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Region Garbsen Nachrichten Familienunternehmen trotzen dem Fachkräftemangel
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13:36 08.02.2019
Lernen das Bäcker-Handwerk bei Langrehr in Havelse: Lisa Münch und Leve Hartmann. Quelle: Jutta Grätz
Havelse/Berenbostel

Lehrvertrag plus Auto? Oder plus Mietzuschuss? Manche Betriebe sehen sich zu solchem Plus gezwungen, um Nachwuchs zu gewinnen. Fachkräftemangel und fehlende Bewerbungen um Lehrverträge kennen Bäckerei Langrehr und Fleischerei Gumpert auch. Die Familienunternehmen in dritter Generation setzen in ihrer Strategie aber eher auf Betriebsklima, vielfältige Arbeit und individuelle Möglichkeiten.

Bei Langrehr am Hasenberge liegt der Geruch von Mehl, Hefe, Salz und heißer Ofenluft in der Backstube. Die Auszubildenden Lisa Münch und Leve Hartmann formen Teiglinge aus Dinkelmehl für die Schlawiner-Brötchen. Alles Handarbeit und nur in Havelse hergestellt. Die Dinkel-Brötchen sind Teil der neuen Firmenstrategie, sagt Firmenchef Marco Langrehr. Verändertes Konsumverhalten, mehr Backshops mit industrieller Fertigware und gleichzeitig der Fachkräftemangel seien große Herausforderungen, sagt Langrehr. Er ist 1996 in das mehr als 80 Jahre alte Unternehmen eingestiegen. Dinkelprodukte sind trendy und authentisch, in der Langrehr-Variante in jedem Fall etwas, was Auszubildende nur in Havelse lernen können. Sie lernen, wie sehr der Fachbetrieb den Ernährungstrends auf der Spur bleiben muss, um am Markt zu bestehen.

Fachkräftemarkt ist leer gefegt

„In Zeiten von zunehmenden Allergien, Lebensmittelunverträglichkeiten und immer neuer Trends brauchen wir betriebliche Antworten“, sagt Langrehr. Das Unternehmen mit regionsweit 19 Filialen und rund 200 Mitarbeitern steht für ungewöhnliche Nachwuchsgewinnung. Langrehr hat Slogans erfunden: „Back langsam 5.0“ oder „Alice im Plunderland“ und „Snacks and the City“. Alles Anspielungen auf Kinofilme oder angesagte Serien. Aufsteller mit solchen Plakaten standen vor jeder Filiale. „Der Fachkräftemarkt ist ja leer gefegt, also müssen wir unseren Nachwuchs selbst ausbilden“, sagt Marco Langrehr.

Im Handwerk steht einem die Welt offen

Langrehr hat acht Auszubildende in der Produktion, drei im Büro und im Verkauf. Von allen erwartet er Lust auf neue Produkte, handwerkliches Geschick, Pünktlichkeit und Freundlichkeit. Langrehr setzt für seine Mitarbeiter auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine Fünf-Tage-Woche. „Die Atmosphäre bei uns ist familiär“, sagt der 46-Jährige. Die Konditoren haben die Möglichkeit, in ein triales Studium zu gehen, das auch den Bereich Verkauf umfasst. Das Unternehmen fördert zudem Austauschprogramme. So fuhr eine Konditorin nach Wien, ein Bäckerlehrling nach Frankreich – auf der Suche nach neuen Trends. Bäcker und Konditoren seien zwar anstrengende Berufe. „Aber mit einer Ausbildung im deutschen Handwerk steht einem die Welt offen“, sagt Langrehr.

Keine einzige Bewerbung

Ein Familienunternehmen ist auch die Fleischerei Gumpert in Berenbostel. Lisa Sapich hat dort 2018 ihre Ausbildung zur Fleischerei-Fachverkäuferin mit Bestnoten beendet. Seit drei Generationen ist die Fleischerei am Birkenweg ansässig, seit sechs Generationen ist die Familie im Fleischer-Handwerk tätig. Bratwurst, Bregenwurst, Spanferkel, Mett und Bierschinken: „Wir arbeiten ausschließlich nach Traditionsrezepten, es ist alles hausgemacht“, sagt Hubert Gumpert junior. Der tägliche Mittagstisch und der Partyservice sind erfolgreiche Nischen – denn das Essen wie bei Oma ist auch zum Mitnehmen und für Feiern beliebt – ähnlich wie bei Langrehr ein großes Feld an Lernmöglichkeiten für jeden Auszubildenden.

„Die Nachwuchsgewinnung ist extrem schwierig“, sagt Bruder Michael Gumpert. „Wir haben aktuell nicht eine Bewerbung.“ Gumperts haben vieles vergeblich versucht: Sie bieten den Zukunftstag an und beteiligen sich am IGS-Projekt „Lernen im Stadtteil“. Auch die Kooperation mit der Oberschule Berenbostel habe keine Erfolge gezeigt. „Der Beruf Fleischer scheint nicht so richtig cool zu sein, dabei ist er sehr abwechslungsreich“, sagt Michael Gumpert. Richtig schwierig wird es für ihn, wenn in spätestens fünf Jahren drei langjährige Mitarbeiterinnen in Rente gehen. „Wir wollen weiter ausbilden – wenn sich jemand Geeignetes vorstellt“, sagt Michael Gumpert.

Manche Unternehmen schaffen es aber auch nicht: Zum Jahresende 2018 hat das Fleischerei-Fachgeschäft Tegtmeier in Frielingen geschlossen.

Handwerkskammer testet neues Programm

„Nachwuchsgewinnung wird ein Dauerbrenner bleiben“, sagt Christine Seeger, Sprecherin der Handwerkskammer Hannover. Die Kammer testet auf diesem Feld einen neuen Weg. Partner sind die Region Hannover, die Agentur für Arbeit, die Industrie- und Handelskammer, das gemeinnützige Unternehmen Einfach genial und vier Schulen.

Das Ziel: Schüler besser auf die Berufswahl vorbereiten und sie fitter machen für die digitale Zukunft. Das Pilotprojekt heißt „Digitale Lernallianzen“. Teilnehmer sind im ersten Schritt die elften Jahrgänge von vier weiterführenden Schulen – drei davon liegen in Garbsen: die IGS, das Johannes-Kepler-Gymnasium und das Geschwister-Scholl-Gymnasium. Start ist im ersten Quartal 2019. 

In dem zweijährigen Projekt kommen die Schüler in Kontakt mit 30 Ausbildungsbetrieben. Im Vordergrund stehen betriebliche Aufgaben aus dem Feld Digitalisierung. In kleinen Gruppen erarbeiten die Jugendlichen in einer zweimonatigen Praxisphase Lösungen und präsentieren sie im Unternehmen. „Die ‚Digitalen Lernallianzen‘ bilden eine ideale Plattform, um sich auf die Arbeitswelt vorzubereiten“, sagt Ulf-Birger Franz, Wirtschaftsdezernent der Region Hannover, „sie unterstützt Schulen gezielt und zeigt, wie vielfältig die Bandbreite von Berufen in der Region Hannover ist.“

Unternehmen, die sich an dem Projekt beteiligen wollen, können sich an Jana Wäsche von der Handwerkskammer Hannover wenden. Sie ist erreichbar unter Telefon (0 51 31) 7 00 77 69 und per E-Mail an j.waesche@hwk-psg.de.

Von Jutta Grätz

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