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Region Seelze Nachrichten Seelzes Kinder haben viele soziale Probleme
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18:35 24.05.2019
Petra Cordes regt Mehrgenerationenhäuser für Seelze an. Quelle: Thomas Tschörner
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Seelze

Seelze führt leider die Negativstatistik an, das ist ein Stück weit erschreckend“, sagt die Regionsabgeordnete Petra Cordes (CDU), die Mitglied im Jugendhilfeausschuss der Region ist. Cordes, die auch Almhorsts Ortsbürgermeisterin und Ratsmitglied ist, verweist auf den sogenannten Themenfeldbericht 2019 – Prävention des Fahrbereichs Jugend der Region Hannover, in dem Seelze vielschichtige Probleme attestiert werden. Um Abhilfe zu schaffen, regt Cordes unter anderem den Bau von Mehrgenerationenhäusern an.

Seelzer Kinder sind von Armut bedroht

Während die Zahl der Menschen unter 18 Jahren in der Region von 2010 bis 2018 nahezu unverändert geblieben sei, sei die Zahl der unter 14-Jährigen und davon wiederum insbesondere der unter Sechsjährigen gestiegen, erklärt Cordes. Seelze habe als bevölkerungsreiche Kommune den höchsten Anteil an unter Sechsjährigen (6,3 Prozent) und unter Zehnjährigen (10 Prozent) in der Region. Hoch ist auch die Zahl der von Armut bedrohten Minderjährigen: Im Jahr 2017 waren 1480 Kinder und Jugendliche auf Mindestsicherungsleistungen angewiesen. „Die Stadt belegt mit 24,8 Prozent den traurigen ersten Platz im Ranking der Regionskommunen, dicht gefolgt von Garbsen mit 23,4 Prozent, wo die absolute Zahl mit 2403 aber höher liegt“, erklärt Cordes. Der Regionsschnitt habe 2017 bei 17 Prozent gelegen. Mit 825 (22,5 Prozent) ist in der Obentrautstadt auch der Anteil der Alleinerziehendenhaushalte relativ hoch.

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Schuleingangsuntersuchungen spiegeln soziale Lage wider

Der Anteil unauffälliger Ergebnisse im sprachlichen Untertest „Präposition“ bei den Schuleingangsuntersuchungen lag in Seelze beim Einschulungsjahrgang 2018/18 bei lediglich 72,1 Prozent und damit im unteren Bereich. Nur die Landeshauptstadt Hannover (71,3 Prozent), Garbsen (65,7 Prozent) und Laatzen (65 Prozent) schnitten schlechter ab. Bei Kindern, die mindestens drei Jahre lang einen Kindergarten besucht haben, gebe es weniger Auffälligkeiten, sagt Cordes. Wortschatz und grammatikalische Kenntnisse hingen nicht nur vom Bildungsgrad der Eltern, sondern generell von der sozialen Lage der Familie ab. Dabei könnten Kinder mit einfachen Mitteln wie regelmäßigem Sprechen, Singen und Vorlesen motiviert werden.

Seelzer Kinder haben häufig ungesunde Zähne

Naturgesunde Zähne haben nach einer in dieser Zeitung bereits veröffentlichen Statistik nur 62,8 Prozent der Seelzer Kinder. Ein saniertes Gebiss haben 10,2 Prozent, und 27 Prozent gelten als behandlungsbedürftig. Damit liegt Seelze auf dem vorletzten Platz vor Garbsen, wo es um die Zahngesundheit der Kinder noch schlechter bestellt ist.

Ein Viertel der Seelzer Kinder benötigt Sprachförderung

Der Anteil der Kinder, die im letzten Kindergartenjahr an der vorschulischen Sprachförderung teilnehmen, ist in den vergangenen Jahren gestiegen. In Seelze liegt der Anteil der Sprachförderkinder mit dem Einschulungsjahr 2018/19 bei 24,4 Prozent. Die Stadt liegt damit nach Laatzen (31,5 Prozent), Ronnenberg (29,5 Prozent) und Hannover (25,6 Prozent) auf dem vierten Platz.

Medienkonsum ist fester Bestandteil des Alltags

Mediennutzung, überwiegend Fernsehkonsum, sei bereits bei Zwei- bis Fünfjährigen fester Bestandteil des Alltags, berichtet Cordes. Nach Empfehlung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sollten Vier- bis Sechsjährige maximal eine halbe Stunde pro Tag fernsehen. Eine AOK-Studie zeige, dass diese Zeiten häufig deutlich überschritten würden, sagt Cordes. Folgen können Verhaltens- und Sprachauffälligkeiten im Vorschulalter sein.

Die Regionsabgeordnete betont, dass die Stadt Seelze viel unternehme, um die Situation zu verbessern. „Die Stadt ist echt gut aufgestellt, die Verwaltung sehr agil.“ Andererseits habe es Seelze auch immens nötig. Eine große Rolle spiele die Bevölkerungsstruktur mit einem hohen Anteil von Migranten und Hartz-IV-Empfängern. Bereits im Mai 2016 hatte der damalige Erste Stadtrat Karsten Balzer davor gewarnt, noch mehr Sozialwohnungen in Seelze zu bauen, weil die Stadt bereits viele einkommensschwache Menschen aufgenommen habe (siehe Kasten). „Wer die Miete in Hannover nicht bezahlen kann, nutzt die nahe gelegenen Umlandkommunen wie Seelze und Garbsen“, meint Cordes.

Cordes sagt aber auch, dass sich Familienstrukturen geändert hätten. Es fehlten die Familienverbände. Großeltern seien häufig nicht mehr in der näheren Umgebung, weil die Menschen immer mehr ihrem Beruf hinterher ziehen müssten. „Es fehlt Familienerziehung.“ Weil auch Frauen arbeiten würden, seien die Kinder häufiger als früher auf sich allein gestellt.

Dem Trend wachsender Problemlagen durch viele Alleinerziehende beziehungsweise wenig soziale Kontakte für Kleinfamilien könne aber entgegengewirkt werden, ist Cordes überzeugt. „Spontan fällt mir die Schaffung von Mehrgenerationenhäusern ein.“ Mehrgenerationenhäuser seien Begegnungsorte, an denen das Miteinander der Generationen aktiv gelebt wird. Sie böten Raum für gemeinsame Aktivitäten und schüfen ein nachbarschaftliches Miteinander in der Kommune. „Mehrgenerationenhäuser stehen allen Menschen offen – unabhängig von Alter oder Herkunft“, sagt die Regionsabgeordnete. Dies sollte etwa beim nächsten Bauabschnitt von Seelze-Süd berücksichtigt werden. Auch seniorengerechte Wohnungen sollten dort mit eingeplant werden.

Seelze hat bereits viel für einkommensschwache Bürger getan

Auf die Bevölkerungsstruktur in Seelze hatte der damalige Erste Stadtrat Karsten Balzer bereits im Oktober 2015 bei einem Gespräch mit KSG-Geschäftsführer Karl Heinz Range und dem CDU-Landtagsabgeordneten Max Matthiesen über bezahlbaren Wohnraum in der Obentrautstadt hingewiesen. Die Stadt Seelze habe in den Achtzigerjahren überproportional viel in den Wohnungsbau für einkommensschwache Menschen investiert, sagte Balzer damals. „Damit haben wir uns aber auch besondere Probleme herangezogen.“ Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger sei deutlich höher als anderswo. Da die so entstandene Struktur für die nächsten 30 Jahre so bleiben werde, müsse die Stadt nicht erneut Vorreiter vor Kommunen wie Isernhagen und Burgwedel sein, warnte Balzer. Denn sowohl Isernhagen als auch Burgwedel hätten bisher deutlich weniger für sozial Schwache getant. Balzer hatte zugleich eine gewisse Ratlosigkeit deutlich gemacht, weil die Stadt in Sachen Wohnungsbau vor besonderen Herausforderungen stehe: Seelze verfüge über keine eigenen Flächen und sei zudem eingeklemmt zwischen dem Flora-Fauna-Habitat-Gebiet im Bereich der Leine und der Bahnlinie.

Inzwischen wird am nächsten Bauabschnitt von Seelze-Süd gearbeitet. Baugebiete sind zudem in Gümmer und Dedensen geplant.

Von Thomas Tschörner