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Region Uetze Nachrichten Gericht muss Urteil verschieben
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16:54 26.11.2018
Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hildesheim will sein Urteil im Uetzer Mordprozess erst am Nikolaustag sprechen. Quelle: Joachim Dege (Archiv)
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Uetze/Hildesheim

Die Schwurgerichtskammer am Landgericht Hildesheim hat mit Rücksicht auf die Staatsanwaltschaft am Montag noch kein Urteil im Mordprozess gegen eine Uetzer Geschäftsfrau sprechen können. Das wollen die Richter am Nikolaustag, 6. Dezember, nachholen. Die zuständige Staatsanwältin hatte sich krankheitsbedingt nicht auf ihr Plädoyer vorbereiten können. Derweil befasste sich das Gericht mit dem psychiatrischen Sachverständigengutachten, das der Angeklagten eine schwere Störung ihrer Persönlichkeit attestierte.

Die 50 Jahre alte Uetzerin soll Mitte Juli versucht zu haben, ihren drei Jahre älteren Lebensgefährten mit einem Küchenmesser rücklings zu ermorden. Das Messer drang aber nur 1,6 Zentimeter in den Rücken ein. Die Frau, die zur Tatzeit alkoholisiert war und Psychopharmaka zu sich genommen hatte, bestreitet den Anklagevorwurf nicht, kann sich aber nicht an den Moment erinnern, als sie zustach. Den Mordversuch hatte sie als erweiterten Suizid in Aufzeichnungen an ihre Kinder angekündigt. Gegenüber Polizisten soll sie in der gleichen Nacht bedauert haben, dass der Mordversuch misslang.

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Am zweiten Verhandlungstag hatte der Psychiater das Wort. Der erhellte für das Gericht, wie es zu der Tat kommen konnte. Detlev Pfender, Facharzt für Psychiatrie aus Göttingen, bescheinigte der Angeklagten Defizite mit Blick auf Nähe und Distanz zu anderen Menschen und die Bewältigung von Konflikten. Auch ein Abgrenzen falle ihr schwer. Stattdessen hungere sie nach Anerkennung, die ihr ihr Umfeld im geforderten Maß nicht geben könne. Ursache dieser schweren Persönlichkeitsstörung seien die Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen sei: geprägt von der frühen Trennung der Eltern, einhergehend mit extremem Leistungsdruck, den die Eltern ausgeübt hätten, bevor sie schließlich die Schule abbrach und in einem Heim unterkam. Die Angeklagte habe die Neigung entwickelt, sich selbst zu verletzen. Als Erwachsene sei sie immer wieder hochproblematische Partnerbeziehungen eingegangen.

Das treffe auch auf die mit dem Opfer zu, mit dem die Frau auch nach der Tat weiter einem Dach lebt. Obwohl der Mann seiner Herzinsuffizienz zum Trotz trinke, rauche, nichts auf die Reihe bekomme, die Frau bisweilen schlage, halte diese an der von extremen, teilweise körperlichen Auseinandersetzungen geprägten Beziehung fest. „Es war eine Beziehungstat“, sagte der Gutachter. Nur möglich, weil an jenem Tag mehrere Umstände zusammengefallen seien: die gravierenden Abwertungen durch den Partner, ein erheblicher Alkoholkonsum, die gleichzeitige Einnahme von Antidepressiva, die in Verbindung mit dem Alkohol die Hemmschwelle senkten, und schließlich ein Gefühl des Scheiterns. Statt sich selbst zu verletzen, wie sie es normalerweise tue, sei die Aggression impulshaft aus ihr herausgebrochen und habe sich gegen den Mann gerichtet. Dabei sei die emotional labile Frau, die in der Partnerschaft die Rolle der Mama statt die der Partnerin einnehme, in ihrer Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen.

Von Joachim Dege