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Nachrichten „Mutti, mich will niemand haben“
Region Gehrden Nachrichten „Mutti, mich will niemand haben“
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14:17 04.01.2019
Inklusion in der Schule ist seit Jahren in aller Munde, doch noch lange sind nicht alle zufrieden. Es fehlen vor allem qualifizierte Fachkräfte. Quelle: Jonas Güttler
Lenthe/Gehrden

Jessica Müller ist ratlos. „Wir haben schon alles probiert, aber wir kommen nicht weiter“, sagt sie. Ihr Sohn leidet unter dem sogenannten Asperger-Syndrom. Im Sommer wurde er eingeschult – doch wenn am Montag der Unterricht nach den Weihnachtsferien wieder beginnt, ist der Junge nicht dabei. Er sitzt zu Hause.

Dabei begann alles ohne Probleme. Eine Schulbegleiterin war da. Absolut harmonisch sei das Verhältnis gewesen, erzählt Jessica Müller. „Mein Sohn ist sehr empfindlich, äußerst sensibel und schnell reizüberflutet“, sagt sie. Der Sechsjährige müsse einfühlsam und eng betreut werden; eine vertrauensvolle Basis ist Voraussetzung für den Schulbesuch. „Alle waren zufrieden, der Schüler hatte einen guten Start in der Schule“, bestätigt die zuständige Schulleiterin Nina von Zimmermann.

Doch das änderte sich nach den Herbstferien. Da der Schulbegleiterin die geforderte pädagogische Ausbildung fehlt, strich die Region die Kostenübernahme und der Junge hatte keine entsprechende Unterstützung mehr. Ohne die jedoch kann er den Schulalltag nicht bewältigen. Da die Suche nach einem Ersatz bislang ohne Erfolg geblieben ist, ist der Grundschüler zu Hause. „Wir versuchen ihn dort mit Unterstützung des Klassenlehrers so gut wie möglich den Unterrichtsstoff zu vermitteln“, sagt die Mutter.

Das Ärgerliche aus ihrer Sicht. Die Schulbegleiterin holt aktuell die fehlende Ausbildung nach; und wäre darüber hinaus bereit gewesen, parallel das Kind in der Grundschule zu betreuen. Doch die Region spielt nicht mit. Eine Öffnung für Personen ohne pädagogische Qualifikation verstoße gegen das Fachkräfteangebot, an das Behörden rechtlich gebunden seien, heißt es.

Wirkliche Alternativen zeigt die Region aus Sicht der Mutter aber nicht auf. Zwar berate der Fachbereich Jugend und biete auf Wunsch auch an, direkt bei anderen anerkannten Jugendhilfeanbietern anzufragen, „doch das hilft uns nicht weiter“, sagt Jessica Müller. Aus ihrer Sicht verstecke sich die Region hinter ihren Paragraphen; das persönliche Schicksal eines Kindes sei ihr egal.

Ohne Schulbegleitung geht es nicht

Das Asperger-Syndrom bezeichnet eine Kontakt- und Kommunikationsstörung. Beispielsweise sind für die betroffenen Kinder alle Geräusche gleich laut, sie können sie nicht filtern. Erkrankte können zudem ihre Gefühle nicht ausdrücken und sich nicht in andere hineinversetzen. Nonverbale Signale anderer verstehen sie nicht. Körperliche Nähe ist ihnen meist unangenehm. Sie bleiben gern für sich, vermeiden den direkten Augenkontakt.

Viele von ihnen besuchen dennoch eine Regelschule – und stoßen dort oft an ihre Grenzen. Nur mit einem Helfer an der Seite kann der Schulalltag gelingen. Schulbegleiter gibt es erst seit rund zehn Jahren. Davor schickte man Asperger wegen ihres auffälligen Verhaltens zunächst auf Schulen für Menschen mit einer geistigen Behinderung, später zur besseren Förderung auf Sprachheilschulen oder Schulen zur Förderung emotionaler und sozialer Entwicklung. Viel hängt von der Qualität des Schulbegleiters ab. Was als Hilfestellung gedacht war, entpuppt sich im Alltag leicht als zusätzliches Konfliktfeld. Nicht immer stimmt die Chemie zwischen Lehrer und Schulbegleiter, nicht immer bewilligt der Kostenträger eine ausreichende Zahl an begleiteten Stunden. Wichtig: Asperger brauchen Regelmäßigkeit und möglichst wenig Wechsel der Bezugspersonen. dw

Hedwig Gebbeken ist Kinder- und Jugendtherapeutin und betreut den betroffenen Grundschüler. Auch sie fordert: „In dem speziellen Fall wäre es sinnvoll, der Frau eine Genehmigung zur Schulbegleitung zu erteilen.“ Sie sei eine erfahre Schulbegleiterin und arbeite bereits seit Jahren im Autismus-Bereich. „Sie könnte zur Betreuung des Kindes die berufsbegleitende Ausbildung machen“, schlägt Gebbeken vor. Was aus ihrer Sicht völlig absurd sei, sei die unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen bei Stadt Hannover und Region: „Bei der Stadt Hannover könnte sie als Schulbegleiterin eingesetzt werden.“ Eines steht für Gebbeken fest: „Der Junge muss ganz schnell zurück ins Schulsystem.“ Je länger er außen vor bleibe, desto schwieriger werde die Eingliederung.

Die zuständige Grundschule bezeichnet die aktuelle Situation als sehr unbefriedigend. Zwar kann Nina von Zimmermann die Haltung der Region grundsätzlich nachvollziehen, dass man vom eingesetzten Personal die entsprechenden Qualifikationen fordere, aber: „Es wäre sehr schön, wenn vor dem Hintergrund der Notlage die Schulbegleiterin vom Anfang ihren Dienst auch ohne die erforderliche Qualifizierung wieder aufnehmen könnte, vielleicht als eine Art Quereinstieg“, meint von Zimmermann.

Die Hoffnung, zeitnah eine Schulbegleitung zu finden, ist gering. „Der Markt ist ziemlich leer und durch die hohen Auflagen findet man kaum jemanden, der speziell für die Betreuung eines Schülers mit Unterstützungsbedarf im Autismus-Spektrum ausgebildet ist“, sagt von Zimmermann. Auch Jessica Müller würde sich wünschen, wenn sich mehr Menschen entscheiden, im Bereich Autismus zu arbeiten. „Qualifiziertes Fachpersonal wird dringend gebraucht“, sagt sie. Ihr Sohn sei schließlich kein Einzelfall.

Die Region sieht auch die Schulbehörde in der Pflicht. „Für die Erfüllung des Rechtsanspruchs auf Bildung und die Umsetzung von Inklusion ist vorrangig die Schule zuständig“, teilt sie mit. Die Jugendhilfe könne Schulkinder nur begrenzt ergänzend unterstützen. Auf fehlendes qualifiziertes Fachpersonal habe die Jugendhilfe keinen Einfluss. Gleichwohl erleben die Jugend- und Sozialhilfeträger zunehmend, dass der Bedarf an einzelfallorientierter Hilfe im Zuge des inklusiven Beschulung enorm gestiegen ist. „Aus Sicht der Region sind dafür auch unzureichende inklusive Strukturen in den Schulen verantwortlich“, sagt eine Sprecherin.

Und zu dem Gehrdener Fall: Sollte das Problem nicht gelöst werden, müsste nach Ansicht der Region gemeinsam mit allen Beteiligten alternative Hilfeformen und Möglichkeiten gefunden werden. Der Ausschluss vom Schulbesuch dürfe dabei nicht das Mittel der Wahl sein. Die Landesschulbehörde sieht es ähnlich. In dem besonderen Fall sei ein Hausunterricht ein mögliche Alternative, aber keine Dauerlösung, teilte eine Sprecherin mit. „Es muss intensiv nach einer Lösung gesucht werden“, fordert die Sprecherin.

Der Familie Müller hilft das zurzeit nur wenig. „Wir fühlen uns allein gelassen“, sagt Jessica Müller. Notfalls will sie klagen. Ihr Mann und sie müssen den Berufsalltag komplett umorganisieren. „Es muss immer jemand zu Hause sein“, sagt sie. Die Situation nage vor allem an ihrem Sohn. „Mutti, mich will ja sowieso niemand haben“, sagt er.

Von Dirk Wirausky

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