusammen etwa 350 000 Personen erzeugen. Die meisten stehen bei Uetze (27), in Büren/Bevensen bei Neustadt (25) und zwischen Lehrte/Sehnde (16), gefolgt von Bennigsen/Gestorf (14) bei Springe. Seit 2014 kamen elf neue Anlagen dazu. Die höchsten sechs stehen wohl in Niedernstöcken bei Neustadt und tragen ihre Nabe in 135 Metern Höhe, ihre Rotorblätter reichen bis 186 Meter. Die Durchschnittswerte für die Region lauten 73 und 104,5 Meter.

Angriff auf das RROP

Die Region kann ihr Ziel an Windkraftanlagen zur Erreichung der Klimaziele gar nicht erreichen, da die Vorrang-Flächen sich zunehmend als ungeeignet erweisen, kritisieren „Experten“ aus der Branche, auch aus regionalen kommunalen Energieversorgern ist diese Kritik herauszuhören. Die Verdoppelung der Vorrangfläche im Regionalen Raumordnungsprogramm 2016 (1,6 statt zuvor 0,8 Prozent des Regionsgebietes) sei quasi nur ein Papiertiger, die Probleme etwa mit der Flugsicherung hätte man bewusst ignoriert, nur um die Fläche irgendwie verdoppeln zu können ohne wirklich Windkraft auszubauen – und weil an anderen Stellen zwar die Bedingungen an sich gut/besser wären – aber zu heftiger Widerstand befürchtet werde.

Trotz all der Widerstände und nicht erteilten Genehmigungen und der Vorwürfe gibt sich die Regionsverwaltung überzeugt: „Die im RROP 2016 festgelegten Vorranggebiete Windenergienutzung weisen grundsätzlich eine für die Windenergienutzung hohe Eignung auf“, heißt es auf NP-Anfrage. Vor Verabschiedung des RROP seien „die zuständigen Behörden (Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr und das Bundesaufsichtsamts für Flugsicherung) frühzeitig in den Planungsprozess eingebunden“ gewesen, um deren Belange „in angemessener Form berücksichtigen zu können“. Weder die zivilen noch militärischen Behörden hätten „abschließende Stellungnahmen“ etwa zu den Belangen Flugsicherung und militärische Hubschraubertiefflugstrecken abgegeben. Daher könne „eine Vereinbarkeit des Flugbetriebes mit der Windenergienutzung im Sinne von Luftfahrthindernissen kann deshalb nur im konkreten Genehmigungsverfahren geprüft und gegebenenfalls sichergestellt werden“. Ähnlich sieht es für Belange des Arten- und Naturschutzes aus: Erhebungen vor Ort seien immer „lediglich eine Momentaufnahme“ (etwa: Brüten geschützte Vögel hier?) weshalb „Artenschutzkonflikte im Genehmigungsverfahren oder gegebenenfalls zuvor auf der bauleitplanerischen Ebene zu klären“ seien.

Bislang klagen laut Regionsverwaltung ein Bürger und ein Unternehmen gegen das RROP. Womöglich erst der Anfang: Die Stadt Barsinghausen hat inzwischen beschlossen, gegen das RROP zu klagen – auch, weil ein existierender Modell-Flugplatz nicht berücksichtigt worden sei und weil man einen Konflikt zum Grundwasser- und Landschaftsschutz sieht. Die Gemeinde Wennigsen will ebenfalls prüfen, ob sie gegen das RROP klagt.

Von Ralph Hübner

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