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00:17 20.06.2019
Ab dem 1. November ist er Lehrtes Bürgermeister: Christdemokrat Frank Prüße will den Konsens mit den politischen Kräften im Rat suchen und weiterhin viele Gespräche mit Bürgern führen. Quelle: Achim Gückel
Lehrte

Diese Wahl würde spannend werden. Das war schon vor Wochen klar. Doch was sich dann am Sonntagabend bei der Auszählung der Stimmen zur Stichwahl um das Bürgermeisteramt in Lehrte abgespielt hat, war ein Thriller mit Herzschlagfinale.

Als die Ergebnisse aus den Wahllokalen ab etwa 18.15 Uhr im Ratssaal eintrafen, wo sich mehr als 100 Anhänger der beiden Kandidaten versammelt hatten, wechselte die Führung zwischen Amtsinhaber Klaus Sidortschuk (SPD) und Herausforderer Frank Prüße (CDU) mehrfach hin und her. Am Schluss gaben die 4085 Stimmen der zwei Briefwahlbezirke den Ausschlag. Als davon der erste ausgezählt war, konnte der hinten liegende Sidortschuk noch etwas Boden auf den führenden Prüße gutmachen. Doch als um 19.43 Uhr Rathaussprecher Fabian Nolting das Ergebnis des zweiten Briefwahlbezirks nannte, war der Jubel bei den Anhängern des Christdemokraten groß. 51,2 Prozent der Stimmen holte der Herausforderer, 48,8 der Amtsinhaber, der nun am 1. November seinen Schreibtisch räumen muss. In absoluten Zahlen: Prüße erhielt 7463 Stimmen, Sidortschuk 7114.

Bestürzung über niedrige Wahlbeteiligung

Dabei war die Beteiligung an der Stichwahl erschreckend niedrig. Nur 41,8 Prozent der Wahlberechtigten machten von ihrem Stimmrecht gebraucht, also nicht einmal jeder Zweite. In einzelnen Ortschaften, etwa in Hämelerwald und Arpke, lag die Beteiligung sogar weit unter 40 Prozent. Lehrtes Ratsvorsitzender Klaus Schulz (SPD) gab noch während der Auszählung zu, dass er „bestürzt“ über die Wahlbeteiligung sei.

Das Endergebnis steht fest: Im Lager der CDU herrscht Jubel, bei der SPD Entsetzen. Quelle: Thomas Böger

Nach der Bekanntgabe des Endergebnisses war die Enttäuschung im Lager der SPD riesig. Die Unterstützer Sidortschuks verließen schnell den Ratssaal. „Die Welt dreht sich weiter. Ich weiß nicht, woran es gelegen hat. Wir haben einen tollen Wahlkampf gemacht. Aber das ist eine demokratische Entscheidung, die man respektieren muss“, sagte der noch amtierende Bürgermeister kurz. Am Montag war er nicht für eine nähere Einordnung des Wahlergebnisses zu sprechen. Sidortschuk habe am Morgen seinen bereits lange geplanten Urlaub angetreten, hieß es aus dem Rathaus.

Aus dem Amt gewählt: Der noch amtierende Lehrter Bürgermeister Klaus Sidortschuk (SPD) mit seiner Ehefrau Gaby. Quelle: Thomas Böger

Freibier vom CDU-Vorsitzenden

Umso größer war der Jubel am Sonntagabend bei den Christdemokraten. Lehrtes Parteivorsitzender Hans-Joachim Deneke-Jöhrens lud seine Mitstreiter zu Freibier an der Theke des Ratssaales ein. Insbesondere bei den Mitgliedern der Jungen Union, die Prüßes Wahlkampf massiv unterstützt hatten, herrschte Partystimmung.

Prüße selbst äußerte sich am Sonntag gewohnt selbstbewusst: „Ich hatte mir von Anfang an eine Chance ausgerechnet. Sonst hätte ich nicht kandidiert“, sagte er. Als der künftige Bürgermeister dann das Mikrofon ergriff, bedankte er sich nicht nur bei seinen Wählen, sondern auch bei seiner Familie sowie den politischen Unterstützern, namentlich beim Unabhängigen Oliver Gels, der im ersten Wahlgang mit knapp 20 Prozent der Stimmen ausgeschieden war, aber ebenfalls für einen Wechsel im Rathaus geworben hatte.

Lehrte besser machen, als es jetzt schon ist“

Prüße erwähnte auch die Vielzahl von Haustürbesuchen, die er im Wahlkampf absolviert hatte. Er werde diese direkten Gespräche mit den Bürgern fortsetzen. Außerdem werde er sich „an das Wahlprogramm halten und sich daran messen lassen". Prüße schloss mit den Worten: „Ich möchte Lehrte noch besser machen, als es das jetzt schon ist.“

Allein wird der designierte CDU-Bürgermeister das allerdings nicht schaffen. Schon am Montagvormittag gab er die Marschroute aus, nun den Konsens mit dem politischen Gegner suchen und „vernünftige Politik für die Stadt“ machen zu wollen. Die Chancen dazu seien gut, denn im Vorfeld der Bürgermeisterwahl seien „keine Gräben aufgeschaufelt worden“. In seiner Endphase sei der Wahlkampf zwar pointiert und sehr engagiert, aber trotzdem fair geführt worden.

Lesen Sie auch: So verlief die Bürgermeisterwahl in Lehrte

CDU-Chef: Kein dramatischer Politikwechsel

Deneke-Jöhrens erwartet von der Wahl Prüßes keinen dramatischen Wechsel der Politik in der Stadt. „Wir werden es nur gemeinsam hinkriegen“, sagte er mit Blick auf die rot-grün-rote Mehrheit im Rat. Er habe in der CDU daher auch eine deutliche Parole ausgegeben: „Kein Triumphgeheul!“ Die Christdemokraten seien vielmehr gut beraten, „sich in Demut zu üben“, denn sie blieben im Rat in der Minderheit. „Ich hoffe, dass unter den Fraktionen weiterhin ein vernünftiges Verhältnis bestehen bleibt“, sagte Deneke-Jöhrens.

Lehrtes SPD-Parteivorsitzender und Fraktionschef Bodo Wiechmann äußerte sich am Montagvormittag insbesondere bitter enttäuscht über die niedrige Wahlbeteiligung. Warum es Sidortschuk nicht geschafft habe, sei schwer einzuschätzen. Möglicherweise gebe es aber an einzelnen Stellen in der Stadt Unzufriedenheit. Manche Themen seien von Wählen offenbar „schlecht bewertet“ worden, meinte Wiechmann. Er meine damit etwa die Pannen beim Ausbau der Backhausstraße in Ahlten, die Diskussion um das geplante Aldi-Logistikzentrum bei Aligse oder die fehlenden Kita-Plätze.

SPD-Chef: Große Erfolge nicht gewürdigt

Die großen Erfolge in der Amtszeit Sidortschuks seien unterdessen von vielen Wählen nicht gewürdigt worden, meinte Wiechmann – so etwa die Ausweisung von Baugebieten, weitreichende Entscheidungen in der Schullandschaft mit der Einführung einer Oberstufe an der IGS oder der endgültige Ausbau im Bereich des Zuckerzentrums. Gleichwohl sei die demokratische Entscheidung der Wähler nun zu akzeptieren.

Wiechmann meint, dass die Arbeit im Rat mit einem rot-grün-roten Übergewicht und einem CDU-Bürgermeister ab dem 1. November „sehr spannend“ werden wird. Die Ratsmehrheit werde jedenfalls weiterhin „thematisch und sachorientiert“ weiterarbeiten. Die CDU hingegen habe im Wahlkampf mit einigen „steilen Thesen“ aufhorchen lassen.

Grüne sind neugierig auf Zusammenarbeit mit Prüße

Lehrtes Grüne gratulierten Frank Prüße am Sonntagabend, bereits 50 Minuten nach der Bekanntgabe des Endergebnisses, schriftlich. Es sei „kein Geheimnis, dass wir lieber mit Klaus Sidortschuk weitergemacht hätten“, betont Parteisprecher Roland Panter in dem Schreiben. Nun sei man neugierig auf die Zusammenarbeit mit Prüße. Dieser sei schließlich mit einem „frischen, eher CDU-untypischen Wahlprogramm angetreten.“

Panter nannte auch gleich einen Schwerpunkt der Grünen: „Wir erwarten, dass der Radschnellweg Hannover-Lehrte nun aktiv im Rat angegangen wird.“ Ronald Schütz, Sprecher der Grünen-Ratsfraktion, erwartet nun eine baldige Einladung des neuen Bürgermeisters, „um mehr über seine konkreten Pläne für Lehrte zu erfahren.“

Der Kommentar: Die vielen Gründe für Sidortschuks Scheitern

Keine Wiederwahl des Amtsinhabers, erstmals seit einer halben Ewigkeit ein CDU-Mann als Stadtoberhaupt im (früher) tiefroten Lehrte: Ja, das ist eine Sensation. Oberflächlich betrachtet. Doch es gibt gleich ein ganzes Bündel handfester Gründe, warum Frank Prüße es geschafft hat, das Rathaus zu erobern. Der banalste dieser Gründe ist wohl jener, dass der Rechtsanwalt und Vorsitzende des Lehrter SV sowie des Sportrings in der Stadt so bekannt ist wie der berühmte bunte Hund.

Prüße hat den Ruf einen tatkräftigen Machers, eines Energiebündels. Dass er erst kurz vor seiner Nominierung in die CDU eingetreten ist und nur wenig christdemokratischen Stallgeruch hat: kein Nachteil, sondern eher ein Plus. Man kauft es Prüße ab, dass er nicht für die Interessen einer Partei arbeitet, sondern eher für die der Bürger steht.

Sein Wahlkampf war über alle Maßen engagiert, in Hunderten von Gesprächen an Haustüren hat er Wähler für sich eingenommen. Prüße war wochenlang in sozialen Netzwerken omnipräsent. Er hat den Slogan „Wechsel im Rathaus“ des im ersten Wahlgang mit knapp 20 Prozent der Stimmen ausgeschiedenen unabhängigen Bewerbers Oliver Gels ausnutzen können. Und er hat es geschickt geschafft, jene Interessengruppen in der Stadt für sich zu gewinnen, die Sidortschuk ganz persönlich Pannen und Missstände vorwerfen. Stichworte: fehlende Kita-Plätze, Streit um das Aldi-Logistikzentrum, mögliche Abschaffung der Straßenausbaubeiträge.

Und Sidortschuk? Er hat Lehrtes Verwaltung acht Jahre lang umsichtig, in höchst kompetent und sachlich geführt. Der Mann kann den Job. Und wer ihn persönlich erlebt hat, der kann bestätigen: Sidortschuk ist nicht so spröde und bürgerfern, wie es von manchen seiner Gegner in jüngster Zeit immer wieder gebetsmühlenartig behauptet wurde. Der Sozialdemokrat war es auch, der nach einem Amtsantritt im Jahr 2011 Bürgerabende und Anwohnerversammlungen zu einzelnen Sachthemen in Lehrte zum Standard erhob.

Aber um viele Dinge, die Sidortschuk in den vergangenen ein, zwei Jahren angepackt hat, gab es heftige Diskussionen. Mehr als nur einmal blies ihm Gegenwind ins Gesicht. Da war die unsägliche Debatte um die mögliche Schließung des Schwimmerbeckens im Freibad. Es gab die fruchtlose Diskussion um eine Verlagerung des Wochenmarktes in die Innenstadt. Auch die Aufgabe der Kleingartenkolonie zugunsten eines Wohngebiets tragen manche Lehrter Sidortschuk persönlich nach. Das summierte sich. Die Front jener, die geradezu trotzig nach einem Wechsel im Rathaus riefen, wurde stetig größer.

Aber nicht nur das hat Sidortschuk nun das Amt gekostet. Die SPD setzte auf einen, nach eigenen Worten, sachorientierten Wahlkampf. Man könnte auch sagen, der Wahlkampf war etwas blutleer. Und die Quittung dafür gab es dann bei der Stichwahl selbst in SPD-Hochburgen wie etwa Sievershausen oder Hämelerwald. Dort lagen die Sozialdemokraten beim ersten Wahlgang (samt Europawahl) noch meilenweit vorn. Bei der Stichwahl gab es dort unterirdisch schlechte Wahlbeteiligungen und nur noch knappe Vorsprünge für Sidortschuk.

Am 1. November beginnt also eine neue Zeitrechnung in Lehrte. Ein CDU-Bürgermeister trifft auf einen von SPD, Grünen und Linken dominierten Rat. Polit-Neuling Prüße ist dann als Mann des Ausgleichs und der Kompromisse gefragt. Denn Zank und politischen Stillstand kann sich Lehrte angesichts der enormen Aufgaben der Zukunft nicht leisten.

Von Achim Gückel und Thomas Böger

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