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Nachrichten "Emma" ist schon seit 76 Jahren im Dienst
Region Isernhagen Nachrichten "Emma" ist schon seit 76 Jahren im Dienst
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00:15 09.07.2017
Das historische Löschfahrzeug "Emma" aus Isernhagen N.B. ist zwar mit Blick auf seine 76 Jahre durchaus ein Oldtimer, der Blick in den Fahrzeugschein verrät aber, dass dieses Feuerwehrfahrzeug noch im Dienst ist. Thorsten Gremmels hält "Emma" und ihre Orginalausrüstung seit Anfang der Neunziger in Schuss. Quelle: Carina Bahl
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Isernhagen N.B.

Andererseits drückt das „Wir“ in der Feststellung von Gremmels die Leidenschaft und Fürsorge aus, die die Feuerwehr N.B. für ihre alte Lady aufbringt.

Als „Emma“ am 11. September 1941 vom Bahnhof in Langenhagen abgeholt wurde, brach in der damals noch selbstständigen Gemeinde N.B. ein neues Zeitalter an. Im Nordosten der Region war die Feuerwehr die erste weit und breit mit einem Löschfahrzeug. Schon 1932 mit der Anschaffung einer Motorspritze hatte die Kommune modernste Technik für ihre Einsatzabteilung angeschafft – aber diese immer hinter das Auto des Dorfbäckers zu hängen? Nein, das war nicht die Lösung. „Emma“ musste her.

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Mitten im Zweiten Weltkrieg war „Emma“ im Einsatz, um nach den langen Bombennächten zu helfen – in Misburg, am Alten Rathaus in Hannover und auch in Celle. „Damals noch in Grün“, weiß Gremmels. Denn zu Zeiten des Nationalsozialismus war die „Feuerschutzpolizei“ mit Grün gekennzeichnet. Die Alliierten wussten „Emma“ nicht weniger zu schätzen – die ehrenamtlichen Feuerwehrmänner aus N.B. bekamen auf ihre Helme den Aufdruck „Civil Fire Service“. „Emma“ selbst bekam eine neue Lackierung – erst Rot, dann in den Fünfzigerjahren den sportlichen, weißen Streifen an der Seite.

„Emmas“ Baureihe wurde schnell eingestellt. „Theoretisch ist sie ein wenig untermotorisiert“, sagt Gremmels mit Blick auf die 45 PS. Aber auf den Einsatz des alten Feuerwehrautos will Gremmels nichts kommen lassen: „Den einen Tag sind wir auf der A 37 mit Rückenwind auf Tempo 75 gekommen. Das war wie fliegen.“ Zu jeder Jahresversammlung hält der gelernte Schlosser einen Bericht darüber, was „Emma“ erlebt hat. Immerhin ist er seit Anfang der Neunziger für ihre Pflege zuständig und kennt jede einzelne ihrer Schrauben. Aber warum eigentlich „Emma“? „Da gibt es viele Geschichten“, überlegt Gremmels und muss lachen. Eine besagt, „Emma“ hieß die Geliebte des damaligen stellvertretenden Ortsbrandmeisters, der sich daheim nicht verplappern wollte. „Aber Emma klingt auch schöner als Omma“, findet der 54-Jährige.

Die Überlegung, „Emma“ in den Ruhestand zu schicken, gab es trotz Neubeschaffungen nie. „Es gab immer eine Aufgabe für sie“, erinnert sich Gremmels. Als sie als Löschfahrzeug nicht mehr gebraucht wurde, war sie Transportwagen – nicht zuletzt für den Spielmannszug. Als der Mannschaftswagen Totalschaden erlitt, wurde „Emma“ erneut aus dem Stall geholt.

„Stall“ ist übrigens wörtlich zu verstehen: Da die 76 Jahre alte Dame keinen Platz im Gerätehaus neben hochmodernen Fahrzeugen wie dem Einsatzleitwagen der Gemeindefeuerwehr hat, verbringt sie die Winter in der Scheune von Familie Thies und den Sommer direkt nebenan auf dem Hof – beide aber in Sichtweite der Feuerwehr. Ihre letzte Einsatzübung hat „Emma“ 2016 in H.B. absolviert. Als das Elbe-Hochwasser 2013 den Dienst aller Feuerwehrfahrzeuge aus N.B. erforderte, hielt das kleine Gefährt im Gerätehaus die Stellung.

Eine Ausfahrt mit „Emma“, die per Kurbel angeworfen wird, ist immer ein Erlebnis. „Wir sind schon von der Polizei kontrolliert worden“, erinnert sich Gremmels. Die Beamten hätten angemahnt, dass die Blaulichter nicht abgedeckt waren. Oldtimer, die diese Ausrüstung haben, müssen sie im öffentlichen Verkehrsraum verhüllen. „Als sie im Fahrzeugschein gesehen haben, dass ,Emma’ ein echtes Feuerwehrfahrzeug ist, war der Blick der Polizisten unbezahlbar.“ Die längste Tour des kleinen Löschfahrzeugs führte bis nach Leer. „An den Steigungen war sie etwas zickig, und wir hatten eine Reifenpanne“, erzählt ihr Pflegepapa. Mit dem Original-Wagenheber ein Ersatzrad aufzuziehen, das seit 1941 keine Luft gesehen hatte, sei ein Abenteuer gewesen.

Nicht nur der Wagenheber, auch die komplette Ausrüstung der „Emma“ ist original – von den Helmen bis hin zu Schläuchen, Stand-rohr und Verbandskasten. „Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre ein Holzwurm“, scherzt Gremmels. Tatsächlich ist die Innenverkleidung aus Holz – und Rost somit kein Problem.

Heute hat „Emma“ vor allem repräsentative Aufgaben: auf Feuerwehrfesten, Oldtimer-Treffen und nicht zuletzt als Hochzeitsauto – auch wenn der „Brautpopo“ nach der komplett ungefederten Fahrt auf den harten Holzbänken schmerzen dürfte . „Auch die Ingenieure der Dekra freuen sich immer auf sie“, sagt Gremmels – natürlich: Auch „Emma“ muss alle zwei Jahre zur Hauptuntersuchung.

Um diese Prüfung zu bestehen, musste Emma dann doch Modernisierungen über sich ergehen lassen – die notwendigen Blinker beispielsweise stammen von einem VW Käfer. Die Aschenbecher an jedem Sitzplatz, ihre Pedale – Gas, Bremse, Kupplung, Anlasser – sowie ihre „Rasselglocke-Klingel“ sind hingegen historisch. „Die Glocke muss auf den Ton H gestimmt sein“, erklärt Gremmels – eine Prüfung, die die Dekra heute zum Glück nicht mehr vornimmt.

Dass die Glocke mehr Aufmerksamkeit erregt als ein Martinshorn, weiß Gremmels aus Erfahrung. „Wir waren mit ,Emma’ einmal unterwegs und an der Straße standen Kinder, die winkten.“ Als Gruß läuteten die N.B.er die Glocke – „und 100 Meter vor uns wurde sofort eine Rettungsgasse gebildet“.

Ruhestand ist für „Emma“ kein Thema. „Man könnte sie in ein Museum stellen, aber es ist doch viel schöner, in einem Museum unterwegs zu sein“, findet Gremmels. Viele Einsatzkräfte aus N.B., vor allem Jugendliche, sind bei der Pflege des Löschfahrzeuges mit dabei. „Aber wir übertreiben es nicht“, betont Gremmels. „Jede Beule, jeder Kratzer erzählt schließlich eine Geschichte.“ Wenn „Emma“ doch nur reden könnte, sie würde unzählige erzählen.

"Emma" in Zahlen

Bei „Emma“ handelt es sich um ein sogenanntes leichtes Löschgruppenfahrzeug, abgekürzt: LLG 1500. 1939 wurde sie bestellt, 1940 gebaut und am 11. September 1941 in den Dienst der Feuerwehr Isernhagen N.B. gestellt. Sie hat einen 6-Zylinder-Benzinmotor, einen Hubraum von 2229 Kubikzentimetern, 45 PS und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 75 Stundenkilometern. Ihr zulässiges Gesamtgewicht liegt bei 3600 Kilogramm. Auf „Emma“ findet eine Löschgruppe (1/8) Platz.

Von Carina Bahl