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Region Langenhagen Nachrichten „Dummheit ist ein nachwachsender Rohstoff“
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11:22 30.09.2018
Barbara Ruscher gibt die Vorpremiere ihres neuen Programms im Theatersaal. Quelle: Antje Bismark
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Langenhagen

„Wissen Sie, was eine Vorpremiere ist?“, fragt die Kölner Kabarettistin Barbara Ruscher ihr Publikum im Theatersaal. „Wenn es heute schief geht, müssen Sie das Programm umschreiben“, antwortet eine Zuschauerin an diesem Sonnabendabend. Das scheint nach einem kurzweiligen Abend nicht notwendig zu sein, aber: Ruscher beweist den Mimuse-Gästen, dass Kabarett und das Unterhalten der Zuschauer harte Arbeit ist. Insgesamt zehn Vorpremieren finden sich auf ihrem Spielplan, ehe im November die Premiere von „Ruscher hat Vorfahrt“ in Köln ansteht.

Darin schlägt die Kleinkünstlerin den Bogen von Ausmalbüchern für Erwachsene über jammernde Deutsche mit dem „Song eines Wutbürgers“ bis hin zu Rapper Kollegah & Co, wobei sie ihre Position gegen Öko-Helikopter-Eltern mit handgeklöppelten Jutesäcken bei Vollmond ebenso deutlich beschreibt wie ihre Haltung gegen die AfD, frauenfeindliche Lieder und Politiker wie Erdogan, Putin und Trump. Wobei: Letztere heben zwar derzeit die Welt aus den Angeln, nach Einschätzung der zweifachen Mutter aber kommen sie nicht gegen die schlimmste Seuche der Welt an: Kindergeburtstage. Und so sinniert sie, ob die Gäste, die nach der Feier ein Tütchen einfordern, nicht zu jung zum Kiffen seien. Der Beifall im Zuschauerraum zeigt, dass Ruscher mit ihren Beobachtungen durchaus den Nerv der Zeit trifft.

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Das gilt auch für das Thema Selbstoptimierung inklusive eines Fitnesstrackers am Handgelenk: „Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ein Fitnesstracker ist kein Landwirt, der auf dem Trecker Yoga macht, sondern ein Bändchen am Händchen, das die Schritte zählt.“ Unter anderem. Denn in einem Lied über Dorle, Klaus und den Dönermann karikiert die Kölnerin den Wahn für Grünkohl-Smoothies, Detox-Drinks und Sex-Verzicht, um rank und schlank und vielleicht am Ende doch krank zu werden.

Humor ist, wenn frau auf der Bühne trotzdem lacht: Wenn also die Fifa ihre sehbehinderten Funktionäre, die eigene Vergehen oder Tote auf den Fußballstadien-Baustellen in Quatar nicht wahrnehmen, dann ist gelebte Integration. Und wenn die Polizei bei Events wie dem Blitzermarathon mit 80 Euro Teilnahmegebühr keine guten Fotos schießt, dann könnte es daran liegen, dass die Fahrerinnen vielleicht grade telefonieren oder im Fußraum nach dem Schnuller ihres zwei-vornamigen Kindes suchen.

„Dummheit ist ein nachwachsender Rohstoff“, stellt Ruscher nach fast zwei Stunden lakonisch fest – und Datenschutz endet, wenn eine Frau über 40 sich eine Spirale verschreiben lässt. Daran nehmen alle Anteil: Sprechstundenhilfe, Apotheker, andere Über-Vierzigjährige. „Ich lasse das jetzt, ich gebe das Ding zurück“, lautet ihr Fazit. „Aber erst nach drei Jahren“, ruft eine Zuschauerin dazwischen. Dann zeigt sich die Besonderheit einer Vorpremiere: „Hast Du das im Kasten?“, fragt Ruscher ihren Tourbegleiter Rolf: „Das bauen wir ein, das ist prima.“ Damit legt Langenhagen für die nächsten Vorpremieren vor, ganz ungewollt, aber gut gelaunt.

Von Antje Bismark