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Nachrichten Jugend zwischen Spielmannszug und Tanztee
Region Neustadt am Rübenberge Nachrichten Jugend zwischen Spielmannszug und Tanztee
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15:44 22.02.2019
Tagsüber Marching Band, abends Tanzschuppen: Mitglieder des TSV-Spielmannszugs gründeten in den Sechziger Jahren die ersten Beatbands. Quelle: privat/Archiv Detlef Klamann
Neustadt

Helden der Jugend-Musikkultur: Manche gucken schüchtern, andere frech oder auch ein bisschen rebellisch. Auf einem Schnappschuss von Mitgliedern des TSV-Musikzugs Mitte der sechziger Jahre sind etliche Akteure der Bands zu sehen, die am Abend in den zahlreichen Tanzschuppen der Stadt mit wilder Beatmusik die Jugend unterhielten. Dieter Milach, Franco Natili, Bernhard Otzko, Detlef „Dete“ Klamann, Wolfgang Wiepking, sind nur einige Namen, die Hans-Heinrich Bückmann noch nennen kann.

Bückmann geht mit seiner Geschichtswerkstatt aktuell einer Szene nach, der er zeitweise auch selbst angehörte: Er erforscht die Jugendkultur der Fünfziger und Sechziger Jahre in der Stadt. „Zwischen Tradition und Aufbruch“, hat er das Projekt betitelt, das bringt auch den Spagat der Musiker zwischen Spielmannszug und Beatschuppen zum Ausdruck.

Jugend in autoritärer Struktur – doch mit Freiräumen

„Damals Jugendlicher zu sein war ganz anders als heute“, sagt Bückmann. Die Elterngeneration sei damit beschäftigt gewesen, die materiellen Verluste aus NS-Zeit und Krieg auszugleichen, die psychischen Belastungen zu verdrängen. Für Kinder und Jugendliche war keine Zeit, sie wurden traditionell autoritär in die Erwachsenenwelt eingebunden, sei es in Schule, Betrieb, oder der ritualisierten Partnerwerbung in der Tanzschule. Einerseits. Andererseits genossen die jungen Leute auch eine Menge Freiräume, organisierten ihre Freizeit in Cliquen und Jugendgruppen vielfach selbst, trafen sich bei Tanzveranstaltungen in Kneipen.

Karin Grasenick (heute Horl) und Bodo Horl beim TSV-Kostümfest im Gasthaus Stadt Hannover, 1963. Quelle: privat (Archiv Horl)

„Neben den Heimatfilmen und der Schlagermusik der Eltern entwickelte sich eine über das Radio mit BFBS und Radio Luxemburg verbreitete Kultur des Rock’n’Roll und der Beatmusik“, sagt Bückmann. „Kirchliche Jugendgruppen und Spielmannszüge wurden zu Keimzellen einer westlich orientierten Jugendkultur.“ Tanztees und Kneipen nahmen den Trend auf, boten regionalen Bands und ihrem jugendlichen Publikum eine Bühne und ein Netzwerk. „Es war eine Zeit des Aufbruchs in eine multikulturelle Region“, meint Bückmann.

Zahlreiche Gasthäuser boten Tanz an

Blauer Saal, Tuschkasten, Brauhaus an der Leinstraße, Stadt Hannover an der Nienburger Straße, das Ruprecht an der Landwehr und auch der Saal im früheren Hotel Stern an der Mecklenhorster Straße waren die Schauplätze der Neustädter Musikszene, auch in den Dörfern gab es regelmäßig Tanzveranstaltungen – eine Kultur, von der heute kaum noch etwas übrig ist.

Geprobt wurde in den Schulgebäuden oder in Jugendräumen der Kirchen. „Wir hatten Glück, durften das Gartenhaus an der Mühle Langhorst in Wunstorf nutzen“, sagt Bückmann, der bei „Scirocco“ das Keyboard bediente. Das Trio mit Wolfgang Resse und Günther Wiepking hatte sich dem melodiösen und improvisationsreichen Rock verschrieben, der später als Krautrock bezeichnet wurde.

Für Proben und Auftritte nahmen die jungen Musiker und ihr Publikum auch lange Wege auf sich, bekamen Unterstützung auch von einigen Firmen: Kollmeyer, Temps oder Zettlitz stellten für die abendlichen Touren in die Dörfer Firmenwagen und -fahrer zur Verfügung.

Rock im Schloss zuerst im Freibad

Seit Ende der Sechziger Jahre spielte die Künstlergruppe „Geschwister Neustadt“ eine wichtige Rolle in Neustadts Jugendkultur, darin trafen sich junge Maler, und Bildhauer, die auch viele kontakte mit der Musikszene pflegten und auch politisch aktiv waren. Auf diese bunte Mischung geht auch das erste Festival „Rock im Schloss“ zurück, das allerdings im Freibad stattfinden musste. „Der Oberkreisdirektor hatte den Schlosshof nicht freigegeben“, sagt Bückmann.

Die Geschichtswerkstatt will die aufregende Zeit für die Nachwelt dokumentieren, hat schon erste Einblicke in die Zeit gesammelt – Teile eines Puzzles, das längst nicht vollendet ist, wie Bückmann meint. Erste Ausschnitte sind im Internet unter www.neustadt-geschichte.de zu finden. Man hoffe nun auf weitere Beiträge, Zeitzeugenberichte, besonders gern auch Fotos der Schauplätze, sagt Bückmann. Wer etwas beitragen will, kann sich bei ihm melden, telefonisch unter (05032) 63803, mobil unter (0151) 287638656 oder per E-Mail an info@neustadt-geschichte.de.

Die Wunstorfer Tanzschule Greiner feiert 1958 im Stadt Hannover, Nienburger Straße, in Neustadt. Quelle: Foto-Piller (Archiv Horl)

Von Kathrin Götze

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