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Region Isernhagen Nachrichten Unfall auf der A7: Viele fahren einfach weiter
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15:58 01.04.2019
Nach einem Unfall auf der A7 bei Isernhagen haben viele Zeugen ihre Fahrt einfach fortgesetzt.
Nach einem Unfall auf der A7 bei Isernhagen haben viele Zeugen ihre Fahrt einfach fortgesetzt. Quelle: Stefan Puchner/dpa
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Isernhagen

„Schämt Euch!“: Diese Botschaft möchte eine Augenzeugin an all jene Autofahrer richten, die am Sonnabendvormittag nach einem heftigen Verkehrsunfall auf der Autobahn 7 in Höhe Isernhagen nicht angehalten und geholfen, sondern das Unfallopfer ganz im Gegenteil durch ihr Verhalten noch zusätzlich gefährdet haben.

Sie habe sich allein gelassen und hilflos gefühlt – und zugleich große Wut empfunden, fasst Susanne Schauwenz-Köhne ihre Emotionen mit zwei Tagen Abstand zusammen. Vor Ort sei sie völlig außer sich gewesen, „ich habe nur noch geschrieen“.

Motorradfahrer stürzt auf der Autobahn 7

Die 62-Jährige, vielen in Isernhagen aus ihrer Zeit als SPD-Ortsvereins- und Fraktionsvorsitzende bekannt, war am Sonnabend gegen 10.45 Uhr auf der Autobahn 7 in Richtung Süden unterwegs. Wenige Kilometer vor der Abfahrt Altwarmbüchen wirbelte ein anderes Auto im Vorbeifahren eine abgefallene Stoßstange aus Kunststoff auf. Ein Motorradfahrer konnte nicht mehr ausweichen, die Stoßstange traf ihn. Er stürzte und rutschte samt seiner Maschine über die Fahrbahn. Beide blieben auf dem linken Fahrstreifen liegen.

Augenzeugin Susanne Schauwenz-Köhne hielt sofort auf dem Seitenstreifen an, um zu helfen, doch andere Autofahrer taten es ihr keineswegs gleich: Diese hätten nur kurz abgebremst, aber nicht angehalten, berichtet sie. Ein Fahrer habe versucht, zwischen ihr und dem noch am Boden liegenden Unfallopfer hindurch zu kommen, andere seien gefolgt. Währenddessen habe sich der verletzte und geschockte Motorradfahrer aufgerappelt und sei über die Autobahn gewankt. Er habe unbedingt seine schwere Maschine von der Fahrbahn schieben wollen.

Unfallzeugen reagieren genervt

Susanne Schauwenz-Köhne konnte ihm dabei nicht zur Hand gehen. Sie war vollauf damit beschäftigt, mit Handzeichen auf die anderen Autofahrer einzuwirken und so zu verhindern, dass jemand den Motorradfahrer mitten auf der Fahrbahn überrollt. Sie rief um Hilfe, forderte die Insassen der ersten Fahrzeuge direkt auf, auszusteigen und zu helfen. Doch keiner von ihnen stieg aus: „Ich erntete Kopfschütteln und missmutige Gesichtsausdrücke! Mit Gesten wurde mir bedeutet, ich solle endlich aus dem Weg gehen“, schildert die 62-Jährige das für sie Unfassbare in den ersten schier endlos erscheinenden Sekunden nach dem Unfall. Dieser endete für den Motorradfahrer laut Polizei noch relativ glimpflich, er konnte das Krankenhaus bereits wieder verlassen.

Derjenige, der sich über ihr eigenes Verhalten am meisten kopfschüttelnd empört habe, sei ein etwa 75 Jahre alter Fahrer gewesen, sagt Schauwenz-Köhne – „dem ich zutraue, dass er als erster lautstark lamentiert hätte, wäre der Verunfallte sein Sohn oder Enkel, und niemand käme diesem zu Hilfe. Ich kann nur sagen: Schäm Dich!“, fasst sie ihre Empörung über die unterlassene Hilfeleistung in Worte.

Das erste Dutzend Autos fährt weiter

Zu den Ersthelfern, die sich dann letztlich doch noch zusammenfanden, gehörte auch Moritz Kellermann, der sich mehrere Jahr lang als freiwilliger Feuerwehrmann in Isernhagen engagiert hatte. Für ihn sei es selbstverständlich gewesen, in dieser heiklen Situation zu helfen, sagt er. Wie hingegen manch andere Autofahrer sich verhalten habe, „das war nur traurig“. Wohl ein Dutzend Autofahrer sei unmittelbar nach dem Unfall einfach weitergefahren. Und keiner von ihnen habe auch nur gefragt, ob er helfen könne.

Dass jemand in so einer Situation trotz der direkten Aufforderung zu helfen weiterfahre, findet auch Phillip Hasse, Sprecher der Polizeidirektion Hannover, „sehr erschreckend“. Grundsätzlich sollte man lieber einmal mehr als einmal zu wenig Hilfe anbieten, ohne sich allerdings selbst in Gefahr zu bringen. „Es wäre zu wünschen, dass mehr Menschen Courage zeigen.“

Von Frank Walter