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Nachrichten Fluglärm: Streit um Grenzwerte und Gesetze
Region Langenhagen Nachrichten Fluglärm: Streit um Grenzwerte und Gesetze
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00:15 24.08.2013
Von Rebekka Neander
Gut 150 Bürger aus Langenhagen und den umliegenden Gemeinden verfolgen im Schulzentrum das erste Stadtforum zum Thema Fluglärm. Quelle: Rebekka Neander
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Langenhagen

Klar waren am Ende der gut dreistündigen Diskussion zwischen Bürgerinitiativen und Flughafenverantwortlichen eigentlich nur drei Dinge: Den einen ist es zu laut, die anderen fürchten um ihre Arbeitsplätze - und keiner glaubt so recht dem anderen. Diese verkantete Situation zu lösen, wird nun für mehrere Gremien eine Aufgabe sein: Die Fluglärmschutzkommission will die dargelegten Fragen um Grenzwerte, Lärmmessung und die Veröffentlichung der Daten mit in ihre nicht öffentliche Sitzung in der kommenden Woche nehmen.
Und Langenhagens Bürgermeister Friedhelm Fischer versprach den gut 150 Zuhörern in der Aula des Schulzentrums eine Aufarbeitung der offenen Fragen in den politischen Ausschüssen sowie eine Fortsetzung im Sommer 2014.

Interessiert verfolgen werden diese Diskussion allerdings auch die Menschen aus den Nachbarkommunen. In der zuweilen heftigen Diskussion meldeten sich vor allem lärmgeplagte Bürger aus Isernhagen zu Wort. Auch Burgdorf und Garbsen waren vertreten. Als Gastredner im sogenannten Fish-Bowl-Verfahren forderten sie wiederholt den Flughafen auf, freiwillig auf Nachtflüge zu verzichten. Ein Wunsch, dem neben Flughafenchef Raoul Hille und dem Stationskapitän der TuiFly, Jörg Westphal, aus wirtschaftlichen Gründen auch Birthe Vogt vom Wirtschaftsministerium in Hannover widersprach.

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Sie jedoch führte vor allem rechtliche Gründe ins Feld. So agiere ihr Haus wie alle anderen Bundesländer nur als ausführendes Organ des Bundes. Der Flughafen Langenhagen sei gesetzlich in der Pflicht, den entsprechenden Verkehr aufrechtzuerhalten. Den Versuch der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, für den Flughafen Köln-Bonn ein Nachtflugverbot einzuführen, habe die Bundesregierung unterbunden.

Gleichwohl kündigte auch Vogt an, sich einer Grenzwertdiskussion nicht zu verschließen. Die Fachwelt warte derzeit auf die Ergebnisse der im Raum Frankfurt laufenden sogenannten Norah-Studie zur Gesundheitsgefährdung durch Fluglärm. „Sollten sich dabei neue Erkenntnisse ergeben, werden wir diese berücksichtigen“, sagte Vogt.

Ein Überblick über die Fragen und Antworten der Diskussion

Betriebserlaubnis des Flughafens: Bis 2019 dürfen in Langenhagen rund um die Uhr Flugzeuge starten und landen. Ein Nachtflugverbot gilt für einige besonders laute Flugzeugtypen. Die Genehmigung ist, wie Birthe Vogt vom Wirtschaftsministerium in Hannover betonte, eine rechtliche und keine politische Entscheidung.

Warum kann Frankfurt auf Nachtflüge verzichten? Weil Frankfurt durch den Bau der vierten Landebahn so viel zusätzlichen Tagesverkehr anbieten kann, dass der Wegfall der Nachtflüge wirtschaftlich nicht ins Gewicht falle. Diese Situation herrscht laut Flughafenchef Raoul Hille in Langenhagen nicht. TuiFly-Stationskapitän Jörg Westphal skizziert es noch dramatischer: „Ohne die Nachtflüge von Schönefeld, Köln-Bonn und Langenhagen ist die Tourismusfliegerei hier tot.“ Sobald ein Flugzeug pro Tag weniger als 14 Stunden in der Luft sei, werde es ganz vom Flughafen entfernt.

Laute Flüge in der Nacht: Erhebungen von Anwohnern, nach denen in einzelnen Nächten mehr als die erlaubten sechs Flüge den Grenzwert überschreiten, bringen die Nachtfluggenehmigung nicht zu Fall. Birthe Vogt musste auch dem in der Runde sitzenden Sprecher der IG Lärmschutz, Holger Zenz, widersprechen: Gesetzeswidrig sind Überschreitungen nur, wenn sie bemessen auf den Durchschnittswert der sechs verkehrsreichsten Monate öfter als sechsmal pro Nacht erfolgen. Dies sei in Langenhagen nicht der Fall. Ob das dieser Rechnung zugrunde liegende „Jansen-Kriterium“ noch Stand der Wissenschaft sei, müsse an anderer Stelle geklärt werden.

Flugrouten: Towerchef Michael Schwarze und Pilot Jörg Westphal hoben zwar das neue, leisere Anflugverfahren der TuiFly hervor. Profitieren werden davon allerdings nur jene, so Westphal, die „östlich des Wietzeparks“ – also in Isernhagen – wohnen. Auf den letzten vier Meilen vor dem Flughafen könne aus Sicherheitsgründen weder die Flugsicherung noch der Pilot viel verändern.

Wie geht es weiter? Wo wird was gemessen, wo sind diese Daten einsehbar und welche Konsequenzen haben sie? Wird es so etwas wie einen institutionellen Nachbarschaftsdialog geben? All diese Fragen werden die Fluglärmschutzkommission sowie die politischen Ausschüsse in Langenhagen demnächst beschäftigen. Zwar sehen weder der Flughafen selbst noch die Flugsicherung viel Bewegungsfreiheit in ihrem Agieren, einer Diskussion wollen sie sich mit den Anwohnern aber nicht grundsätzlich verschließen. Den Zuhörern in der Runde war diese Bereitschaft nicht genug. Einige verließen die Aula mangels erwartbarer Ergebnisse noch vor einem Schlusswort.

Kommentar

Beteiligte müssen Fakten akzeptieren lernen

Zugegeben, es ist ein schwieriges Thema. Und dass Wikipedia keinen Gerd Jansen kennt, geschweige denn das nach dem Lärmforscher benannte Kriterium, sagt viel über die Komplexität beim Thema Fluglärm aus. Fakt bleibt: Es gibt ein Fluglärmgesetz. Darin sind Werte manifestiert und damit verbundene Konsequenzen. Auch wenn diese vielen Menschen nicht weit genug gehen, nützt es nichts, dem vermeintlichen Gegner in Person des Flughafenchefs mit unerschütterlichem Misstrauen zu begegnen. Die wirklichen Ansprechpartner sitzen beim Land, besser aber noch in den Bundesministerien. Vorausgesetzt, die dort Verantwortlichen wissen, worum es geht. Dem Vernehmen nach aber verstehen viele Abgeordnete genau so wenig vom Fluglärm-Fachchinesisch wie die Anwohner. Also alles hoffnungslos? Nein. Die einzige Möglichkeit bleibt der direkte Dialog zwischen Flughafen und Anrainerkommunen. Auch wenn schon seit Jahrzehnten die Argumente dieselben zu sein scheinen. Verändert aber hat sich die Diskussionslust der Bürger. Das zeigen nicht nur Frankfurt und Stuttgart. Und so wie die Anwohner Gesetze akzeptieren müssen, sollte auch Flughafenchef Raoul Hille über seinen Schatten springen und auf seine Nachbarn zugehen. Mögen sie auch noch so verstockt auf ihn wirken. Er will nichts ankündigen, was er nicht halten kann, sagt er. Das ehrt ihn, aber manchmal wirken sogar werbeträchtige Botschaften wie die des leiseren Anflugverfahrens der TuiFly für die Mehrheit versöhnlich. Auch wenn sie bei Licht betrachtet nur den wenigsten nützen. Die Garbsener Dörfer im Westen, über denen 70 Prozent aller Flugzeuge abheben und dies mit weitaus mehr Lärm als beim Landen, haben von dem Pilotverfahren der Fluggesellschaft nämlich gar nichts.

Stichworte zum Fluglärm

Fluglärmgesetz: Im Gesetz zum Schutz gegen Fluglärm von 2007 hat der Bund die Festsetzung von Lärmschutzbereichen an das Land übertragen. Dieses legt das Ausmaß der Schutzzonen durch komplexe Rechenmodelle fest. Einbezogen werden dabei die Geräusche der Flugzeuge sowohl in der Luft als auch am Boden. Die nicht öffentlich tagende Fluglärmschutzkommission berät mit Vertretern aus Anrainer-Kommunen, Bürgerinitiativen und Anteilseignern das Wirtschaftsministerium als Aufsichtsbehörde des Flughafens.

Das Jansen-Kriterium: Der Lärmforscher Gerd Jansen hat 1967 in Laborversuchen herausgefunden, dass maximal sechs störende Lärmereignisse pro Nacht zumutbar sind. Deshalb galten bislang bis zu sechs laute Flüge von mehr als 60 Dezibel als tolerierbar. Im geltenden Gesetz sind 57 Dezibel in der Schutzzone Nacht hinterlegt.

Die Norah-Studie: Die gemeinnützige Umwelthaus GmbH untersucht im Auftrag des Landes Hessen die langfristigen Auswirkungen von Fluglärm auf die Gesundheit und die kognitive Leistungsfähigkeit von Schülern. Ergebnisse liegen frühestens im Sommer 2014 vor.

Sven Warnecke 20.08.2013
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