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00:18 21.01.2018
"Ein Job am Schreibtisch wäre nichts für mich": Die 19-jährige Anna Siever macht eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau im Hotel Bullerdieck in Frielingen.
"Ein Job am Schreibtisch wäre nichts für mich": Die 19-jährige Anna Siever macht eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau im Hotel Bullerdieck in Frielingen. Quelle: Gerko Naumann
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Frielingen

 Mit einem Lächeln betritt die Auszubildende Anna Siever einen Konferenzraum im Hotel Bullerdieck. Die Freundlichkeit kommt gut an. Etwa 20 schick gekleidete Männer und Frauen, junge Führungskräfte des Unternehmens VW Nutzfahrzeuge, lächeln freundlich zurück. Sie freuen sich auf die Pause und den dazugehörigen Kaffee, den ihnen die 19-Jährige gleich servieren wird. „Endlich bekommt der Kollege auch mal einen eingeschenkt“, scherzt der Tagungsleiter. Alle lachen, auch Siever.

„Ein Witzchen mit den Gästen, das gehört einfach dazu“, sagt sie. Die junge Frau aus Neustadt hat erkennbar Spaß an ihrer Arbeit. Sie ist im dritten Lehrjahr, bald ist sie ausgebildete Restaurantfachfrau. Sie bereitet das Frühstück vor, serviert mittags das Essen und macht den Service bei Partys und Veranstaltungen. Ein Beruf, für den es immer weniger geeignete Bewerber gibt (siehe Interview). Auch Siever kennt die Beispiele von Mitschülern, die die Ausbildung vorzeitig abgebrochen haben, weil ihnen alles zu anstrengend war. Ihr selbst ging es mal ähnlich.

Bürojob war nichts für sie

„Ich habe eine Ausbildung als Bürokauffrau begonnen. Aber acht Stunden am Schreibtisch sitzen, das war nichts für mich. Ich brauche Bewegung“, sagt die 19-Jährige. Deshalb wechselte sie nach nur drei Tagen Probearbeit ins Restaurantfach und hat diese Entscheidung nie bereut. „Hier bin ich jeden Tag viel unterwegs und habe mit vielen Menschen zu tun, genau das will ich machen“, sagt Siever. Den Umgang mit Menschen – auch mit eher „extravaganten Gästen“, so umschreibt es Siever höflich, lernen die angehenden Restaurantfachleute auch an der Berufsschule. „Wir werden in Rollenspielen auf schwierige Situationen vorbereitet“, berichtet sie.

Arbeit statt Fitnessstudio

Natürlich sei der Job auch mal anstrengend, räumt die Neustädterin ein. Vor allem im Sommer, wenn der Biergarten geöffnet ist. „Wenn wir ein volles Tablett nach dem anderen zu den Gästen bringen, kommt man schon ordentlich ins Schwitzen“, berichtet sie. Aber selbst daraus zieht die junge Frau noch ein positives Fazit: „So spare ich mir den Besuch im Fitnessstudio.“ Auch an die Arbeitszeiten früh morgens und am Wochenende hat sie sich gewöhnt. Für Frühschichten steht Siever um 3 Uhr auf.

Für den Service ausgezeichnet

Dabei hilft ihr vor allem die gute Zusammenarbeit mit ihren Kollegen und das regelmäßige Lob ihres Ausbilders. Dass sie gute Arbeit leistet, hat die 19-Jährige sogar schwarz auf weiß bestätigt bekommen. Bei einem regionsweiten Wettbewerb landete sie beim besten Service unter den Restaurantfachleuten auf Platz 1. Das hat sie in der Entscheidung bestätigt: „Ich weiß genau, dass ich auch nach der Ausbildung in diesem Beruf weitermachen will.“ Wenn das kein Grund zum Lächeln ist.

Mirja Bullerdieck führt das Hotel bereits in der vierten Generation. Quelle: Gerko Naumann

„Es fehlt an Durchhaltevermögen“

Nachgefragt bei: Mirja Bullerdieck, seit 2014 Inhaberin und Geschäftsführerin des Hotels und Restaurants Bullerdieck – in der vierten Generation:

Guten Tag, Frau Bullerdieck. Wie viele Auszubildende haben sie und wie viele bräuchten sie?

Wir bilden derzeit neun junge Leute im Service und in der Küche aus. Wir hätten gern 18, einen pro Lehrjahr und Abteilung. Das Problem teilen wir mit vielen Gastronomie-Betrieben, wie ich aus Gesprächen mit Kollegen weiß.

Woran liegt es, dass sie keine geeigneten Bewerber finden?

Der Beruf ist für viele unattraktiv geworden. Das liegt gar nicht mal an der Bezahlung, sondern vor allem an den Arbeitszeiten. Die liegen bei uns naturgemäß auch in den Abendstunden und am Wochenende. Die Gäste geben die Zeit vor. Dazu sind viele Jugendliche nicht mehr bereit, weil ihnen ihre Freizeit wichtiger ist.

Was können Sie tun, um diesen Trend zu ändern?

Da sind in erster Linie die Eltern und die Schulen gefragt. Wir haben schon mehrere Auszubildende erlebt, die nach wenigen Wochen das Handtuch geworfen haben, weil sie keine Lust mehr hatten. Zum einen sind die Schüler nicht genügend informiert, was auf sie zukommt. Zum anderen fehlt es an Durchhaltevermögen, wenn es mal nicht so läuft. Die jungen Leute brauchen den Rückhalt aus ihrer Familie und jemanden, der ihnen die Perspektiven einer guten Ausbildung aufzeigt.

Wie sieht diese Perspektive aus?

Als gelernte Servicekraft ausgesprochen gut. Sie sind ausgebildet im Umgang mit Menschen und wahre Problemlöser. Das ist heute in vielen Bereichen gefragt. Mit dem entsprechenden Einsatz stehen auch die Aufstiegschancen gut. Unser Restaurantleiter hat etwa vor 20 Jahren als Kellner begonnen. Wir übernehmen fast alle Auszubildenden, wenn sie das wollen. 

Was bedeutet die sinkende Zahl der Auszubildenden für die Zukunft der Gastronomie?

Die logische Konsequenz lautet: Wenn es nicht mehr genügend Mitarbeiter gibt, wird sich das Angebot verkleinern. Bei uns gibt es etwa unter der Woche keinen Mittagstisch mehr.

Von Gerko Naumann