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Nachrichten Ausstellung zeigt Schicksal der Juden
Region Ronnenberg Nachrichten Ausstellung zeigt Schicksal der Juden
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20:05 05.11.2013
Von Ingo Rodriguez
Vor der Vertreibung spielt Fritz Cohen (Zweiter von rechts) Karten mit seinen Eltern und weiteren Verwandten im Garten in Ronnenberg. Cohen lebt heute in den USA.
Vor der Vertreibung spielt Fritz Cohen (Zweiter von rechts) Karten mit seinen Eltern und weiteren Verwandten im Garten in Ronnenberg. Cohen lebt heute in den USA. Quelle: Ingo Rodriguez
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Ronnenberg

Die Liste möglicher weiterer Ausstellungsorte ist offenbar bereits vor der offiziellen Eröffnung morgen im Ronnenberger Gemeinschaftshaus sehr lang: Vom 14. November an soll die Schau im Haus der Region Hannover an der Hildesheimer Straße gezeigt werden. „Und es gibt unter anderem auch bereits Anfragen der Stadt Barsinghausen und einer Synagoge bei Loccum“, sagt Peter Hertel. Der Journalist aus Weetzen hat gemeinsam mit seiner Frau Christiane Buddenberg-Hertel und im Auftrag Ronnenbergs anlässlich des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht am 9. November umfangreiches Material zusammengetragen. Auf 36 Schautafeln wird mit Fotos, Briefen und weiteren Dokumenten die 150-jährige Geschichte der Juden in Ronnenberg nachgezeichnet - beginnend beim alltäglichen Leben, über die fortschreitende Ausgrenzung bis hin zur Vertreibung und Ermordung.

„Am Beispiel der Ronnenberger Großfamilie Seligmann wird das Leid eindrucksvoll deutlich“, sagt Hertel. Er wird die Fluchtgeschichten der Familie gemeinsam mit zwei Schauspielern nach der Ausstellungseröffnung vortragen. „Der Abend der Erinnerung beginnt um 18 Uhr, ist öffentlich und kostenlos“, sagt Bürgermeister Wolfgang Walther. Er hält es für eine wichtige Aufgabe der Stadt, die Erinnerung an das Schicksal der Ronnenberger Juden wachzuhalten. Dass das Interesse an der lokalen Familiengeschichte schon jetzt überregionales Interesse erfährt, ist für den Journalisten Hertel nach seinen umfangreichen Recherchen nachvollziehbar. „Die Großfamilie Seligmann war eine kompakte jüdische Gemeinschaft, deren Schicksal beispielhaft für viele mittelständische jüdische Familien in ganz Deutschland steht“, sagt der Journalist. Insgesamt seien dem Holocaust 13 Ronnenberger Juden zum Opfer gefallen, weitere 22 seien aus Ronnenberg vertrieben worden. „Darunter Angehörige von sieben Linien der Familie Seligmann“, sagt Hertel.

Von den Vertriebenen leben heute nur noch drei der früheren Ronnenberger. „Heinz Seligmann in Rio de Janeiro, Ursula Seligmann in Jerusalem und Ronnenbergs Ehrenbürger Fritz Cohen in den Vereinigten Staaten“, weiß Hertel. Er hat anlässlich seiner Recherchen mit den Überlebenden und ihren Familien Kontakt aufgenommen. „Sie fühlen sich nicht nur wegen der Erinnerungskultur mit der Stadt Ronnenberg sehr verbunden, aber sie sind für eine lange Reise zu alt“, sagt Hertel. Immerhin habe der 91-jährige Ehrenbürger Cohen seine 57-jährige Tochter Elizabeth, die in Washington lebt, als Repräsentantin zu der Gedenkveranstaltung in seine frühere Heimat entsandt. Die in Amerika geborene Cohen ist auf Einladung der Stadt bereits seit einigen Tagen in Ronnenberg - und wird am Abend der Erinnerung auch zu Wort kommen. „Es ist wichtig, zurückzuschauen, um die Zukunft der Familie zu gestalten“, sagte sie am Dienstag bei einer vorgezogenen Besichtigung der Ausstellung. Der Besuch in Ronnenberg sei für sie als Tochter eines Überlebenden mit vielen intensiven Gefühlen verbunden.

Enthüllung eröffnet Gedenkfeier

In der parkähnlichen Grünanlage nahe dem alten jüdischen Friedhof bietet sich Spaziergängern seit Tagen ein skurriles Bild. Was sich unweit der Straße Am Weingarten hinter Absperrgittern und verschnürten Plastikplanen verbirgt, soll aber bereits am Donnerstag zu sehen sein. Ronnenbergs Bürgermeister Wolfgang Walther will dort um 17 Uhr mit der Präsentation eines neuen Mahnmals eine dreiteilige Gedenkveranstaltung eröffnen. „Die Enthüllung soll in würdiger Atmosphäre und dem Anlass angemessen auf eine neue Stele hinweisen“, sagt Walther.

Die Stadt hat in unmittelbarer Nachbarschaft zum jüdischen Friedhof eine Skulptur aufstellen lassen, auf der die Namen aller Ronnenberger Juden zu lesen sind, die in der Zeit der Nazidiktatur ermordet und vertriebenen wurden – insgesamt 13 Opfer und 22 Flüchtlinge. Die Enthüllung der Stele und eines kleinen Sockels mit Zusatzinformationen ist der Auftakt zu einem Abend der Erinnerung.  Die Gedenkveranstaltung beginnt um 18 Uhr im nahegelegenen Gemeinschaftshaus am Weetzer Kirchweg. Auf dem Programm stehen musikalische Beiträge und Berichte über die Schicksale Ronnenberger Juden. Gegen 19 Uhr soll in einer Pause die neue Ausstellung mit umfangreichen Material über die 150-jährige Geschichte der Juden in Ronnenberg eröffnet werden.

Kerstin Siegmund 04.11.2013
Ingo Rodriguez 01.11.2013
Ingo Rodriguez 01.11.2013