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Region Lehrte Nachrichten Die Zeit für die Menschen fehlt
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08:27 05.09.2014
Pflegen seit 25 Jahren alte Menschen im Rosemarie-Nieschlag-Haus: Alicja Janetzko (links) und Manuela Stüdemann. Quelle: Michael Schütz
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Lehrte

Wer diese lange Zeit in einem Beruf arbeitet, kann viel über dessen Entwicklung erzählen. Bei diesem Vergleich von früher zu heute kommt bei den beiden Lehrterinnen die Gegenwart selten gut weg. Vor allem die Bewohner der Pflegeeinrichtungen in Deutschland hätten unter den Veränderungen zu leiden. „Wir haben weniger Zeit für sie“, meint die 57-jährige Stüdemann, die schon vor ihrer Zeit in Lehrte neun Jahre lang in einem Altenheim im Kreis Hildesheim gearbeitet hat.

Schuld daran sei vor allem die Bürokratie, die die Krankenkassen den Pflegeeinrichtungen auferlegten. „Wir müssen wahnsinnig viel dokumentieren“, meint die gebürtige Hildesheimerin. „Diese Zeit könnten wir den Menschen geben.“

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Auf der anderen Seite habe sich gerade für die Bewohner eine Menge verbessert. Janetzko erinnert sich noch an Dreibettzimmer und an eine Badewanne für 28 Bewohner. „Das hat sich deutlich gebessert“, befindet die 56-jährige gebürtige Polin. Es gebe zudem mehr Mitspracherechte. Allerdings seien die Menschen früher wesentlicher ausgeglichener gewesen, meint Stüdemann. „Das bringen sie von außen mit“, sagt sie.

Die Voraussetzungen für 25 Jahre und mehr in diesem Beruf sind den beiden klar: „Wir haben ein Helfersyndrom.“ Lange habe sie die Probleme aus dem Heim auch mit nach Hause genommen, erzählt Stüdemann. „Erst in letzter Zeit kann ich besser abschalten.“ Sie beneide ein wenig den Nachwuchs in dem Beruf. „Die lassen das nicht so an sich heran.“

Was die Bedeutung ihres Berufes angeht, wird Stüdemann deutlich: „Es sollte jeder mal ein Jahr in der Pflege arbeiten.“ Das zeige der Jugend, was aus dem Leben werden könne. Vielleicht würde sich dann auch die Wertschätzung für ihre Arbeit erhöhen. Die sei in den letzten Jahren merklich weniger geworden.

Pfleger haben keine Lobby

Den Fachkräftemangel sieht Johannes Reese als eine der derzeit dringendsten Herausforderungen im Pflegebereich. „Wir bilden noch selber aus“, zeigt sich der Leiter des Evangelischen Alters- und Pflegeheims zufrieden über die derzeitige Situation an der Iltener Straße. Noch könne das Heim den Bedarf an Nachwuchskräften darüber decken. „Man muss abwarten, ob das so bleibt.“ Reeses Pflegedienstleiterin Dora Hagen bemängelt die fehlende Lobby für die Pflege. „Die politischen Rahmenbedingungen müssen verbessert werden, um die jungen Leute für den Beruf zu motivieren.“ Da sehe sie zurzeit wenig Willen: „Bundeskanzlerin Merkel hat unlängst gesagt, dass der Job in der Pflege schwerer sei als ihr eigener.“ Sie hält das für ein Lippenbekenntnis: „Dann muss sie auch was tun.“ Dass der Begriff der Pflegebedürftigkeit geändert werden soll, begrüßt Reese. „Aber es geht alles sehr langsam.“

Von Michael Schütz

Oliver Kühn 04.09.2014
Oliver Kühn 04.09.2014