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Region Wennigsen Nachrichten Friedhof dient der Wissenschaft
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18:40 27.03.2014
Von Michael Hemme
Michael Albrecht (links) und Heiko Steinke befüllen die Versuchs-rohre. In dem Beutel befinden sich die Hornspäne, deren Zersetzung beobachtet wird. Quelle: Michael Hemme
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Wennigsen

Michael Albrecht und sein Mitarbeiter Heiko Steinke stehen vor der leeren Grube. 1,80 Meter tief ist das Loch, das sie in einer Ecke des Friedhofs haben ausheben lassen. „An dieser Stelle ist noch nie jemand bestattet worden“, versichert Albrecht, der Mitglied des Friedhofsvorstandes ist. Auch experimentiert der Fachmann für Bestattungen nicht mit echten Leichen. Albrecht hat Bodenkunde studiert, hat promoviert, ist Sprecher des Verbandes der Friedhofsverwalter - und hat einen Forschungsauftrag: Ziel ist es herausfinden, wie unterschiedliche Bodenstrukturen die Zersetzung organischer Stoffe behindern oder befördern.

Dazu haben er und sein Mitarbeiter mehrere Kunststoffrohre mit verschiedenem Substraten gefüllt. Außerdem haben sie Nylonstrümpfe mit Hornspänen befüllt und auf unterschiedlichen Höhen in den Röhren versenkt. Nach einem Jahr werden die Rohre wieder herausgeholt. Dann wird geschaut, inwieweit sich die Hornspäne zersetzt haben. Bereits jetzt wird Albrecht in Abständen die bei der Zersetzung freigesetzten Gase messen, die über kleine Schläuche an die Erdoberfläche gelangen. Vielen Friedhofsbesuchern ist schon die kleine Wetterstation aufgefallen, die Albrecht betreibt. Gemessen werden Niederschlag, Wind und Luftdruck. „Die Daten werden automatisch in der Kapelle aufgezeichnet“, sagt Albrecht. Sein Treiben im Dienste der Wissenschaft werde interessiert und aufgeschlossen beobachtet.

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Schon jetzt steht fest, dass die seit einigen Jahrzehnten benutzten Kunstfasern, etwa in dem Tuch, mit dem der Sarg ausgelegt ist, schlecht verrotten. Bereits vor Jahren hätten die Friedhofsverwalter Gespräche darüber geführt, dass Gärtnereien und Floristen auf Styropor in den Blumengestecken verzichten, weil die Sondermüll ist. Eine ähnliche Vereinbarung erhofft sich Bestattungsexperte Albrecht nun auch mit den Bestattungsunternehmen. „Das ist ein echtes Problem“ sagt er. In seinem Versuch geht es aber auch um die verschiedenen Bodenarten. Wie verhält sich guter Calenberger Boden im Vergleich zu schwerer Tonerde oder sandigem Untergrund? Es gebe Regionen in Niedersachsen, in denen die Zersetzung der Leichname sehr lange dauert - ein Problem bei den durchschnittlichen Liegenzeiten pro Grab von 25 Jahren. Konsequenz der Untersuchung könnte sein, dass in den schweren Böden die Gräber nicht mehr so tief ausgehoben werden, weil dann die Durchlüftung besser ist.

Der Friedhof in Wennigsen ist einer von dreien, auf dem dieser von der Bundesstiftung Umwelt finanzierte Versuch vorgenommen wird. Albrecht hat keine Berührungsängste gegenüber dem Thema Tod. „Ich will auch in einem Sarg bestattet werden“, sagt er.

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