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Nachrichten Freya Klier: „Die kritische Intelligenz ist abgewandert“
Region Langenhagen Nachrichten Freya Klier: „Die kritische Intelligenz ist abgewandert“
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17:15 07.06.2019
Die Regisseurin und Autorin Freya Klier ist am Dienstag Gast der Volkshochschule Langenhagen. Quelle: Nadja Klier

Freya Klier, 1950 in Dresden geboren, verbrachte schon ihr drittes Lebensjahr nach der Inhaftierung ihres Vaters im Kinderheim. Die heutige Autorin und Regisseurin beschäftigte sich somit fast ihr gesamtes Leben mit dem Motiv Freiheit. Sie unternahm kurz nach ihrem Abitur einen Fluchtversuch, der missglückte, wurde inhaftiert und überlebte später einen Mordanschlag der DDR-Staatssicherheit. Heute engagiert sich die Bürgerrechtlerin für die Bildung von Schülern.

Frau Klier, die Jugend geht heute für das Klima auf die Straße. Die Freiheit gilt offenbar als gesetzt. Ist das ein fataler Irrglaube?

Ich komme gerade aus zwei Doppelstunden, in denen ich mit Schulklassen insbesondere auch darüber gesprochen habe. Man muss es den Jugendlichen schon immer wieder sagen: In der DDR wäre man nach fünf Minuten mit einem DDR-kritischen Transparent auf der Straße verhaftet worden. Das ist Gott sei Dank nicht mehr so. Das mache ich in Schulen immer wieder deutlich. Denn die Demokratie bewahrt sich nicht von alleine. Denn es geht ja nicht nur um die DDR. Wir haben heute mehr als 70 Staaten, die eine Diktatur sind. Und es ist unsere Aufgabe, uns dafür einzusetzen, dass auch diese Menschen Freiheiten, die wir genießen, einfordern können. Aber die Schüler haben sehr gut darauf reagiert. Sie haben viele Fragen gestellt. Es war eine tolle Atmosphäre.

Sie engagieren sich sehr für die Bildung von Jugendlichen in der Schule. Erfahren die im Unterricht genug über die jüngste deutsche Geschichte?

Insgesamt nein. Denn die Form der Vermittlung ist veraltet. Es gibt nur einige engagierte Lehrkräfte, die sich interessieren und mich dann auch einladen. Aber das Kernproblem ist die auf Schulstunden ausgelegte Struktur. Ich nenne es die Krux der Pausenklingel. Gerade wenn man sich in ein Thema eingearbeitet hat, klingelt es, und die Schüler müssen in die nächste Stunde gehen. Besonders deutlich ist das aber im Osten: Der Mauerfall findet dort im Unterricht nicht statt. Das liegt auch an den vielen Lehrkräften, die noch zu DDR-Zeiten tätig waren.

Die AfD-Erfolge bei den Kommunalwahlen in Brandenburg und Sachsen auch bei Jugendlichen zeigen: Es geht hier nicht nur um eine Protestwahl. Was spaltet die Jugend in der Republik 30 Jahre nach dem Mauerfall und wie können wir dem begegnen?

Wir müssen uns klarmachen: Es haben sich in den Fünfzigerjahren, noch vor 1961 und dem Bau der Mauer, rund 2,5 Millionen Menschen auf die Flucht begeben. Ein Großteil der kritischen Intelligenz ist aus dem Osten abgewandert.Ich habe viele davon später im Westen wieder getroffen. Dieser Verlust sitzt bis heute ganz tief. Die DDR und damit der Osten hat sich davon nie wieder erholt. Das zeigt sich nicht nur in der Ausländerfeindlichkeit. Behinderte waren in der DDR weggeschlossen. Auch sie sollten im Straßenbild nicht zu sehen sein.

Ich nenne die AfD die Alte-Männer-Krankheit: Wenn man jammert, obwohl nichts zum Jammern da ist. Aber ich glaube, dass die jungen Menschen heute abholbar sind. Wir müssen sie reinholen ins Leben. Wir müssen mit ihnen Klassenfahrten zum Beispiel nach Israel machen. Ins Gespräch bringen mit Andersdenkenden. Geschichten erzählen, den Horizont erweitern. Wir dürfen nicht unterschätzen: Diese Jugendlichen hören am Küchentisch jetzt den Geschichten jener zu, die die DDR nachträglich schönreden. Vielleicht auch, weil sie die DDR selbst nur als Privilegierte erlebt haben. Aber selbst wenn es jetzt viele solcher Projekte gäbe, müssten wir auf die Überwindung letzter DDR-Muster noch eine Generation warten. Das habe ich schon vor 30 Jahren angekündigt. Damals hat man mich dafür ausgelacht. Übrigens: Wessis sind für diese Aufgabe kaum geeignet. Ihnen wird dabei immer das Vorurteil des Besserwissens entgegenschlagen.

Klier trifft auf weitere Zeitzeugen

30 Jahre Mauerfall stehen im Mittelpunkt einer ganzen Veranstaltungsreihe, die die Volkshochschule Langenhagen erarbeitet hat. Bei aller Theorie: Gespräche mit jenen, die diese Geschehnisse am eigenen Leib erfahren haben, sind dabei offenkundig die intensivsten Begegnungen. So auch das Zeitzeugengespräch mit Freya Klier. Geboren in Dresden erlebt sie bereits in frühester Kindheit, was es heißt, in einem unfreien Staat leben zu müssen. Kurz nach ihrem Abitur wird sie das erste Mal inhaftiert. Die heutige Autorin und Regisseurin zog am Dienstag Gäste ganz verschiedener Altersgruppen in ihren Bann. Jugendliche des 10. Jahrgangs am Gymnasiums saßen im Zuschauerraum des Treffpunktes der VHS ebenso wie weitere Zeitzeugen, die in ganz unterschiedlicher Weise persönlich von der Teilung Deutschlands betroffen waren. Alle gemeinsam verfolgten gebannt die Schilderung von Situationen aus dem DDR-Alltag.

Vieles war den Gästen der VHS bisher unbekannt: So die Details über psychologische Strategien, um die Bevölkerung zu einem staatskonformen Verhalten zu veranlassen. Freya Klier gelang es immer wieder, die Ebenen zwischen den Berichten über die eigene Lebensgeschichte und der Betrachtung struktureller Phänomene zu wechseln – damit gestaltete sich der Abend überaus interessant und abwechslungsreich. Weitere Zeitzeugen, wie ein Herrn, der die Ausreise im Zug aus der Prager Botschaft in die Bundesrepublik schilderte, gehörten ebenso zu den tiefgehenden Momenten solcher Veranstaltungsformen. Klier schloss den Abend mit der eindringlichen Mahnung, sich für unsere Demokratie einzusetzen und wachsam gegenüber populistischen, totalitären Strömungen zu sein.

Das gesamte Programm der VHS Langenhagen zum 30-jährigen Jubiläums des Mauersfalls 1989.

Von Rebekka Neander

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