Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten Ortsrat sagt Nein zum Naturschutzgebiet
Region Lehrte Nachrichten Ortsrat sagt Nein zum Naturschutzgebiet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:21 20.09.2018
Wer ist gegen das Naturschutzgebiet? Fast alle Hämelerwalder Ortsratspolitiker heben die Hand. Quelle: Achim Gückel
Anzeige
Hämelerwald

Die Hämelerwalder fühlen sich überrumpelt und sind erzürnt – und die meisten Bürger im Dorf sind offenbar strikt dagegen, dass aus dem an das Dorf angrenzenden Hämeler Wald schon bald ein Naturschutzgebiet (NSG) mit allen entsprechenden Einschränkungen für die Nutzung wird. Das ist am Mittwochabend bei einer Sitzung des Ortsrats im Feuerwehrhaus mehr als deutlich geworden. Rund 50 Gäste waren gekommen. Experten aus der Unteren Naturschutzbehörde der Region Hannover erläuterten die Naturschutzpläne, mehr als eine Stunde lang wurde dann diskutiert. Am Schluss lehnte der Ortsrat das Vorhaben mit breiter Mehrheit ab. Nur Roland Panter (Grüne) enthielt sich der Stimme.

Der Unmut der Ortspolitiker entzündet sich vor allem an zwei Dingen. Erstens geht ihnen der Zeitdruck, mit dem die Sache beschlossen werden soll gegen den Strich. „Wir haben seit April um Infos gebettelt und erst am 4. September die Beratungsvorlage erhalten“, sagte Heiko Danielzik (SPD): „Und nun sollen wir die Sache in zehn Tagen durchziehen.“ Zweitens gibt es enorme Verärgerung und große Unsicherheit über die Verordnungen, die ein NSG bringen würde – von Betretungsverboten des Waldes über das Verbot von Feuer, Lärm und landschaftlichen Veränderungen bis hin zur Frage des Holzeinschlags.

Anzeige

Thomas Diekmann (SPD) sprach im Ortsrat von „ernsthaften Sorgen“ und „Verbitterung“ in der Bevölkerung. Außerdem sei der Hämeler Wald bereits ein Landschaftsschutzgebiet, es gebe mithin genügend Regelungen. „Wieso modifiziert man die nun“, fragte der Hämelerwalder. Vize-Ortsbürgermeister Thomas Schorn (FDP) ging noch weiter und sprach von einer „kalten Enteignung“ der Waldbesitzer. Diese hätten in den vergangenen Jahrzehnten den Hämeler Wald in einen beispielhaften Zustand versetzt. Trotz der Nutzung des Menschen handele es sich bei dem rund 1000 Hektar großen Waldstück um ein Schmuckstück.

Reneé Friedrich (CDU) sprach indessen davon, dass nun „die ganz große Keule“ ausgepackt werde. Die Gefahr bei allzu striktem Naturschutz sei, dass „der Wald kaputt geht“. Denn die Waldbauern hätten rund 50 Jahre lang den Wald gepflegt. Ob diese das auch mit hohen Naturschutzauflagen tun werden, bezweifeln nun manche Hämelerwalder. Gerhard Posywio (Piraten) nannte es schlichtweg „unfassbar“, dass man möglicherweise schon bald nicht mehr abseits der Wege in den Hämeler Wald gehen darf. „100 Jahre lang sind die Leute hier mit dem Wald groß geworden, und das hat dem Wald nicht geschadet“, sagte er.

Für die Naturschutzbehörde sprachen Günter Wendland und Michael Schmitz. Sie skizzierten, dass die Umwandlung des Hämeler Waldes in ein NSG zu einer auf europischer Ebene beschlossenen politischen Verpflichtung gehöre, bei der Deutschland zeitlich weit im Hintertreffen sei, weswegen die EU bereits ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet habe. Grundsätzlich gehe es darum, im Programm „Natura 2000“ wichtige Lebensräume zu schützen. Der Hämeler Wald sei als feuchter Eichen- und Hainbuchenwald ein Gebiet höchster Klasse. Die Region setze jetzt im Übrigen nur jene Vorgaben um, die von der EU gefordert werden.

Wendland und Schmitz versuchten auch, die Hämelerwalder zu beruhigen. Die Forstwirtschaft etwa werde „im Großen und Ganzen nicht eingeschränkt“, sagte Schmitz. Der Wald werde auch nicht einfach sich selbst überlassen. Und von Enteignung könne nicht die Rede sein, die Waldbauern könnten weiterhin ihrer Tätigkeit nachgehen. Anregungen, welche Ausnahmen man von den rigiden Regelungen treffen solle, werde man gern aufnehmen und abwägen.

All das beruhigte die wenigsten der Gäste im Ortsrat. Waldbesitzer aus Hohenhameln und Soßmar etwa sprachen vom Hämeler Wald als einem „Paradebeispiel“ dafür, dass Waldwirtschaft und Naturschutz bestens nebeneinander funktionierten. Daran müsse man nun nichts ändern. Eine Besucherin sagte, sie wolle auch weiterhin mit ihren Enkeln in den Wald gehen, um den Kindern Natur zu erklären. Das sei in einem NSG aber dann ja wohl nicht mehr möglich.

Nur wenige Redner sprachen sich für das NSG aus. Eine Besucherin nannte dieses „eine Aufwertung für den ganzen Ort“ und davon, dass „mehr Naturschutz dem Wald gut tut“. Sie sei entsetzt, dass der Ortsrat so ablehnend reagiere. Einen vorsichtigen Unterstützer fand sie nur in Roland Panter (Grüne). Er stehe für Naturschutz, sagte er. Wolle man natürlichen Lebensraum erhalten, müsse man auch Einschränkungen hinnehmen. Und die wirtschaftliche Betrachtung des Waldes sei eben nicht die einzig Wichtige. Die jetzt drohende Ausweisung eines NSG im Schnelldurchgang nannte Panter aber ebenfalls eine „maximale Keule“. Es müsse erst einmal darum gehen, Interessen abzuwägen und diesen Prozess der politischen Willensbildung „ordentlich zu moderieren“. Das sei bisher unterblieben. Panter enthielt sich bei der Abstimmung.

Parlament will Naturschutzgebiet noch vor Weihnachten verabschieden

Das Naturschutzgebietes (NSG) Hämeler Wald soll nahezu das gesamte Waldgebiet westlich von Hämelerwald umfassen – inklusive der westlich daran angrenzenden Sohrwiesen, ein großes Feuchtgelände mit schützenswerten Pflanzen und Tieren. Der politische und behördliche Vorgang, der zur Umwandlung des derzeitigen Landschaftsschutzgebietes nötig ist, soll nun extrem schnell über die Bühne gehen. Der entsprechende Verordnungstext samt detaillierter Landkarten soll im Lehrter Rathaus vom 1. Oktober bis 5. November ausliegen. Dann haben Bürger die Möglichkeit, sich das Werk anzuschauen und Einwände oder Vorschläge einzureichen. Danach wird die Untere Naturschutzbehörde tätig, die eine Vorlage zur politischen Beratung in den politischen Gremien der Region ausarbeitet. Noch vor Weihnachten soll das Regionsparlament das NSG verabschieden.

Von Achim Gückel