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Region Laatzen Nachrichten Debatte über Religiosität in Deutschland
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12:11 24.08.2018
Gehört Religion zu Deutschland? Johann-Albrecht Haupt (Mitte) stellt zu Beginn die Position der Humanistischen Union zu der Debattenfrage des CDU-Stadtverbandes vor. Der Mili-Görüs-Vertreter Ahmet Ünal (von links), Moderator Peter Friedsch und Pastor Dirk Heuer hören. Quelle: Torsten Lippelt
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Laatzen-Mitte

 Gehört Religion noch zu Deutschland? Mit dieser Frage haben sich am Mittwoch bei einem kontrovers geführten Diskussionsabend Vertreter verschiedener Religionen sowie rund 50 Zuhörer im Stadthaus beschäftigt. Initiiert hatte die Debatte der CDU-Stadtverband. Neben Johann-Albrecht Haupt von der Humanistischen Union und dem evangelischen Pastor Dirk Heuer machte Ahmet Ünal als Vertreter der islamischen Glaubensgemeinschaft Milli Görüs in Hannover seine Positionen deutlich.

Moderator des Abends war der stellvertretende CDU-Stadtverbandsvorsitzende Peter Friedsch, der statistische Werte zur Religionszugehörigkeit präsentierte: Demnach sind 3 Prozent der Niedersachsen Muslime, 45,7 Prozent evangelische und 17,2 Prozent katholische Christen. 30 Prozent der Menschen in Niedersachsen werden als Atheisten oder als ,ohne Glaubensgemeinschaft’ geführt.

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Wohltätigkeit und Privilegien

Die Kirchen sorgten mit dafür, dass es Krankenhäuser, Seelsorge, Kindertagesstätten und weitere Einrichtungen und Angebote gibt, die ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft sind, sagte Pastor Heuer. Insofern gehöre Religion zu Deutschland.

Dass Religion zu Deutschland gehöre, meinte auch der Vertreter der Humanistischen Union, Haupt, der auch gezielt den Islam mit einschloss. Nachholbedarf sah er jedoch bei der Umsetzung der vereinbarten Trennung von Kirche und Staat. Seine Kritik richtete sich unter anderem gegen „Privilegien der Kirchen“. Vorrechte wie verminderte Grundsteuer- und Notarkosten sowie das Einziehen der Kirchensteuer durch den Staat sollten abgebaut werden und sich die Kirchen auch künftig selbst um ihre Einnahmen kümmern.

In nachfolgenden Diskussionsbeiträgen wurde Haupt vom Publikum korrigiert: Die Kostenvorteile seien in den letzten Jahrzehnten zumeist abgebaut worden und die sogenannten „Privilegien“ seien durch gesellschaftliches Engagement der Kirchen bei Krankenhäusern, Kitas und Seelsorge korrekt erworbene Rechte.

Im Laufe des Abends konzentrierte sich die Diskussion – auch aus dem Publikum heraus – immer mehr auf den Islam und auf die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Der frühere Landtagspräsident Jürgen Gansäuer wies in seinem mit Applaus eines Großteils der Zuhörerschaft quittierten Wortbeitrag darauf hin, dass das an diesem Abend oft angeführte Grundgesetz seinerzeit „zu 95 Prozent von Christen“ formuliert worden sei. Die Gesellschaft in Deutschland basiere auf christlichen Werten und und in der Türkei und arabischen Ländern würden mitunter Christen verfolgt.

Islamvertreter kommen zu Wort

Ahmet Ünal und weitere Angehörige des bis vor einigen Jahren vom Verfassungsschutz beobachteten Vereins Milli Görüs im Publikum wiesen Gansäuer darauf hin, dass sie als Deutsche in Deutschland keinen Einfluss auf den Umgang mit Christen in islamisch geprägten Staaten hätten. Auch auf die Forderung, islamische Glaubensgemeinschaften sollten Religionsunterricht auf Deutsch erteilen, wurde kurz eingegangen. Es fehle schlichtweg das Geld, um entsprechend ausgebildete Imame zu bezahlen. Die islamischen Gemeinden seien aufgrund ihrer Organisationsstruktur nicht als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und somit rein auf Spenden angewiesen.

Den islamischen Religionsunterricht an den Schulen und Universitäten möchte man ebenso mit dem eigenen Dogma selbst gestalten, wie es Pastor Heuer zuvor für die evangelische Kirche formuliert hatte, so der Vertreter von Milli Görüs.

Johann-Albrecht Haupt befürwortete im humanistischen Sinn einen religionsübergreifenden Unterricht: „Denn der eine redet jetzt nicht mit dem anderen über seine eigene Religion.“ Auch Wilhelm Paetzmann, Fachbereichsleiter Gesellschaftswissenschaften an der Albert-Einstein-Schule Laatzen (KGS) brachte sich in die Diskussion mit ein: „Der Islam gehört genausowenig zu Deutschland wie die evangelische und katholische Kirche“, so der AES-Lehrer. „Wohl aber gehören die Menschen – die Muslime und Christen – zu unserer Gesellschaft, denn wir sind ein demokratischer Staat, und Religion ist Privatsache.“

„Alle Fragen sind noch offen – aber wir haben den Abend nicht geplant, um mit einem Ergebnis hinauszugehen“, fasste Friedsch die kontroverse Diskussion nach fast zweieinhalb Stunden zusammen. Mit kleinen Honigtöpfen aus Ingeln-Oesselse als Dankeschön verabschiedete er die drei Religionsvertreter, während sich vor dem Stadthaus noch das eine oder andere längere Gespräch der Veranstaltungsbesucher zu dem Thema anschloss.

Von Torsten Lippelt