Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten Wie Freunde Thomas Döring helfen, sein zweites Leben aufzubauen
Region Sehnde Nachrichten Wie Freunde Thomas Döring helfen, sein zweites Leben aufzubauen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 16.06.2019
Thomas Döring auf seiner umgebauten Terrasse. Quelle: Oliver Kühn
Sehnde/Rethmar

Als das Reh unter seinen Lotus Westfield Seven geriet, änderte sich das Leben von Thomas Döring von einer Sekunde auf die andere. Der rote Sportwagen kam am 11. Oktober vergangenen Jahres in Gretenberg in Höhe der Ziegelei von der Landesstraße ab, kollidierte mit einem Baum und schleuderte auf ein Feld. Eine zufällig hinter ihm fahrende Ärztin reanimierte den 48-Jährigen noch auf dem Acker und rettete ihm damit das Leben, bevor Rettungsdienst und Notarzt eintrafen.

Der Rethmarer wurde bei dem Wildunfall schwer verletzt: Er ist von den Achselhöhlen ab gelähmt und sitzt seitdem im Rollstuhl. Doch der Kfz-Meister hat sein Schicksal angenommen – und wird dabei nicht zuletzt von seinen Sportkameraden des TVE Sehnde unterstützt. Was in den letzten acht Monaten mit ihm passiert ist, ist auch ein Lehrstück über Lebensmut und starken Willen nach einem Schicksalsschlag.

Sportfreunde bauen Zufahrt und Terrasse um

Die TVE-Sportkameraden haben den Hauseingang und die Terrasse rollstuhlgerecht umgebaut. Quelle: Privat

Damit Döring sich in seinem häuslichen Umfeld frei bewegen kann, haben seine Freunde von der Leichtathletikabteilung eine Aktion gestartet, die nicht alltäglich ist. Eine Truppe aus 13 Männern hat an zwei Wochenenden seine Zufahrt zum Haus und die Terrasse komplett neu gestaltet. „Wir waren im ersten Moment alle sehr schockiert und haben uns die Frage gestellt, wie wir Thomas unterstützen können“, sagt Jörg Wöbbekind, einer der Initiatoren. Sie haben das alte Pflaster rausgerissen, Stufen entfernt, das Gelände angehoben und Steine neu verlegt, damit Döring mit seinem Rollstuhl überall rangieren kann. „Mit einer Firma wären die Kosten im fünfstelligen Bereich gelandet“, meint Döring. „Das ist wahre Freundschaft.“

Die Kosten für das Material muss er selbst stemmen, denn die Krankenkasse gebe nur Zuschüsse für Umbauten im Haus. Doch die maximal 4000 Euro reichten bei Weitem nicht. Er habe bereits einen Treppenlift einbauen lassen, doch auch das Badezimmer im ersten Stock müsse umgebaut werden, und auch im Erdgeschoss sei ein neues Badezimmer vonnöten.

Der Unfall ist ausgelöscht

Der Lotus Westfield Seven hatte nach dem Unfall nur noch Schrottwert. Quelle: Clemens Heidrich (Archiv)

Der rote Lotus sei ein Lebenstraum gewesen. „Das war ein Hingucker.“ Doch Erinnerungen an die Fahrt, bei der auch seine Frau schwer verletzt wurde, hat Döring nicht. „Der Tag ist bei mir ausgelöscht.“ Die Diagnose sei ein Schock gewesen, den er anfangs gar nicht realisiert habe. Zwölf Wochen lag er im Krankenhaus in Hamburg. Aber er habe schließlich eine Frau und einen 16-Jährigen Sohn. „Da kann man nicht den Kopf in den Sand stecken, ich bin ja erst 48.“

Er sei zwar etwas sentimental geworden, doch seinen Lebensmut will Döring nicht verlieren. Er möchte bald wieder arbeiten. In der Werkstatt des hannoverschen Betriebes könne er nicht mehr tätig sein, aber er bekomme einen Bürojob, sobald er wieder berufsfähig sei. Das sei eine Perspektive, sagt der Kfz-Meister.

Die Stadt hat den ehemaligen Schotterweg zur Bushaltestelle Bode-Ring rollstuhlgerecht gepflastert. Quelle: Oliver Kühn

Nur zu Hause rumsitzen kommt ebenfalls nicht infrage. Derzeit ist er mit einem sogenannten E-Handbike unterwegs, bei dem ein Vorderrad an seinem Rollstuhl installiert wird. Er sei auch schon auf einer Hochzeit gewesen, auf einer Party, im Kino – und sogar alleine Shoppen in Hannover.

Doch der Rethmarer stößt immer wieder auf Probleme. „Vieles in Sehnde ist nicht behindertengerecht“, sagt er. Die Steigung zum Sehnder Bahnhof etwa könne er nicht allein bewältigen: „Da bin ich fertig, wenn ich oben bin.“ Er fahre deshalb immer mit dem Bus nach Anderten und von dort weiter mit der Bahn. Auch dass es keine behindertengerechte Toilette in Sehnde gebe, sei ein großes Handicap. Dafür habe die Stadt immerhin den Schotterweg zur Bushaltestelle geteert, nachdem sich die SPD-Ortsvereinsvorsitzende Silke Lesemann und der künftige Bürgermeister Olaf Kruse eingeschaltet hätten.

Wieder arbeiten und Auto fahren

Mit seinem Elektro-Handbike ist Thomas Döring viel unterwegs. Quelle: Oliver Kühn

Doch das Ziel ist ein anderes: Döring will sogar wieder Auto fahren. Er habe bereits einen zusätzlichen Führerschein gemacht, bei dem er Gas und Bremse an einem Knauf am Lenkrad mit der Hand bewegen könne. „Nach Fahrstunden habe ich bei der Prüfung gezeigt, dass ich damit umgehen kann.“ Doch dafür brauche es noch ein wenig Zeit.

Und den Sport will er ebenfalls nicht an den Nagel hängen. Seit seiner Kindheit ist der 48-Jährige erst beim Handball und später in der Leichtathletikabteilung des TVE Sehnde aktiv – und das will er auch bleiben. „Jetzt trainiere ich einmal in der Woche Kondition und Bewegung“, erzählt er. Aber auch rollstuhlgerechte Koordination und Krafttraining gehörten dazu, um etwa das Rauf und Runter bei Bürgersteigen zu meistern. „Dabei unterstützen mich die Jungs, das ist schon eine tolle Truppe.“ Aber auch seine engsten Freunde und Nachbarn würden helfen, wo es nur geht. „Auf die ist immer Verlass.“

Darüber hinaus absolviert Döring derzeit das Sportabzeichen. 50 Meter mit dem Rollstuhl fahren, Kugelstoßen, Weitwurf und 3000 Meter mit dem Handbike. Der 48-Jährige hat sein zweites Leben ganz offensichtlich am Schopf gepackt. „Jetzt fehlen noch die Arbeit und das Auto“, resümiert der Rethmarer. „Dann sieht es schon wieder ganz gut aus.“

Von Oliver Kühn

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Schlechte Straßenbeleuchtung und zu hohe Bäume: Der Ortsrat Rethmar hat einige Problempunkte im Ort entdeckt und stellt nun Forderungen an die Stadt. Gleichzeitig ärgern sich die Politiker: viele Wünsche aus dem Vorjahr sind noch nicht erfüllt wurden.

13.06.2019

Die Mitglieder des FC Bayern München-Fanclubs Das Große Freie aus Sehnde haben der Sehnder Tafel zum zweiten Mal 400 Euro gespendet. Den Erlös aus der Weihnachtstombola des Vereins will die Einrichtung für den Tag der offenen Tür im September oder als Einzelfallhilfe für eine Familie verwenden.

15.06.2019

Der Gutshof Rethmar hat sein neues Programm für das zweite Halbjahr vorgelegt. Im Kornspeicher treten unter anderem Comedian Ingo Oschmann, Rockpoet Heinz Rudolf Kunze und die Leipziger Pfeffermühle auf. Den Auftakt macht das Erdbeerfest am Wochenende.

11.06.2019