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Nachrichten Galas: „Die SPD verlassen? Das wäre jetzt fast Landesverrat“
Region Langenhagen Nachrichten Galas: „Die SPD verlassen? Das wäre jetzt fast Landesverrat“
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15:48 23.04.2019
Dieter Galas vor seinem persönlichen "10-Meter-Brett", seiner Gesetzes-Sammlung in seinem Arbeitszimmer.
Dieter Galas vor seinem persönlichen "10-Meter-Brett", seiner Gesetzes-Sammlung in seinem Arbeitszimmer. Quelle: Rebekka Neander
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Langenhagen

Wer etwas über Schulrecht in Niedersachsen wissen möchte, fragt am besten Dieter Galas. Der ehemalige Leiter der IGS Langenhagen gehört seit vielen Jahren zu den Kommentatoren der Niedersächsischen Schulgesetzes. Er organisierte Niedersachsens ersten Lehrerstreik und landete dafür prompt vor Gericht. Auch das „Volksbegehren für gute Schulen“ geht auf ihn zurück. Galas, der im Sommer seinen 82. Geburtstag feiern wird, gehört in diesem Jahr der SPD 50 Jahre an. Am heimischen Küchentisch hoch oben in Hainhaus blick er über seine Kaffeetasse zurück – und nach vorn. Oder besser: nach unten?

50 Jahre gehören Sie jetzt der SPD an. Würden Sie heute noch einmal eintreten?

Ja! Bei so langer Mitgliedschaft gibt es aber auch Augenblicke, in denen man über Austritt nachdenkt – meistens weil man Schwierigkeiten mit dem Führungspersonal hat. Aber es überwiegen die Gründe drin zu bleiben. Jetzt, wo es die Partei sehr schwer hat , da wäre es ja fast schon Landesverrat, nicht einzutreten oder gar auszutreten. (lacht) Wir müssen jetzt wieder Fuß fassen: Die Schere zwischen Arm und Reich darf nicht so weit auseinanderklaffen.

Ist die SPD heute denn auf einem guten Weg?

Der Reformweg ist lang und schwierig – aber der Anfang ist gemacht! Allerdings bin ich traurig, dass mit Sigmar Gabriel ein so talentierter Politiker abserviert wurde. Der ist aber so robust, dass er sich wieder aufrappeln wird. In der Politik oder in der Wirtschaft. Aber jetzt müssen für die SPD erst einmal in diesem Jahr die Wahlen gewonnen werden. Insbesondere Bremen. Wenn die SPD dort verliert, wäre das besonders hart.

Sie sind 1969 in die SPD eingetreten, just nach erfolgreicher Promotion. Warum?

Na, ich kam frisch von der Hochschule! 1968 lag gerade hinter uns. Den Muff unter den Talaren wollten wir beseitigen. Das war die Zeit von Willy Brandt, kurz bevor er Kanzler wurde. Er wollte mehr Demokratie wagen. Das wollten wir auch.

Kein Muff mehr unter den Talaren

Ist es gelungen?

Weitgehend: Die Hochschulen sind demokratisiert – Muff unter den Talaren gibt es nicht mehr. Das Beamtenrecht allerdings, das wir ja auch weiterentwickeln wollten, erwies sich dann aber doch als deutlich stabiler. Ein einheitliches Dienstrecht für alle gibt es bis heute nicht. Es spricht für sich, dass kein anderes Land in der Welt ein Beamtenrecht kennt, wie wir es haben. Die Betroffenen selbst wollen es allerdings nicht ändern und viele Tarifbeschäftigte hätten es gerne.

Sie haben als späterer Leiter der IGS Langenhagen das Beamtenrecht zunächst auf recht eigenwillige Weise zu spüren bekommen ...

Allerdings. Ich war 1979 Landesvorsitzender der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Anm. d. Red.) und rief zu einer zweistündigen Arbeitsniederlegung auf. Es ging damals um die Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Ich wurde daraufhin für drei Wochen vom Dienst suspendiert. Vor Gericht endete das mit einem Bußgeld über 4500 D-Mark noch glimpflich. Aber immerhin sind damals 5000 verbeamtete Lehrkräfte landesweit dem Aufruf gefolgt.

Ihr politisches Engagement hat Sie noch während ihrer Zeit als Schulleiter in den Langenhagener Rat geführt. Im November 2016 sind Sie zur Kommunalwahl ausgeschieden. Kehren Sie dorthin noch einmal zurück?

Nein. Mit nunmehr fast 82 Jahren muss man das nicht. Das sollen mal Jüngere machen. Ich bin ja zuletzt auch nur nachgerückt. Doch dieses eine Jahr war eine spannende Zeit, weil es schon da um die Neugestaltung des Schulzentrums ging. Das jetzige Nachrücker-Mandat in Kaltenweide wird hoffentlich nicht zum Zuge kommen.

„IGS darf nicht zur Restschule werden“

Der mangels Brandschutz erzwungene Neubau von Gymnasium und IGS ist derzeit nur eines der harten Bretter der Langenhagener Schullandschaft, die Politik und Verwaltung zu bohren haben. Die Hauptschule gehört der Geschichte an und bald gibt es auch die Robert-Koch-Realschule nicht mehr. Die Zeiten bleiben spannend, oder?

Es scheint, als entwickelte sich Langenhagen wie schon bei der Gründung der IGS vor 48 Jahren wieder zu einem Vorreiter in Niedersachsen: Wir haben dann ein Gymnasium und drei Gesamtschulen. Dieses Zwei-Säulen-Modell zeichnet sich im Grunde auch in den anderen Bundesländern ab. Das Gymnasium bleibt unantastbar. Auch wenn es nicht mehr das alte Gymnasium ist. Wenn heute fast die Hälfte aller Schüler diese Schulform wählt, erhält auch das Gymnasium eine heterogene Schülerschaft. Damit muss es aber erst einmal umgehen lernen. Und wir müssen aufpassen, dass die Gesamtschule nicht zu einer Restschule wird, sondern dass sich alle Schulen auf Augenhöhe begegnen.


Aus Hannover kam unlängst ein Brandbrief der Gesamtschulen, weil sie sich mit der Inklusion überfordert fühlen.
Wo bleiben Kinder mit besonderem Förderbedarf, wenn auch die bald dritte Gesamtschule in Langenhagen einen teilgebundenen Ganztagsbereich erhält?

Ich hätte es lieber gesehen, wenn aus der Robert-Koch-Realschule eine offene Ganztagsgesamtschule geworden wäre. Einfach als Alleinstellungsmerkmal gegenüber den anderen Gesamtschulen. Eine Gefahr der Überforderung für die Kinder mit Förderbedarf sehe ich jedoch auch bei der teilgebundenen Variante nicht. Es wird am Nachmittag ja kein anstrengender Fachunterricht angeboten werden. In Langenhagen wird es künftig im Sekundarbereich I nur am Gymnasium keinen verbindlichen Ganztag geben. Wer ein Kind mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf hat, wird im Zweifel aber nicht das Gymnasium, sondern die Gesamtschule wählen. Wir haben an den Gesamtschulen deshalb einen hohen Bedarf an Sozialpädagogen. Doch woher sollen die alle kommen?

Das klingt wenig optimistisch ...

Keine Frage: Es wird Jahre dauern, selbst wenn wir die Anreize für dieses Berufsfeld nachhaltig steigern könnten. Wie beim Lehrermangel auch ist das der berühmte „Schweinezyklus“, ein großes Auf und Ab. Und jetzt geht es erst sehr langsam wieder nach oben. Trotzdem: Als die IGS Langenhagen 1971 unter der Leitung von Rolf Eberhard eröffnet wurde, wussten wir damals auch nicht genau, wie man mit heterogenen Schülergruppen umgehen soll. Es war ja eine vollkommen neue Schulform mit einem ganzen Stamm alter Volksschullehrer. Hinzu kamen junge Lehrer von überall her, eigentlich eine ganz gesunde Mischung. Es hat Jahrzehnte gedauert bis zum heutigen Tag, an dem die Gesamtschule es bis zur ersetzenden Schulform geschafft hat. Die Inklusion aber ist erst 5 oder 6 Jahre alt. Es wird sicher noch 20 Jahre dauern, bis wir glücklich und zufrieden sein können.

Inklusion – dem Gymnasium nicht zuzutrauen?

Werden die hiesigen Schulen das schaffen?

Im ganzen Land gibt es nur sechs öffentliche Förderschulen für Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in „emotionaler und sozialer Entwicklung“, während der größte Teil bei privaten Schulträgern liegt. Das zeigt, dass wir im Umgang mit diesen Kindern nicht geübt sind. Die Gesamtschulen werden damit zurecht kommen müssen. Die IGS in Langenhagen wird das weiterhin stark treffen. Hinzu kommt die Abschaffung der Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen. Aber ich bin zuversichtlich: In fast 50 Jahren hat die IGS ausreichend Erfahrungen gesammelt, um das zu stemmen. Dem Gymnasium aber traue ich das eher nicht zu; es will diese Schülerinnen und Schüler wohl auch nicht.

Ihre Kommentierung zum Niedersächsischen Schulgesetz geht nun in die 10. Auflage. In Ihrem Arbeitszimmer füllen die Werke viele Regalmeter. Bis heute beraten Sie die SPD-Landtagsfraktion in Schulfragen. Wie lange bleiben Sie diesem, Ihrem Herzensthema noch treu?

(lacht) Meine Enkelin bekam unlängst auf ihre Mathe-Arbeit von ihrem Lehrer an der Tellkampfschule in Hannover einen Kommentar notiert: ,Schönen Gruß an Opa Dieter! ́ – Im Ernst: Ich war bis 1990 Schulleiter an der Kernstadt-IGS und bin dann ins Kultusministerium gewechselt. Bis zu meiner Pensionierung 2002 leitete ich zunächst die Schulabteilung unter Minister Rolf Wernstedt. Danach war ich unter seiner Nachfolgerin Renate Jürgens-Pieper für die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte sowie für die Kirchenangelegenheiten zuständig. Diese letzte Zeit war nicht immer reibungslos und in den Memoiren der Ministerin komme ich nicht gut weg. Nach der Pensionierung habe ich den Absprung klar verpasst. Seitdem stehe ich auf dem 10-Meter-Brett, schaue runter und traue mich nicht zu springen.

Wie lange wollen Sie da noch stehen bleiben?

(lacht) Hm. Die 11. Auflage der Kommentierung werde ich wohl noch angehen. Aber dann wechsele ich endgültig vom Sachbuch zur Belletristik.

Von Rebekka Neander