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Region Garbsen Nachrichten Darum geht eine Berenbostelerin als Oma gegen rechts auf die Straße
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13:53 18.08.2019
"Ich bin nicht gleichgültig": Die 75-jährige Monika S. aus Berenbostel geht regelmäßig mit den "Omas gegen rechts" auf die Straße. Quelle: Linda Tonn
Berenbostel

Wenn Monika Stiel fernsehen will, muss sie ihren Stuhl bis auf wenige Zentimeter an den Bildschirm heranrücken. Auf dem Holzstuhl liegt extra ein rückengerechtes Kissen, damit sie es bequemer hat. „Da sitze ich dann immer und schaue mir das ,Morgenmagazin‘ und andere politische Sendungen an“, sagt die 75-Jährige. „Ich will ja mitbekommen, was in der Welt los ist.“ Lesen kann die Seniorin nicht mehr, eine Augenkrankheit nimmt ihr das Sehvermögen. Dabei würde sie sich so gern durch die Zeitungen und Magazine wühlen, politische Debatten verfolgen, Hintergründe zu aktuellen Themen erfahren.

Streiterin für eine gerechtere Welt ohne rechte Hetze und Rassismus

„Ich bin nicht gleichgültig“, sagt die Berenbostelerin, während sie am Tisch sitzt und davon erzählt, wie sie zur Aktivistin wurde. Denn statt die Informationen nur in sich aufzusaugen, geht die Berenbostelerin auf die Straße – ruft „Nazis raus“, diskutiert und streitet für eine gerechtere Welt ohne rechte Hetze und Rassismus. Mit roter Mütze und Trillerpfeife marschiert sie bei Demonstrationen in Hannover mit und schwingt das Plakat mit der Aufschrift „Omas gegen rechts“.

Und wie kam sie dazu? Im Fernsehen habe sie einen Bericht über die mutigen Seniorinnen verfolgt, die gegen Ausgrenzung und rechte Parolen auf die Straße gehen. „Das hat mich begeistert“, sagt die 75-Jährige. „Jeden Tag habe ich meinen Mann Günther gefragt, ob es dazu nicht auch etwas in der Zeitung gibt.“ Irgendwann habe er den Artikel über die Gruppe in Hannover gefunden. „Da war ich sofort dabei“, sagt die 75-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Mann fuhr sie zum Oma-Café nach Hannover. Das erste Mal demonstrierte sie im Januar 2019 auf dem Opernplatz.

Demonstrieren gegen rechts und für Klimaschutz

Auch beim Schulstreik war sie dabei und bei mehreren Fridays-for-Future-Demonstrationen. „Ich habe schon wieder Lust, raus zu gehen und laut zu sein“, sagt sie. Demos seien am allerbesten – vor allem mit den vielen jungen Menschen. Das mache Mut. Doch ein wenig Angst habe sie auch, gesteht die Seniorin. „Vor den Rechten, dass sie mich finden.“

Um zu verstehen, warum die ältere Dame so wütend und gleichzeitig angsterfüllt von „den Rechten“ spricht, muss man ihrer Lebensgeschichte zuhören. Es ist eine Geschichte von Krieg, Armut und der permanenten Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich. 1944 wird sie in Hannover geboren, das Elternhaus in der Altstadt wird zerbombt, die Familie zieht in eine Notunterkunft in Herrenhausen. „Bis zum 15. Lebensjahr habe ich mir das Bett mit meiner Oma geteilt“, erinnert sie sich. „Wir haben mit neun Personen in einer Zweizimmerwohnung gelebt.“

„In Garbsen habe ich alles, was ich brauche“

Ich lebe in Garbsen seit ...

... 1965. Unsere erste Station war der Kronsberg, da haben wir zehn Jahre lang gelebt.

Mir gefällt an Garbsen ...

... dass man alles in unmittelbarer Nähe hat: Ärzte, Supermärkte, schönes Grün, eine gute Busverbindung. Ich fühle mich wohl in meiner Nachbarschaft und liebe es, im Garten zu sein. In Garbsen habe ich alles, was ich brauche.

Das könnte man verbessern ...

... eigentlich nicht viel. Vielleicht, dass es mehr Möglichkeiten gibt, politisch zu diskutieren. Zum Beispiel auch bei Lesungen oder Vorträgen.

Politische Diskussionen in der Familie

Aus dem Bett heraus hörte Stiel als kleines Mädchen die Diskussionen der Erwachsenen über Kanzler Konrad Adenauer, über die Nazis, die immer noch hohe Funktionen innehatten, über die Flüchtlinge, die nach Deutschland kamen. „Mein Opa hat mich mit seiner Leidenschaft für Politik infiziert“, sagt sie. Jeden Morgen habe er die Zeitung gelesen – irgendwann konnte die Berenbostelerin sie selbst lesen und sich informieren.

„Die Nationalsozialisten haben so viel Schlimmes angerichtet, das darf nicht wieder passieren“, sagt die Berenbostelerin heute. Immer wieder kommt sie im Gespräch auf die „Braunen“, wie sie sie nennt, zu sprechen. Dann wird ihre Stimme lauter, und ihre Handbewegungen werden energischer. Niemals dürfe sich so etwas wiederholen, sagt sie. „Ich habe Angst vor der AfD und der NPD und habe große Sorge vor den Wahlen in Brandenburg und Sachsen.“

Serie: „Eine Stunde mit ...“

Ob Eisverkäufer, Geflüchteter, Künstleragentin, Landwirt oder Pastorin: In unserer Sommerserie „Eine Stunde mit ...“ wollen wir die Garbsener zum Gespräch treffen, sie kennenlernen und ihre Geschichten erzählen. Wir treffen Menschen in ihrem beruflichen Umfeld und zu Hause, wollen herausfinden, wie sie leben, was sie machen und was sie an der Stadt mögen. Unsere Reporter sind den ganzen Sommer lang unterwegs, um eine interessante, aufschlussreiche und spannende Stunde mit ihnen zu verbringen.

Redakteurin Linda Tonn hat Monika S. in Berenbostel getroffen. Quelle: Linda Tonn

In ihrer Familie, bei Freunden und im Ort ist die Seniorin als diskussionsfreudig bekannt. „Ich kann mich nicht nur über Krankheiten und das Wetter unterhalten“, sagt die Seniorin, die schon früher ihren Kindern an Wahltagen große Zettel mit „Wählen gehen nicht vergessen“ auf den Tisch legte. Bei den Omas habe sie Menschen gefunden, die ihre Interessen teilten.

Natürlich könnte sie – gerade auch wegen ihrer gesundheitlichen Einschränkung – auch sagen: „Das interessiert mich alte Frau doch nicht.“ Wenn die 75-Jährige das sagt, schüttelt sie energisch den Kopf. „Das kann ich nicht.“ Sie wünsche sich Frieden in Europa und in der Welt. Und dafür packt sie auch bei der nächsten Gelegenheit wieder die Trillerpfeife und ihre Plakate ein und begibt sich lautstark auf die Straße.

Alle Teile der Serie lesen Sie hier:

Eine Stunde mit Jürgen und Heike vom Hof Hornbostel in Stelingen

Eine Stunde mit Künstleragentin Mone Werner aus Altgarbsen 

Eine Stunde mit Friedhofsgärtner Stefan Wassmann 

Eine Stunde mit Eisproduzent Giorgio Capalbo aus Stelingen 

Eine Stunde mit Imbissbetreiber Rudi Schubert in Altgarbsen

Eine Stunde mit der Badeaufsicht Sahin Canbolat am Blauen See

Eine Stunde mit Pflegekraft Angelique Kummer

Eine Stunde mit dem Kontaktbeamten der Polizei, Guido Parbs

Von Linda Tonn

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