Wedemark: Naturschützer kritisiert „Umweltsünden“ in der Gemeinde
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Wedemark: Naturschützer kritisiert „Umweltsünden“ in der Gemeinde

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17:29 26.03.2021
Helmut Wiskow kämpft seit Jahrzehnten gegen Umweltsünden in der Natur, oft begangen aus Gedankenlosigkeit und Unwissenheit.
Helmut Wiskow kämpft seit Jahrzehnten gegen Umweltsünden in der Natur, oft begangen aus Gedankenlosigkeit und Unwissenheit. Quelle: Ursula Kallenbach
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Brelingen

„Freunde mache ich mir damit nicht“, sagt Helmut Wiskow. Seit Jahrzehnten setzt er sich in der Wedemark ehrenamtlich für den Erhalt der Tier-und Pflanzenwelt ein. „Den Erfolg meiner Anstrengungen kann ich nicht einmal als mäßig bezeichnen. Desinteresse, Gleichgültigkeit oder vermeintliche Unzuständigkeit sind die wesentlichen Gründe für das Scheitern“, sagt der Brelinger. Er appelliert nun öffentlich, nachdem er wieder einmal die Gemeinde und die Region Hannover als Untere Naturschutzbehörde angeschrieben hat.

„Ich habe vor 30 Jahren mein Haus in diesem Dorf, Brelingen, gebaut, nachdem ich bei der ersten Erkundung des Standorts für unseren Ruhesitz das Flöten des Brachvogels auf einer Wiese hörte“, sagt Wiskow. Seither beobachtet er rundum die Natur – und auch, wie in diese eingegriffen wird. Seit 1953 setzt er sich im BUND für den Vogelschutz ein. Von 1996 bis 2006 hat er die Region Hannover beraten als ehrenamtlicher Kreisjägermeister für die Wedemark – ein Pendant zu den Naturschutzbeauftragten.

Wedemärker sollten selbst die Augen öffnen

Das Frühjahr bewegt ihn nun zu einem Weckruf an die Wedemärker. Sie sollten selbst mit offenen Augen die Umweltsünden sehen, die er beklagt.

„Hurra! Es herrscht wieder Ordnung in der Natur! Das Kreischen der Motorsägen ist verstummt. Die großen Schredder hacken nicht mehr. Ruhe ist eingekehrt in der Feldmark. Der März ist gekommen. Denn das wissen die Hüter dieser eigenwilligen Ordnung: Wenigstens steht die Brut- und Setzzeit an, und dann muss, so will es der Gesetzgeber, allen Mitgeschöpfen eine Pause in ihrer Existenzangst gegönnt werden. Aber was ist geschehen wie in jedem Jahr?“, fragt Wiskow und gibt die Antwort gleich selbst – in Form von Beobachtungen und Fotos.

Im Landschaftsschutzgebiet nistete in dem kleinen Brombeergestrüpp noch 2020 erfolgreich das letzte dort verbliebene Brutpaar Schwarzkehlchen. Die beiden Vögel sind jetzt bereits aus ihrem Winterquartier zurück. Ob sie trotz der Absperrungen und Bewegungen dort brüten? Das fragt sich Helmut Wiskow. Quelle: Helmut Wiskow

„Die einen mögen es mit Zufriedenheit betrachten. Alles draußen ist gerade und ordentlich, sauber und übersichtlich hergerichtet und mit den Maschinen bequem zu bearbeiten. Der uralte Strauch mit zum Teil schon dürren Ästen mitten in der Wiese – endlich beseitigt, die auf Acker und Wiese überragenden Äste von Randbäumen ebenso, die kleine Brombeerwildnis an der Wiesenecke, auch sie störte schon lange. Die Grabenränder frei von jeglichem Bewuchs, die Grabensohle pieksauber. Auch die letzten nassen Stellen auf der Wiese endlich dräniert. Insgesamt alles gute Voraussetzungen für schnelles Arbeiten mit der modernen Technik und für einen guten Ertrag“, sagt Wiskow mit ironischem Unterton. Denn ihn als Naturschützer erfüllt das mit Entsetzen.

Wunden in der Natur verheilen nur schwer

Die bereits aufgeräumte Landschaft werde jedes Jahr aufs Neue geradezu amputiert, klagt er. In jedem Jahr würden der Natur immer wieder Wunden zugefügt, die nur schwer verheilten. „Wunden, deren Folgen zu unwiederbringlichen Verlusten an Pflanzen und Tieren geführt haben und noch weiter führen.“ Beispiele findet der 84-Jährige zuhauf in dem kaum einen Quadratkilometer großen Gebiet nahe Brelingen, das er regelmäßig beobachtet.

Der Mist bleibe oft wochenlang liegen und rotte unter freiem Himmel vor sich hin, beklagt Helmut Wiskow auch die Luftverschmutzung. In den vergangenen 20 Jahren hätten sich dort viele wichtige Brutvögel nicht mehr sehen lassen. Quelle: Helmut Wiskow

Als „Umweltsünden in der Wedemark“ fügt er die neuen Fotos und Erkenntnisse in seine schon umfangreiche Sammlung ein: Fakten und Sichtbares, doch im poetischen Abgleich auch das Verschwundene. „Auf der Wiese sind die unzähligen goldenen Blüten der Sumpfdotterblumen verschwunden. Der alte Holunderstrauch in seiner Blütenpracht mit den im Abendschein hell leuchtenden Dolden, auf denen sich unzählige kleine Käfer, Fliegen, Wespen und Bienen tummeln, ist nicht mehr da, und der betörende Duft seiner Blüten weht nicht mehr herüber. Wenn der alte Weißdornbusch plötzlich wie vom Erdboden verschwunden ist, wenn durch seine fehlende Blütenpracht geradezu ein Loch in die Wiesenlandschaft gerissen wurde, dann spüre ich fast körperliche Schmerzen“, notierte Wiskow. „Dabei war er es, der wie ein riesiger Magnet alle Insekten von nah und fern einlud zum Mahle, und alle wurden satt.“

Auch dieser Weißdorn und ein etwa 100 Meter entfernt stehender uralter Holunderstrauch im Landschaftsschutzgebiet blieben nicht verschont und müssen offenbar weichen. Quelle: Helmut Wiskow

Blühstreifen sind kein Ersatz für alten Weißdorn

Dafür seien die propagierten Blühstreifen nicht einmal annähernd ein Ersatz. „Deren Arten mögen hier und da einen Farbklecks bewirken, aber ein attraktives Nahrungsangebot für die vielen vom Aussterben bedrohten Insektenarten sind sie nicht“, schreibt der Brelinger.

Gemeinde will alle Beteiligten an einen Tisch bringen

Der Umweltbeauftragte der Gemeinde, René Rakebrandt, will das jüngste Schreiben von Helmut Wiskow zum Anlass nehmen, wieder Runde Tische zum Umwelt- und Landschaftsschutz in der Wedemark in Gang zu bringen. „Es können nicht immer alle Interessen befriedigt werden“, gibt er zu bedenken. „Da können wir nur Vermittler sein.“ So gingen im Rathaus zu solchen Themen ebenso Klagen von Naturschützern wie von Landwirten ein.

Massiv beschwert hatte sich der Brelinger Helmut Wiskow zuletzt über radikale Rückschnitte entlang des Scharreler Wegs und das Abholzen ganzer Baumreihen am Speckweg. Rakebrandt habe inzwischen mit dem Brelinger Naturschützer telefoniert, bestätigte nun Gemeindesprecher Ewald Nagel. Zwei vereinbarte Treffen seien coronabedingt ausgefallen. Rakebrandt hat aber beim Betriebshof der Gemeinde nachgefragt wegen des Scharreler Wegs. Die Mitarbeiter hatten den Wirtschaftsweg zwei Wochen lang freigeschnitten. Die Gemeinde müsse ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommen, erläuterte Nagel. „Das ist natürlich ein Eingriff in die Natur und mag auch erschreckend wirken.“

Die Region Hannover, zuständig als Untere Naturschutzbehörde, ließ über ihren Sprecher Klaus Abelmann wissen, dass das Schreiben von Wiskow aus diesem März dort nicht bekannt sei. Abelmann verwies lediglich auf das umfangreiche Standardverfahren bei Hinweisen auf Verstöße im Gelände.

Dafür, dass es zu solchem Frevel komme, sei sicher Effektivität im Hinblick auf einen möglichst hohen Gewinn eine starke Triebfeder, meint Wiskow. „Am Anfang beim Thema Umweltschutz stehen aber oft Unkenntnis, Gewohnheit und Gleichgültigkeit.“ Es sei nun einmal auch eine gewisse Artenkenntnis vonnöten, um die Bedürfnisse der zu schützenden Pflanze und Tier sowie das Beziehungsgeflecht in einem Lebensraum zu berücksichtigen. Und noch einmal unterstreicht er in seinem Frühlingsappell: „Fatal in diesem Zusammenhang ist die Vorstellung von einer Ordnung, wie Menschen häufig meinen, sie auf Feld und Flur übertragen zu müssen. Diese trägt ganz wesentlich zur Zerstörung von Umwelt und Natur bei.“

Von Ursula Kallenbach