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Nachrichten Stalking-Opfer: „Wieso schützt mich niemand?“
Region Laatzen Nachrichten Stalking-Opfer: „Wieso schützt mich niemand?“
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00:20 23.03.2019
Unwillkommene Liebesbriefe: In zahlreichen Schreiben an Heike S. droht ihr Exmann mit Selbstmord. Quelle: Stephanie Zerm
Laatzen

Im Jahr 2017 wurde das Gesetz gegen Stalking verschärft – zum Schutz der Opfer, die unter monate-, manchmal jahrelangen Nachstellungen leiden. Ein Fall aus Rethen zeigt, wie unfassbar schwer es für Betroffene immer noch ist, ihr Recht durchzusetzen.

Die Leidensgeschichte von Heike S. ist lang. Die 51-Jährige wurde jahrelang von ihrem Ex-Mann gestalkt, der dafür nach langem Vorlauf zu einer Gefängnishaftstraße verurteilt wurde. Obwohl der Mann aus der Haft heraus weiter Briefe schrieb, kam er vorzeitig frei – und machte bald weiter. Vier Monate lang dauert dieser Verstoß gegen die Bewährungsauflagen nun an. Und doch bleibt der Mann auf freiem Fuß, während Heike S. leidet.

Am Arbeitsplatz aufgelauert und Reifen zerstochen

„Es kommt mir so vor, als ob der Täter vom Gesetz besser geschützt wird als ich“, sagt die Rethenerin, die derzeit fast täglich von ihrem Exmann belästigt wird. Dabei schien im Oktober 2017 ein jahrelanger Alptraum beendet zu sein: Damals kam ihr Ex-Mann fünf Monate nach einer Verurteilung durch das Amtsgericht Hannover ins Gefängnis. Zuvor hatte er wieder und wieder vor ihrer Tür gestanden, ihr an ihrem Arbeitsplatz aufgelauert, Briefe geschrieben, mit Selbstmord gedroht. Elfmal zerstach er ihre Autoreifen, zweimal griff er ihren neuen Lebensgefährten an. Beschlüsse nach dem Gewaltschutzgesetz, nach denen ihr Expartner keinerlei Kontakt zu ihr aufnehmen durfte, ignorierte der Mann.

Im Juni 2017 wurde ihr Exmann zu zwölf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt und kam nach einer für Heike S. qualvollen Verzögerung im Oktober des gleichen Jahres ins Gefängnis. „Für mich war das ein Glückstag“, sagt die Rethenerin. „Ich hatte gehofft, endlich wieder ein normales Leben führen zu können.“

Stalker wird vorzeitig entlassen

Doch sie hatte sich zu früh gefreut. Denn auch die Haftstrafe bringt ihr nicht die erhoffte Ruhe. „Er hat mir auch aus dem Gefängnis weiter Briefe geschrieben“, sagt sie. Dafür wurde er für weitere zwei Monate Haft ohne Bewährung verurteilt. Um so schockierter war Heike S., nachdem sie im Juli 2018 erfuhr, dass der Mann vorzeitig aus der Haft entlassen worden war. „Ich verstehe das einfach nicht“, sagt die Rethenerin. „Wieso schützt mich als Opfer niemand? Es kommt mir so vor, als ob ich keine Rechte hätte.“

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft Hannover war die Entscheidung offenbar rechtens. „Wenn jemand zum ersten Mal eine Haftstrafe verbüßt, die nicht höher als zwei Jahre ist, kann nach der Hälfte der Haftzeit die übrige Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden“, erklärt die Erste Staatsanwältin Kathrin Söfker. Dies habe die zuständige Strafvollstreckungskammer jedoch abgelehnt. Einem weiteren Antrag auf Haftentlassung, nachdem Heike S. Exmann mehr als zwei Drittel der Strafe verbüßt hatte, habe sie dann nach seiner Anhörung stattgegeben. „Er hat sich im Vollzug gut geführt und die Kammer hatte offenbar den Eindruck, dass der Täter sein Verhalten ändern wird“, sagt Söfker. Briefe habe er Heike S. lediglich während der ersten Zeit aus seiner Haft geschrieben, die zweimonatige zusätzliche Haftstrafe dafür sei zum Zeitpunkt der Entscheidung noch nicht rechtskräftig gewesen. Außerdem sei in den Bewährungsauflagen ein Kontaktverbot zu Heike S. angeordnet worden.

An dieses hielt sich Heike S. Exmann jedoch gerade einmal vier Monate lang. Dann ging es wieder los. „Er schreibt mir wieder Briefe, kontaktiert mich über das Internet, droht mir mit Selbstmord, belästigt mich an meinem Arbeitsplatz und steht bei mir vorm Haus“, sagt die verzweifelte Frau, die ihren Exmann seit der Entlassung mehr als 30 Mal angezeigt hat. Vier Monate dauern die Belästigungen nun an – und doch wartet sie darauf, dass das Gericht die Bewährung für die Haftstrafe ihres Exmannes aufhebt und er wieder ins Gefängnis muss.

Auch Polizei wünscht schnelleres Verfahren

Dass dies bislang nicht geschehen ist, macht auch die Laatzener Polizei fassungslos. „Wir würden uns auch wünschen, dass es schneller geht – aber uns sind die Hände gebunden“, sagt Stefan Schwarzbard, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes im Kommissariat Laatzen. Vor Ort werde jeder Fall zur Anzeige gebracht, sofort bearbeitet und an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, danach sei es Sache der Staatsanwaltschaft und des Gerichts. Auch Kommissariatsleiter Roland Einbrodt würde sich wünschen, dass solche Fälle von der Justiz höher priorisiert werden. „So bleibt der Stalking-Paragraf ein stumpfes Schwert.“

Tatsächlich wird sich Heike S. noch gedulden müssen. Denn bevor ihr Stalker wieder hinter Schloss und Riegel kommt, muss er noch vor Gericht zu dem Fall gehört werden, sagt Staatsanwältin Söfker. „Das Gesetz sieht es vor, dass er sich dazu äußern kann.“ Es müsse genau geprüft werden, ob er wieder straffällig geworden sei oder gegen Auflagen der Bewährung verstoßen habe. Das könne eine Zeit lang dauern. Außerdem habe er fast zehn Monate in Haft verbracht, was für einen Fall von Stalking bereits ein sehr hoher Strafrahmen gewesen sei.

Heike S. wird bei diesem Termin nicht dabei sein. Dass die Opfer bei solchen Anhörungen auch gehört werden, ist nicht vorgesehen.

Von Stephanie Zerm

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