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Nachrichten Bürgermeisterkandidaten offenbaren beim HAZ-Forum viele Gegensätze
Region Lehrte Nachrichten Bürgermeisterkandidaten offenbaren beim HAZ-Forum viele Gegensätze
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00:17 02.05.2019
Die Kandidaten: Bürgermeister Klaus Sidortschuk (SPD, von links), Thomas Ganskow (Piratenpartei), Frank Prüße (CDU) und Oliver Gels (parteilos) haben sich beim HAZ-Forum den Fragen der Bürger gestellt. Quelle: Oliver Kühn
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Lehrte

Die Resonanz war eindrucksvoll: Fast 300 Besucher haben sich am Montagabend beim HAZ-Forum zur Bürgermeisterwahl in Lehrte im Kurt-Hirschfeld-Forum eingefunden. „Ich sehe einen Querschnitt der Gesellschaft“, freute sich Moderator und HAZ-Redakteur Achim Gückel. Das Interesse war genauso groß wie die Konzentration der Gäste auf die von Lesern eingeschickten Fragen und die Antworten der Kandidaten – kaum einer verließ die zweistündige Veranstaltung, die damit sogar eine gute halbe Stunde länger dauerte als geplant, bereits vorzeitig.

Das altersmäßig bunt gemischte Publikum hörte bis zum Schluss aufmerksam zu. Quelle: Oliver Kühn

Am 26. Mai können die Lehrter darüber entscheiden, wer von den vier Kandidaten vom 1. November an für die nächsten sieben Jahre Chef im Rathaus sein wird: Amtsinhaber Klaus Sidortschuk (SPD) oder die Herausforderer Frank Prüße (CDU), Thomas Ganskow (Piratenpartei) und Oliver Gels (parteilos).

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Gegensätze beim Neubau des Gymnasiums

Eines der meist diskutierten Themen ist seit Monaten der geplante Neubau des Gymnasiums: Soll er am derzeitigen Standort Friedrichstraße oder auf dem Schützenplatz verwirklicht werden? Darauf fielen die Antworten sehr unterschiedlich aus. „Der Schützenplatz wird nicht bebaut und muss so bleiben“, sagte Gels seine Meinung klar: „Da kommt keine Schule für mich hin.“ Nur müsse der Platz mit Flohmärkten und Festen mehr belebt werden, auch ein WC-Häuschen wäre sinnvoll.

„Der Schützenplatz eignet sich sehr gut“, meinte dagegen Ganskow. Prüße plädierte für einen „ergebnisoffenen Vergabewettbewerb“ in Sachen Gymnasium-Neubau, will den Schützenplatz aber erhalten und regte im Fall eines Neubaus eine Multifunktionsfläche an, die auch von Vereinen genutzt werden könnte, um Leben in den Stadtpark zu bringen. Sidortschuk dagegen bezweifelte, ob dort genug Platz für zwei Gebäude, einen Schulhof und Parkplatz sowie eine Multifunktionsfläche sei: „Den Optimismus teile ich nicht.“

In diesen Zusammenhang gehörte auch die Zukunft des Schulzentrums Süd. Für Prüße geht kein Weg an einem Abriss der bestehenden Gebäude von IGS, Realschule und Berthold-Otto-Schule und einem kompletten Neubau vorbei – doch wie die dazu zuletzt aufgerufenen 80 Millionen Euro an Investitionen gestemmt werden könnten, sei eine zentrale Herausforderung. Gels plädierte grundsätzlich für diese Campus-Lösung inklusive des Gymnasiums und einer großen Turnhalle. Amtsinhaber Sidortschuk zeigte sich hingegen pessimistisch. Ein Campus mit Realschule, IGS und Gymnasium mit insgesamt 2800 Schülern wäre eine „zu große Lösung“.

Leser kritisieren Kitaplätze in Containern

HAZ-Redakteur Achim Gückel (links) moderiert die Veranstaltung und gibt die Fragen der Leser weiter. Quelle: Oliver Kühn

Wie Kitaplätze in Containern mit einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildung zusammenpassen, wollte ein Leser wissen. „Das Problem ist seit 2017 bekannt, 250 Plätze fehlen, doch es ist nichts passiert oder wurde nicht mit Hochdruck verfolgt“, kritisierte Prüße in Richtung seines SPD-Kontrahenten. Jetzt müsse man drei Millionen Euro für die mobilen Einheiten ausgeben, bis die fünf geplanten neuen Kitas fertiggestellt seien. Gels wurde noch schärfer im Ton: „Die Verantwortlichen haben geschlafen.“ Das werde nun auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Im Neubaugebiet Sievershausen habe die Stadt ganz einfach eine Kita vergessen. Lehrte dürfe aber keine „Container-City“ werden.

Sidortschuk wehrte sich gegen die Zahlen. Die Stadt habe in den vergangenen Jahren fast 280 neue Kitaplätze und 50 neue Stellen geschaffen. Es fehlten lediglich 50 bis 100 Plätze, bislang sei noch jedes Kind aufgenommen und keine Gruppe wegen Erziehermangels geschlossen worden – und Container erfüllten die gleichen Voraussetzungen wie feste Häuser. Da sprang ihm Kandidat Ganskow bei. Container seien gut ausgebaut und für eine vernünftige Betreuung geeignet.

Mehr Party in der Stadt!

Außer dem Weihnachtsmarkt und dem Weinfest laufe in Lehrte in Sachen Stadtleben und Stadtmarketing nicht mehr viel, hatte ein anderer Leser moniert. „Da hat er wohl das Schützenfest vergessen“, erinnerte Gückel an eine der großen Traditionsveranstaltungen. Man habe viel Kunst, Kultur und Theater in der Stadt und auch die Weihnachtsbeleuchtung deutlich verschönert, entgegnete Sidortschuk. „Wir brauchen aber mehr Man- und Womanpower von Ehrenamtlichen im Stadtmarketingverein.“

Das wollte Prüße nicht gelten lassen. Alles auf die Ehrenamtlichen zu schieben, reiche nicht: „Wir müssen die Hauptamtlichkeit ausweiten und brauchen eine zweite Kraft.“ Dann wären auch wieder der Maibummel und ein Public Viewing bei Fußball-Weltmeisterschaften möglich. Auch Gels forderte mehr Personal im Stadtmarketingverein und verstärkt Vereine ins Boot zu holen: „In Lehrte muss wieder mehr los sein, Lehrte muss rocken und Party machen.“ Ganskow schlug ein Foodtruck-Festival über mehrere Tage vor.

Ordnungsdienst gegen Vermüllung begrüßen (fast) alle

Große Bühne: Die Kandidaten konnten im Kurt-Hirschfeld-Forum ihre Vorstellungen vor einem großen Publikum präsentieren. Quelle: Oliver Kühn

Die Vermüllung in der Stadt beschäftigt viele Leser – wie will die Verwaltung dagegen vorgehen? Mit einem Ordnungsdienst, der im Sommer komme, sagte Sidortschuk. Zwei Mitarbeiter sollten dann gegen die oftmals gleichen Personen vorgehen, die sich nicht benähmen und auch „robuste Ansprachen“ machen. Streifengänge sollten der „gefühlten Unsicherheit“ vieler Bürger begegnen. Ein Ordnungsdienst sei der richtige Weg, befand auch Prüße. Er bezweifelte aber, ob dafür zwei Mitarbeiter ausreichten.

Gels hält solch einen Dienst ebenfalls für richtig, aber mit mehr Personal – und regte als Kriminalbeamter eine Videoüberwachung an ausgewählten Stellen an. Vermüllung sei eine Ordnungswidrigkeit, die die Stadt konsequent ahnden müsse. Lediglich Ganskow zeigte sich skeptisch, das sei eigentlich eine Aufgabe der Polizei. Und in Hannover habe der eingeführte Ordnungsdienst auch nicht viel verändert.

Flüsterasphalt und Lkw-Verbote gegen Verkehrslärm?

Auch die Themen Lärm und Verkehr bewegt die Lehrter. Die Situation sei schwierig, sagte Prüße, eventuell könne man an Strecken wie etwa der Ahltener oder Iltener Straße Flüsterasphalt einbauen und Tempolimits einführen. Gels forderte, bei Unfällen auf der A2 eventuell Lkw-Fahrverbote für die Innenstadt zu überdenken, bessere Grünphasen einzurichten, Lärmschutzwände an Bahntrassen voranzutreiben und den Radverkehr zu stärken. Sidortschuk erinnerte an den Lärmaktionsplan, den die Stadt über den gesetzlichen Lärmschutz hinaus an Straßen und Bahnstrecken ausweiten wolle und kündigte an, dass man mindestens eine Buslinie in der City auf Elektroantrieb umstellen werde –mucksmäuschenstill könne es in der Stadt aufgrund ihrer Verkehrslage aber niemals werden.

Zum Thema Radschnellweg nach Hannover positionierten sich die Kandidaten klar. Gels antwortete ebenso wie Ganskow mit einem deutlichen Ja, auch Prüße will sich dafür einsetzen, doch nicht durch Wohngebiete. Sidortschuk sagte, er sei nicht grundsätzlich dagegen, doch habe das innerörtliche Radwegenetz mit Strecken wie etwa von Lehrte Süd zum Schützenplatz mit 1000 Radlern am Tag Vorrang.

Straßenausbaubeiträge abschaffen wollen alle – doch wie?

Eine klare Vorstellung hat Gels bei den Straßenausbaubeiträgen, die Bürger ruinieren könnten: „Diese müssen abgeschafft werden.“ Auch Prüße nannte die oft hohen Summen eine ungerechte Sache, die dem Solidaritätsprinzip widersprächen und plädierte ebenfalls für eine Abschaffung. Ganskow stimmte seinen Vorrednern bei und meinte, dass man sich über die Finanzierung später Gedanken machen könne – was für Heiterkeit im Saal sorgte. Sidortschuk erinnerte daran, dass man dann eine Million Euro pro Jahr mehr durch Kredite finanzieren oder die Grundsteuer von 440 auf 740 Punkte erhöhen müsste: „Damit wären wir dann Niedersachsenmeister.“

Ein weiteres Streitthema in Lehrte seit fast drei Jahren ist das geplante Aldi-Logistikzentrum. Lehrte sei von der Lage her ein günstiger Ort für Logistik und „lieber Aldi als Amazon“ meinte Ganskow. Aligse sei der richtige Standort, befand Prüße, doch die Versiegelung von 20 Hektar Flüche müsse Lehrte in Sachen Arbeitsplätze und Gewerbesteuer auch etwas bringen. „Sonst müssen wir Aldi absagen.“ Auch Sidortschuk bezeichnete Aligse als beste Fläche in der Stadt, zudem sei Aldi seit 50 Jahren ein verlässlicher Partner der Stadt. Er wünsche sich wieder eine sachliche Diskussion, und da stimmt ihm Gels zu. „Die hat gefehlt, das würde ich als Bürgermeister anders machen“, sagte der Parteilose mit einem Seitenhieb auf den Amtsinhaber. Die Bürgerinitiative in Aligse lobte Gels: Diese habe gute Arbeit geleistet, denn schließlich sei noch nichts gebaut worden.

Nach gut zwei Stunden war das HAZ-Forum beendet. Und nachdem, was in den Gängen zu hören war, haben viele Lehrter nun eine konkretere Vorstellung der Kandidaten mit nach Hause genommen.

Die Debatte zum Nachlesen im Liveticker:


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Von Oliver Kühn