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Region Springe Nachrichten Ehepaar zeigt ein Herz für den Wolf
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16:48 16.08.2019
Birgit und Matthias Vogelsang gelten als Experten für das Rudeltier – nicht nur im Wisentgehege, sondern auch in freier Wildbahn.    Quelle: foto: Reinhold Krause
Springe/Alvesrode

„Es wird zum Thema Wolf gelogen … gelogen … gelogen!“ So vehement kritisiert Matthias Vogelsang die Diskussionen um das Für und Wider der wieder in Norddeutschland angesiedelten Wölfe. Vogelsang, Chef des Wolfsprojekts im Wisentgehege, und seine Ehefrau Birgit waren zu Gast beim Nabu-Stammtisch im Vortragssaal des Museums und räumten rigoros mit den Vorurteilen gegenüber den Wölfen auf.

„Der Wolf in freier Wildbahn hat eine angeborene Scheu gegenüber den Menschen“, skizzierte er das Verhalten der Tiere. Vieles, das in den Medien über das Auftauchen des Wolfes in bewohnten Gegenden verbreitet werde, entspräche nicht der Wahrheit, denn dabei handele es sich meistens um Einzeltiere, die habituiert worden seien, das heißt, sie wurden durch achtlos weggeworfene Lebensmittel angefüttert und ihre Scheu gegenüber ihrem Umfeld ging dabei verloren.

25 Wölfe leben im Wisentgehege

25 Wölfe haben die Vogelsangs in ihrem Bestand. Davon leben zehn handaufgezogene Tiere, Timber- und Polarwölfe sowie Europäische Wölfe im Wisentgehege. Die anderen 15 Wölfe leben zu Zwecken der Verhaltensforschung bei den Vogelsangs in Einbeck. „Man muss auf Augenhöhe mit den Tieren umgehen und ihr Verhalten respektvoll akzeptieren“, antwortete Vogelsang auf die Frage, wie er und seine Frau mit den Tieren leben. Das Aufziehen der Wölfe ist für beide Experten eine Herzensangelegenheit.

Die Zuhörer erhielten in der angeregten Diskussion viele Details über die Aufzucht, das Verhalten der Welpen und den Unterschied zwischen freilaufenden Populationen und Wölfen, die in Gehegen leben. „Es gibt keine zahmen Wölfe“, bestätigte Vogelsang, der nach eigenem Bekunden mittlerweile 60 Wölfe in 20 Jahren großgezogen hat. Die Wölfe, die in einem Gehege leben, seien aggressiver als freilaufende. Aufgrund der begrenzten Fläche komme es öfter zu Revierkämpfen, selbst unter Geschwistern, die auch tödlich enden könnten.

Wölfe mit Hundenahrung großgezogen

Vogelsang berichtete von einem Vorfall aus dem Mai 2015, wo es ihm rechtzeitig gelang, zwei weibliche Geschwister bei einem Revierkampf zu trennen. Etwa zwölf bis 14 Tage nach der Geburt in der Wurfhöhle werden die Welpen dem Muttertier weggenommen und mit der Flasche großgezogen. Dabei handelt es sich um spezielle Nahrung, zum Beispiel im Handel erhältliche Hundespezialnahrung.

Acht Wochen später kommen die Welpen wieder in das angestammte Rudel zurück, dabei verfügten sie schon über 60 Prozent ihres angeborenen Verhaltens. „Sie können zwar noch nicht richtig laufen, heulen aber schon wie die Großen“, erzählte Birgit Vogelsang. „Die Wegnahme ihrer jungen Nachzucht stört die Mutter wenig, nach kurzer Vermisstenzeit geht sie zum normalen Alltag über“, beruhigte Matthias Vogelsang die Besucher. „Anhand des Geruchs und ihrer Gebärden werden sie nach der Entnahmezeit wieder voll im Rudel integriert“ erklärte er das Vorgehen der Handaufzucht.

Dabei zeige sich auch der Automatismus der Wölfe, die Welpen unterwürfen sich sofort bei der Begegnung mit ausgewachsenen Artgenossen. Gefragt nach seinem Lieblingswolf antwortete er, dass alle bei ihm den gleichen Stellenwert hätten.

Soziales Verhalten in Freiheit

„Die Wölfe legen in ihrer Freiheit ein sehr soziales Verhalten an den Tag“ berichtete die Wolfsexpertin. „Der Rüde kümmert sich schon vor der Geburt der Welpen um das Muttertier und versorgt es mit Futter“.

Die Vogelsangs brillierten an diesem Abend mit einer Fülle von Informationen. Auch die Tierhalter, speziell die Schafzüchter, stehen bei den Vogelsangs im Visier.

Die betrieben die Zucht mehr oder weniger als Hobby, beziehungsweise auch als Brauchtum, denn das meiste Lammfleisch, das in Deutschland auf den Tischen lande, komme aus Neuseeland. „Aber unsere Züchter werden aus Steuergeldern für einen Wolfsriss voll entschädigt“, glaubt Vogelsang, sodass sie auch von der Rückkehr der Wölfe profitierten. Das zeigten Studien aus der Schweiz. 

Von Reinhold Krause