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Nachrichten Permakultur Kirchhorst: Landwirtschaft im natürlichen Kreislauf
Region Isernhagen Nachrichten Permakultur Kirchhorst: Landwirtschaft im natürlichen Kreislauf
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18:23 11.07.2019
Die neueste Idee: Thomas Mazur (von links), Birga Mazur-Rodak, Lars Muff und Felix Zlatkovic stehen am Kühlschrank direkt am Feld, aus dem die Kunden sich jetzt frischen Salat abholen können. Quelle: Carina Bahl
Kirchhorst

Augen zu – Nase auf: Es summt und zwitschert. Überall. Und es riecht. Nach wilden Kräutern, Gewürzen, Blumen. Augen auf: Der erste Blick kann gar nicht fassen, was ihm da geboten wird. Auf 2,8 Hektar nahe dem Gewerbegebiet Erdbeerfeld in Kirchhorst blüht und wächst alles quer durcheinander. Obstbäume, Stauden, Sträucher, Gemüse – und mittendrin picken sich ein paar Hühner und Gänse ihr Abendbrot zusammen.

Natürliche Landwirtschaft – möglichst ohne Mensch

Das, was der Besucher an der Straße Kollberg zu sehen bekommt, scheint durcheinander, wild – aber es ist vor allem eines: natürlich. Der Kirchhorster Unternehmensberater Thomas Mazur, der auch als Parteiloser im Ortsrat sitzt, hat gemeinsam mit dem Lehrer Lars Muff und Bio-Landwirt Reinhard Hemme dort in den vergangenen Jahren mehr geschaffen als ein Idyll. Die Permakultur Kirchhorst steht für eine Alternative zur traditionellen Landwirtschaft. Das Projekt versucht sich in einer Landwirtschaft, in der Tiere und Pflanzen so kombiniert werden, dass sie in einem natürlichen Kreislauf nur wenige Eingriffe des Menschen erfordern.

Angefangen hatte alles mit dem Ehec-Erreger 2011. Keine Tomaten mehr im Supermarkt? Da war für Mazur klar: Jetzt muss er wieder selbst ein Beet anlegen. Und wie das manchmal im Leben so ist – aus einer kleinen Idee wird ein großes Projekt. Zu den Tomaten kamen Hühner, immer größere Anpflanzungen, Interesse für verschiedene Anbaumethoden und irgendwann der entscheidende Funke: „Wir waren beim Permakultur-Papst Sepp Holzer zu Besuch“, sagt Mazur. Mit Muff und Hemme fand er zwei Gleichgesinnte – gemeinsam und aus tiefer Überzeugung, dass die Zukunft der Landwirtschaft im natürlichen Anbau liegen muss, brachten sie die Permakultur nach Kirchhorst.

Kein Massenverkauf: Im Angebot ist, was gerade wächst

60 Hühner, zehn Kammschafe, mehrere Wollschweine sowie Gänse und Enten leben frei oder im mobilen Heim auf dem Gelände. Der Job der Tiere ist ganz klar: Sie räumen auf. „Die Schafe fressen den Rasen ab und düngen ihn“, erklärt Mazur. Die Schweine wiederum ersetzen das Pflügen der Felder. Eier und Fleisch verkauft die Permakultur ebenso wie bisher rund 30 verschiedene Salatsorten. Aber auch da gilt ein natürliches Prinzip: „Wir verkaufen nichts in Massen, sondern immer nur das, was gerade wächst und da ist“, erklärt Muff. Und auf 700 Laufmetern Beet ist das gar nicht so wenig. Weil im Market-Garden in aufgesetzten Beeten aus Kompost und Holzschnitzeln die Salate durcheinanderwachsen, gibt es nicht einzelne Sorten, sondern die Kirchhorster „Rockstar-Mischung“. Aussortiert wird nichts. „Für Restaurants wäre das nichts, aber unsere Kunden sollen Wert auf Natürlichkeit legen“, sagt Mazur. Dafür gibt es jetzt einen Verkaufskühlschrank für Salat direkt am Feld. Der Test überzeugt: Unheimlich intensiv schmecken die einzelnen Sorten. „Das passiert, wenn man im Boden nichts macht. Das kennt man aus dem Supermarkt nicht“, sagt Mazur. Recht hat er.

Seit Kurzem leben auch 70 Masthähnchen in Kirchhorst. In einem mobilen Unterstand, der „Broiler-Autobahn“, fressen sie Schritt für Schritt kleine Flächen ab. Bald gibt es also auch Hähnchenfleisch zu kaufen. „Wir versuchen das mal“, sagt Mazur. Überhaupt baue noch vieles auf das Prinzip Learning by doing.

GbR seit 2017 – inzwischen gibt es einen festen Mitarbeiter

Am Anfang waren es acht Stunden pro Woche, die alle drei gemeinsam investierten. Aus dem Hobby wurde Passion – niemand will ausschließen, dass es einmal der Hauptjob für alle wird. Die Region legte einigen Bauvorhaben wie einer neuen Scheune und Zäunen Steine in den Weg, weil die Permakultur nicht als Landwirtschaft anerkannt wurde und somit nicht privilegiert war, im Außenbereich bauen zu dürfen. Bis vor das Verwaltungsgericht zogen die Gründer, um ihrem Projekt auch den rechtlichen Rahmen zu geben. „Wir waren von Anfang an profitabel“, betont Mazur, „zumindest vor den Anwaltskosten.“ 2017 gründeten sie eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Inzwischen haben sie mit Gärtner Felix Zlatkovic, der dafür mit seiner Familie vom Bodensee nach Isernhagen gezogen ist, einen ersten festangestellten Mitarbeiter.

Market-Garden: In den aufgesetzten Beeten wachsen verschiedene Salatsorten. Quelle: Carina Bahl

Das Ziel: 500 verschiedene Produkte auf dem Gelände

An den Tieren vorbei geht es auf eine riesige Wiese. „Alles hier ist essbar“, betont Mazur. Zwischen wildem Thymian, Oregano, Baldrian, Malve, Buschrosen, Stachel-, Erd-, Heidel- und Maulbeeren stehen zig Bäume. 15 verschiedene Sorten Kirschen, 50 Sorten Äpfel, 20 Sorten Birnen und vier essbare Sorten Eicheln hängen dort in vollen Kronen. „Wir beschneiden die Bäume nicht, sie wachsen natürlich.“ Um die Bäume herum hat das Team verschiedene Sträucher gepflanzt, die Stickstoff in den Boden bringen. „Es gibt ein festes Konzept“, erklärt Mazur. „Unser Ziel ist es, einmal 500 verschiedene Produkte anbieten zu können.“ Je nach Saison und Erntezeit können die Kunden aktuell auf der Homepage sehen, was es gibt und eine Bestellung aufgeben. Dann geht Zlatkovic los, um zu ernten. Sonnabends von 10 bis 14 Uhr öffnet der kleine Hofladen. Birga Mazur-Rodak kocht zudem verschiedene Sorten Gelee und Marmelade aus dem Obst.

Verkauft wird, was geerntet wird: Auch Kirschen gibt es nicht in Massen. Quelle: Carina Bahl

Schüler und Studenten besuchen die Permakultur

Gemäht, gespritzt, gepflügt – all das passiert auf den Flächen nicht. Allein das Anpflanzen und Ernten übernehmen Mazur und sein Team. Bei langer Hitze und Trockenheit wird auch mal bewässert. In einem Regenrückhaltebecken wachsen inzwischen Wasserpflanzen und Teichkresse, auf einer anderen Fläche soll Getreide angebaut werden. Bei Instagram und Youtube wirbt die Permakultur für ihr Projekt – und hat inzwischen oft Besuch von Schulklassen und Studenten, mit denen gemeinsam Beete angelegt oder die Artenvielfalt bestimmt werden. Hobbyimker David Görzen hat sieben Bienenvölker auf dem Gelände angesiedelt. Eigentlich fliegen sie drei Kilometer weit – in diesem Fall dürften das die faulsten Bienen Isernhagens sein, haben sie doch alles direkt in der Einflugschneise.

David Görzen vom Imkerverein Burgwedel kümmert sich um mehr als 350.000 Bienen auf dem Gelände der Permakultur in Kirchhorst. Die Bienen sammeln im Umkreis von drei Kilometern und finden direkt vor ihren Stöcken ein wahres Paradies vor. Quelle: Carina Bahl

Im Video – So hat sich die Fläche seit 2013 entwickelt:

Der große Traum der drei Isernhagener ist klar: Das Projekt soll wachsen, Vorbildfunktion für andere andernorts übernehmen. Kaum zu fassen, aber nur 12 Prozent des Potenzials der fast drei Hektar großen Fläche sind bereits ausgeschöpft. „Das ist kein Hobby, wir meinen das hier ernst“, sagt Mazur. „Natur ist so unheimlich üppig und reichhaltig, wenn man sie lässt“, schwärmt Muff. Wer in Kirchhorst auf dem Gelände der Permakultur unterwegs war, hat daran keinen Zweifel. Stolz und zufrieden schließt Mazur das hölzerne Tor zu seinem kleinen Paradies. „Das ist ein Privileg, so etwas machen zu dürfen.“

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Von Carina Bahl

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