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Region Wedemark Nachrichten „Was wollte der Dichter uns fragen?“
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17:39 03.12.2014
Von Ursula Kallenbach
„Im Literaturkreis versuche ich immer, zwei bis drei Seiten laut zu lesen.“ Quelle: Kallenbach
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Brelingen

Wolfgang Menzel (79) ist emeritierter Professor für Sprache und Literatur an der Universität Hildesheim. Mit seiner Begeisterung hat er nicht nur Studenten und Lehrer für die Literatur eingenommen.

Ohne viele gute Bücher in Kindheit, Jugend und Schule kann doch eigentlich aus Kindern kein Bücherfreund, geschweige denn ein Literaturprofessor werden. Wie war das bei Ihnen?

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Ich bin in meiner Kindheit so gut wie ohne Bücher aufgewachsen – im Riesengebirge in Schlesien. Mein Vater war im Krieg. Ich bin mit Schlagermusik groß geworden und habe selbst als Jugendlicher Tanzmusik gemacht. Das erste, was ich dann als junger Vertriebener gelesen habe, waren Mark Twain, „Huckleberry Finn“ und 24 Karl-May-Bände. Zwölf davon habe ich meiner Mutter abends beim Bügeln vorgelesen. Das waren die ersten literarischen Erfahrungen. Erst auf dem Gymnasium habe ich später über gute Deutschlehrer einen Zugang zur Literatur gefunden.

Wie haben Sie es selbst mit Ihren Kindern gehalten?

Ich habe ihnen auch Comics nahegebracht, warum nicht? Ich habe ja in der Jugend selbst Trivialliteratur gelesen. Außerdem bin ich selbst ein Comic-Fachmann.

Die schlimmste, fast literaturfeindlichste Frage im kollektiven deutschen Schülergedächtnis ist wohl: „Was wollte uns der Dichter damit sagen?“ Wie nähern Sie sich Texten?

Was weiterführt, ist: Was wollte uns der Dichter damit fragen? Jedes Kunstwerk stellt Fragen an uns.

Aber will ich die Fragen persönlich annehmen? Vielleicht möchte ich im Fernsehen gern eine gehobene Literatursendung ansehen, aber das besprochene Buch zu kaufen und zu lesen ist eine andere Sache.

Genau. Unser Literaturkreis lebt aber davon, dass alle Teilnehmer dasselbe Buch lesen, um darüber sprechen zu können. Sie beschäftigen sich hier intensiv mit etwas, das sie vielleicht im Alltag nicht lesen würden. Das ist eine Haltung, auf etwas neugierig zu sein, das anspruchsvoll ist.

Kann man die lernen?

Viele Leser – am Anfang auch im Literaturkreis – sagen: Das tu ich mir nicht an. Sie verweigern sich manchmal Texten. Sie beurteilen, was sie lesen, danach, ob es ihnen gefällt. Aber es geht von der Literatur auch etwas auf den Leser aus, dem er sich stellen muss. Ich sage: Werde mal damit fertig! Hier müssen Sie sich an den Texten reiben!

Ein Beispiel für eine solche Zumutung?

„Die Pest“ von Camus. Viele Teilnehmer fanden darin alles so deprimierend. Dann muss man sie auf die Schönheit der Literatur aufmerksam machen. Und nach dem Gespräch sagen sie dann häufig: Jetzt lese ich das Buch doch zu Ende.

Was tut der Leser, wenn er liest?

Er identifiziert sich und distanziert sich. Dieses Wechselspiel bestimmt die Annäherung an jedes Kunstwerk. Ein kritisches Gespräch zum Beispiel im Literaturkreis kann eine andere Position außerhalb meiner eigenen einnehmen. Der beste Fall aus meiner Sicht: Beim Lesen und im Gespräch verändert sich der Leser.

Im Literaturkreis nehmen Sie Gedichte auch buchstäblich auseinander und setzen sie wieder zusammen. Darf man das?

Das allgemeine Leseverständnis ist ja eher konservativ. Eduard Mörike beispielsweise war revolutionärer als wir. Er hat immer wieder an seinen Texten herumgearbeitet, Neues geschaffen und die Texte verändert und aktualisiert.

Sie lieben es auch, vorzulesen?

Im Literaturkreis versuche ich immer, zwei bis drei Seiten laut zu lesen. Dann merkt man, was für eine Sprache das ist. Besonders Lyrik ist dazu gemacht, dass man sie zu Gehör bringt.

Wie man hört, wählen Sie die Texte eher zufällig aus.

Manchmal lese ich eine Buchkritik und komme so auf ein Buch. Manchmal ist es aber auch der Nobelpreis, der vergeben wird. Übrigens: Manche Autoren haben den Nobelpreis bekommen, nachdem wir sie hier im Literaturkreis besprochen haben.

Zur Person

Wolfgang Menzel wurde 1935 in Schreiberhau in Schlesien geboren. Er studierte im Erststudium von 1957 bis 1960 in Braunschweig und wäre gern Sänger geworden, ließ dann aber seine Musikliebe in ein Studium zum Grund- und Hauptschullehrer eingehen. Sieben Jahre arbeitete er als Musiklehrer an einer Realschule. Erst in seinem zweiten Studium wendete er sich in Göttingen der Germanistik zu. Menzel promovierte in seinem Fach, von 1974 bis 2000 lehrte er als Professor an der Uni Hildesheim mit dem Schwerpunkt Sprachwissenschaft. Von 1995 bis 1998 war er Rektor der Universität.

Er ist Herausgeber der Zeitschrift „Praxis Deutsch“, Schulbuchautor, Verfasser fachdidaktischer Bücher und Aufsätze. Auch nach der Emeritierung bildet er weiterhin Lehrer fort, schreibt und hält Vorträge. Der VHS Langenhagen steht er als Literaturreferent zur Seite.

Der Brelinger kann in seinem Haus auf mehrstöckige Regale voller Bücher blicken. Neben Reisen, gern nach Frankreich, stehen häufig Besuche der beiden Söhne und sieben Enkelkinder an. Er isst und kocht gern und ist häufig Zuhörer bei Sinfonie- und Kammerkonzerten.

Auch in dieser Vorweihnachtszeit können sich Besucher in der Brelinger St.-Martini-Kirche wieder auf eine Traditionsveranstaltung mit Wolfgang Menzel freuen. Am Donnerstag, 18. Dezember, rezitiert er dort ab 19 Uhr Weihnachtsgedichte und Weihnachtsgeschichten – Menzel liest sowohl aus literarischen Klassikern als auch aus einem kleinen Buch mit eigenen Texten.

Gemeinsam lesen

Einmal im Monat jeweils dienstags treffen sich seit Oktober 2005 etwa 15 bis 25 Literaturliebhaber in den Räumen des Imago Kunstvereins. Unter Leitung des Sprachwissenschaftlers Wolfgang Menzel besteht der Literaturkreis 2015 seit zehn Jahren. Imago hatte schon bei seiner Gründung die Kunst mit allen ihren Feldern im Titel: Verein für Bildende Kunst, Literatur, Musik und Darstellende Kunst. „Es geht um die Erweiterung des Horizonts, des Wissens und der Erfahrung“, sagt die Vorsitzende Ute Loewener. Schon Ende 2001 war ein Literaturkreis ins feste Programm aufgenommen worden.

Der Literaturkreis trifft sich am 9. Dezember, 13. Januar und 10. Februar 2015 um 19.30 Uhr im Bürgerhaus Bissendorf, Am Markt 1. Anmeldungen unter Telefon (05130) 9549853, per E-Mail an info@imago-kunstverein.de. Die Teilnahme kostet für fünf Abende 48 Euro, Mitglieder bezahlen 30 Euro.

Roman Rose 02.12.2014
Ursula Kallenbach 02.12.2014