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Region Wedemark Nachrichten Abschied von der Dorfärztin und Kümmerin: Renate Kolb verlässt Resse
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18:17 06.09.2019
Renate Kolb sitzt auf einer Bank vor ihrem Wohnhaus in Resse. Im Erdgeschoss des Gebäudes ist die Arztpraxis. Quelle: Julia Gödde-Polley
Resse

„Ich gehe ja jetzt in Rente“, sagt Renate Kolb und lächelt. Die Resserin sitzt auf einem Stuhl in ihrem Wohnzimmer. Überall in der Wohnung stehen Umzugskartons, Bücher stapeln sich. Denn: Die 78-Jährige hört nicht nur endgültig auf zu arbeiten, sie verlässt auch die Wedemark – nach 21 Jahren. Damit verliert der Ort nicht nur seine ehemalige Hausärztin, sondern in erster Linie auch die Vorsitzende des Vereins Bürger für Resse (BfR).

Kolb zieht zur Familie – zu Schwägerin und Schwager – nach Baden-Württemberg. „Mir war klar, dass ich spätestens mit 80 einen Alterssitz suchen muss.Ich habe nach 21 Jahren wieder Familienanschluss“, freut sie sich auf die kommende Zeit.

Renate Kolb verlässt die Wedemark – nach 21 Jahren. Die Medizinerin ist als Ärztin in den Ort gekommen und war jahrelang im BfR tätig. Ein Spaziergang durch den Ort.

Medizinerin muss ausmisten

Doch bis dahin hat sie noch einiges zu tun. Alte Medizin-Bücher ausmisten zum Beispiel, erzählt sie. Mehrere Bücherstapel in einem ihrer Arbeitszimmer zeugen davon, dass sie sortiert und packt. Die Wohnung über der heutigen Arztpraxis in der Ortsmitte ist 1998 zufällig frei geworden, als Kolb nach Resse kam. Ihr Pech sei jetzt, dass „ich zu viel Stauraum hatte“. Vor dem Umzug Mitte September muss sie sich deshalb von einigen Dingen aus ihrer Bleibe trennen. Ihre Wohnung bezeichnet sie liebevoll als „Leuchtturm-Wohnung“, weil man über die Dächer von Resse schauen könne, erzählt die 78-Jährige. „Manchmal wird mir ganz wehmütig. Ich trenne mich ganz schwer von der Landschaft hier.“ 21 Jahre fühlte sich Kolb in der Wedemark zu Hause.

1998 eröffnete sie ihre Praxis in einem kleinen Reihenhaus in zweiter Reihe an der Straße Im Dorfe. „Ich war sofort in das kleine Haus verliebt“, sagt die einstige Dorfärztin, während sie vor dem Gebäude steht. „Eine hübschere Praxis kann man sich gar nicht vorstellen.“

Fast täglich im Mooriz

Der kleine Ortsspaziergang mit der Reporterin führt weiter entlang der Straße zum Moorinformationszentrum (Mooriz) – ein Ort, an dem Kolb in ihrer Funktion als Vorsitzende des BfR, der die 2011 eröffnete Einrichtung trägt, in den vergangenen Jahren fast täglich war. „Manchmal sechs bis acht Stunden“, erzählt die Resserin. „Wir stecken schon Tausende von Stunden ehrenamtlich da rein.“ Aber es brauche eben Präsenz.

Ein kleiner Ortsspaziergang mit HAZ-Redakteurin Julia Gödde-Polley (rechts) führt Renate Kolb durch Resse. Quelle: privat

Sie zeigt auf das künstlich angelegte Mini-Moor neben dem Gebäude. Das Mooriz sei ihre zweite Arbeitsstätte, jedoch nicht ihr zweites Zuhause. „Das zweite Zuhause ist in Gailhof“, sagt Kolb. „Dort habe ich ein Islandpferd stehen.“ Mit 60 Jahren habe sie angefangen zu reiten – „das ist mein Lebenselixier“. Doch ihr Pony nimmt sie nicht mit. „Mein Pferd genießt jetzt Pension und bleibt auch in der Gegend.“ An ihrem neuen Wohnort will sie ihr Hobby jedoch weiter betreiben – doch nur mit einem Islandpferd.

Kolb macht Vertretung in Praxis

Es geht zu Fuß zurück zu ihrer Wohnung entlang am Feuerwehrgerätehaus. „Wissen Sie, dass ich hier letzte Woche vertreten habe?“ fragt Kolb, während sie am Praxis-Eingang vorbeigeht. Die Ärzte, die seit Februar die Praxis führen, seien krank gewesen. Da sei sie kurzerhand eingesprungen. „Das war so schön“, schwärmt Kolb. Sie habe ehemalige Patienten getroffen. „Ich habe nicht geahnt, wie sehr ich an meinem Beruf hänge.“

2008 hat Kolb ihre Praxis abgegeben. Damals mussten Ärzte noch mit 68 Jahren aufhören zu praktizieren. Sonst drohte ihnen der Verlust der Zulassung. Doch wenige Monate später wurde das Gesetz geändert – daran hat die Medizinerin heute noch spürbar zu knabbern. „Ich hätte also weiter arbeiten können“, sagt sie. Noch heute ärgere sie sich ein bisschen darüber, dass sie so früh aufgegeben hat.

Engagement in und für den Ort

Doch der Ort habe profitiert, sagt Kolb. Seitdem hat sie sich verstärkt im BfR engagiert, den sie 2006 als Gründungsmitglied mit aus der Traufe gehoben hat. 2018 wurde sie zur Vorsitzenden gewählt – gemeinsam mit den Stellvertretern Margret Mahler und Peter Stelzig. Zuvor hat sie das Amt ein Jahr kommissarisch übernommen und war bereits jahrelang im Vorstand tätig. Ihr Amt gibt sie Ende September auf. Zunächst will der Verein mit einer Doppelspitze weiterarbeiten, im April kommenden Jahres stünde eine Neuwahl an.

Auf die Frage, wo in der Wedemark ihr Lieblingsort sei, antwortet Kolb: „Mein Balkon und der Moorerlebnispfad natürlich“. Zudem gebe es auf der Strecke von Engelbostel nach Resse einen Punkt, an dem man die Stadtluft hinter sich lasse und „frei atmen“ kann, berichtet Kolb. Trotz der Entfernung von Hunderten Kilometern will die Ärztin weiterhin verfolgen, was in dem kleinen Ort passiert und ihre Freundschaften pflegen.

Patienten sollen sich wohlfühlen

Und einen Wunsch hat sie für das Dorf auch: „Dass die Patienten sich hier wohlfühlen und gut versorgt werden“, sagt Kolb, während sie auf der Bank vor der Praxis sitzt und immer wieder Passanten zuwinkt oder ein freundliches „Hallo“ herüberruft.

Konkrete Pläne für die Zeit in der neuen Heimat habe sie bis auf das Islandpferd noch nicht, berichtet Kolb. Ehrenämter will sie wahrscheinlich nicht mehr übernehmen. „Ich würde mich eigentlich gerne mal meiner Familie widmen“, sagt die Noch-Vereinsvorsitzende. Und dann kommen ihr doch erste Ideen: Sie will lesen und „ das ein oder andere zu Papier bringen“. Ihre Unterlagen und Fotobücher will die 78-Jährige alle mitnehmen. „Vielleicht schreibe ich etwas über Resse“, sagt Kolb und lacht.„Jetzt haben Sie mich nachdenklich gestimmt“, sagt die 78-Jährige. Je näher der Umzugstermin rückt, desto wehmütiger werde sie. „Aber wie sagt man so schön: Jedem Neuanfang wohnt auch ein Zauber inne, und darauf bin ich gespannt.“

Zur Person: Renate Kolb engagiert sich

Renate Kolb wurde 1941 als drittes von insgesamt vier Kindern in Dresden als Renate Krug geboren. Von 1964 bis 1970 studierte sie an der Freien Universität Berlin Medizin. 1972 erlangte sie die Approbation. Von 1972 bis 1975 leitete sie gemeinsam mit ihrem Mann ein kommunales Krankenhaus in Westafrika. Von 1980 bis 1998 lebte sie in Hannover, ehe sie in der Wedemark – genauer gesagt in Resse – heimisch wurde. Dort eröffnete sie eine Hausarztpraxis. Bis 2008 war sie im Dorf als Ärztin tätig. Von 2009 bis 2019 war sie stundenweise ärztliche Lehrkraft an der Altenpflegeschule Birkenhof in Hannover.

Seitdem sie ihre Praxis abgegeben hat, engagierte sich Kolb ehrenamtlich unter anderem im Vorstand des Vereins Bürger für Resse (BfR) – zuletzt seit April 2018 als Vorsitzende. Zudem betreute sie Herzsportgruppen des MTV Schwarmstedt und der TSG Burgwedel. Kolb hat drei Kinder und inzwischen fünf Enkelkinder.

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Von Julia Gödde-Polley

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