Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten Junge Garbsenerin für ein Jahr in Bolivien
Region Garbsen Nachrichten Junge Garbsenerin für ein Jahr in Bolivien
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:03 01.03.2017
Lea Pohl ist seit August für ein Jahr freiwillig in Bolivien. Quelle: privat
Anzeige
Garbsen/Cotoca

Gefördert von der Garbsener Gemeinde St. Raphael, der Diözese Hildesheim und vom weltwaerts-Programm der Bundesrepublik lebt und arbeitet sie im Colegio Barbara Micarelli del Niño Jesus. Dies ist ihr Bericht:

"In Cotoca leben über 40.000 Menschen. Im Stadtzentrum liegt eine Plaza, die von großen Bäumen und Palmen gesäumt ist. In ihrem Schatten stehen Bänke, die zum Ausruhen einladen. An einer Seite der Plaza steht die Kirche, ein Sanktuarium, dass aufgrund einer Marienerscheinung der 'Jungfrau von Cotoca' geweiht ist. Jedes Jahr in der Nacht zum 8. Dezember pilgern circa eine halbe Million Menschen aus der nahe gelegenen Großstadt Santa Cruz de la Sierra nach Cotoca.

Anzeige

Die Straßen sind dann voller Menschen, viele haben sich Schlafsäcke mitgebracht und suchen sich ein Plätzchen zum Schlafen am Rand. Als wäre Jahrmarkt kommen Händler in die Stadt und verkaufen ihre Töpferwaren, Kerzen und Rosenkränze. Sogar Schamanen, oder 'Yatiris', wie man hier sagt, habe ich in dem Gedränge gesehen. Von ihnen kann man sich die Zukunft aus der Hand oder Cocablättern voraussagen lassen. Aus europäischer Sicht scheint das widersprüchlich bei einem Marienfest zu sein, und doch steht es sinnbildlich dafür, wie viele Menschen in Bolivien ihren starken christlichen Glauben mit ihren alten Traditionen verbinden.

Der Geruch nach gegrilltem Fleisch zieht in dieser Nacht durch die Straßen, Sonso und Arepa liegen bergeweise in den Pfannen. Diese typischen Gerichte aus Cotoca bestehen aus Käse und Yuccamehl um einen Holzspieß gewickelt oder es werden Maismehl und Käse zu Fladen geformt. Yucca ist eine Wurzel, die ähnlich wie die Kartoffel schmeckt und hier auch an ihrer statt verwendet wird."

Alle zwei Stunden gibt es in dieser Nacht eine Messe, für die extra Bischöfe angereist sind. Sie ruhen sich in der Schule aus, in der Lea Pohl arbeitet und zu der ein Wohnhaus gehört. Dort wohnt sie mit den drei Missionsfranziskanerinnen, die die Schule betreiben. Vor über 20 Jahren hatte eine Schwester die Idee, in diesem Dorf eine Schule zu bauen, um den Kindern bessere Zukunftsperspektiven zu bieten. Verwirklicht wurde dieses Projekt in Zusammenarbeit mit Vertretern des Bistums Hildesheim, die die Schule bis heute unterstützen. Diese Partnerschaft, die speziell mit meiner Kirchengemeinde St. Raphael Garbsen besteht und der Grund ist, warum Lea Pohl in diesem Projekt arbeiten darf, ist deutlich spürbar. Regelmäßig reisen Gruppen aus Deutschland nach Bolivien, es werden Grüße und Geschenke ausgetauscht.

"Es besteht eine Partnerschaft auf Augenhöhe", sagt Lea Pohl, "und keine Patenschaft von deutscher Seite aus. Man kann auch noch so viel Geld schicken, ohne den großen Einsatz der Schwestern und rund 27 Lehrern wäre das Colegio nicht die erfolgreiche Einrichtung, die es ist. Mein Beitrag besteht darin, im Kindergarten und im Englischunterricht der Klassen vier bis zwölf zu helfen, was mir viel Spaß macht. Bereits in den ersten Tagen kamen immer wieder Schüler zu mir, um mich zu umarmen und mir zu danken, dass ich da bin. Besonders schön war es, einen Brief einer Drittklässlerin zu erhalten, in dem sie mir gedankt hat, dass ich diesen weiten Weg von Deutschland nach Bolivien auf mich genommen habe, um sie zu unterrichten.

Aber viel mehr als ich gebe und unterrichte, lerne ich selbst, beispielsweise im Jugendorchester Cotocas, in dem ich Violinenunterricht bekomme. Mich berührt die Herzlichkeit und Familiarität, mit der die Menschen untereinander umgehen. Die Schüler kennen nicht nur ihre Klassenkameraden, sondern unternehmen auch etwas mit den Schülern anderer Jahrgangsstufen. Ich muss lächeln, wenn ich einen großgewachsenen Jungen aus der 11. Klasse sehe, der den rosa Rucksack seiner sechsjährigen Schwester trägt, während sie freudig um ihn herumspringt. Das ist kein Einzelfall und Familie hat generell einen sehr hohen Stellenwert hier.

Gleichzeitig lerne ich aber auch, was Armut bzw. Luxus heißt. In Deutschland denken wir selten daran, dankbar dafür zu sein, immer etwas zu essen oder Wasser, sogar eine heiße Dusche zu haben. Es fällt mir schwer, Bettler zu sehen, besonders wenn sie mich direkt ansprechen. Je nachdem, wo ich bin, kommt das auch nicht selten vor. Mit meinen blonden Haaren und meiner hellen Haut falle ich einfach sofort auf. Aber auch wenn ich immer auffalle und angestarrt werde, ist mir noch niemand rassistisch begegnet, im Gegenteil, ich werde bestaunt. Von der offenen Einstellung Ausländern gegenüber können wir in Deutschland noch etwas lernen, finde ich!"

Wichtig sei ihr, sagt Lea Pohl, "dass nicht generalisiert wird". Nicht alle Bolivianer seien arm, es gebe im Gegenteil "sogar große Reichtümer hier". Nicht alle Menschen gingen so harmonisch miteinander um, wie sie es geschildert habe. Bolivien sei nicht nur das arme Entwicklungsland. Es sei vielfältig, von der Landschaft her, die von Gebirge bis Dschungel reicht, von der Güterverteilung her, von der Kultur her, aber besonders auf die Menschen bezogen, "so wie es auch in Deutschland ist". Neben Mängeln im staatlichen Gesundheits- und Bildungssektor sowie der Infrastruktur gebe es große Fortschritte, besonders durch die Industrialisierung, die von Unternehmern betrieben werde.

"Ich jedenfalls war sehr stolz, als deutsche Cotoceña bezeichnet zu werden, die zu dieser tollen Stadt gehört, egal ob sie gerade voller Menschen wie beim Fest der Jungfrau von Cotoca ist oder nur von alltäglichem Leben erfüllt ist. Viva Bolivia!"

Essensstände auf der Straße in Cotoca, Bolivien. Quelle: privat

Von Bernd Riedel und Lea Pohl