Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nachrichten Missbrauch, Gewalt, Stalking: So hilft der Weiße Ring Opfern in Garbsen
Region Garbsen Nachrichten Missbrauch, Gewalt, Stalking: So hilft der Weiße Ring Opfern in Garbsen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:33 12.08.2019
"Die Arbeit hat meinen Blick aufs Leben verändert": Seit 20 Jahren engagiert sich Claudia Bartels aus Horst beim Weißen Ring und hilft Kriminalitätsopfern. Quelle: Linda Tonn
Horst

 Manche Fälle kann Claudia Bartels einfach nicht vergessen. Auf ihrem Esstisch in der lichtdurchfluteten Küche in Horst liegen Zeitungsausschnitte von 2003: „Der Amoklauf von Mellendorf“, „Ein Dorf steht unter Schock“ und „Der Hund hat mein Leben gerettet“ ist zu lesen. Am 24. September war der 40-jährige Oliver O. in Mellendorf zunächst mit seinem Mercedes gegen einen Baum gefahren. Dann hatte er eine Frau angegriffen und schwer verletzt. Anschließend wütete er auf einer privaten Geburtstagsfeier, schlug auf Gäste ein und verprügelte Polizeibeamte. Sie konnten ihn nur mit Schüssen in den Bauch stoppen. Oliver O. starb.

Weißer Ring ist erste Anlaufstelle

„Er hat der Frau den Finger fast abgebissen“, sagt Bartels. Das weiß sie nicht aus der Zeitung, sondern weil sie das Opfer kennengelernt hat. Die 60-jährige Horsterin arbeitet seit 20 Jahren ehrenamtlich für den Weißen Ring, einen Verein, der sich um die Opfer von Straftaten kümmert – vom Einbruch, über Mobbing, Stalking, sexuellen Missbrauch bis zum versuchten Mord. „Wir sind die erste Anlaufstelle, hören zu, schauen, wo wir helfen können“, sagt Bartels. Sie arbeitet für die Regionalstelle Hannover Land, bei ihr landen Fälle aus Garbsen und der näheren Umgebung.

Die junge Frau, die der Amokläufer vor knapp 16 Jahren aus dem Nichts heraus attackierte, traf Bartels kurz nach der Tat. „Ich habe ihr einen Anwalt vermittelt und mit dem Arbeitgeber verhandelt, weil sie wegen ihrer Hand nicht arbeiten konnte“, erinnert sie sich. Knapp zwei Jahre betreute sie die Frau aus Mellendorf, besuchte sie, führte lange Gespräche. Dann sei der Kontakt langsam abgebrochen.

Wenig Aufmerksamkeit für Opfer

Wie kommt man zurecht mit solchen grausamen Ereignissen? „Die Straftaten sind passiert, das kann ich nicht ändern“, sagt Bartels und klingt dabei fast abgeklärt. „Aber ich kann den Opfern helfen, damit zu leben, und das ist doch etwas Positives.“ Als sie 1999 zum Weißen Ring gekommen sei, habe sie sich darüber geärgert, dass Zeitungen und Fernsehsender bei Verbrechen vorrangig über die Täter berichteten. Opfern habe man selten viel Aufmerksamkeit geschenkt, sagt die zierliche Frau. „An dieser Stelle zu helfen, war mir schon immer ein Anliegen.“

Bartels informiert sich und beginnt ihr Ehrenamt beim Weißen Ring. Durchschnittlich sieben Hilfesuchende betreut die Horsterin im Jahr – neben ihrer Arbeit als Kundenberaterin bei einer Bank. In einem Ordner hat sie Zeitungsartikel über Verbrechen aufgehoben, deren Opfer sie kennengelernt hat. Dazwischen liegen Briefe und Dankeskarten. An ihren ersten Fall erinnert sich Bartels noch gut: „Das war eine ältere Dame, der man die Handtasche geklaut hat.“

Wenn sie von ihrer Regionalstelle einen solchen Fall übermittelt bekommt, besucht sie die Opfer meistens zu Hause. Im Gespräch versucht Bartels herauszufinden, wie sie helfen kann – ob der oder die Betroffenen Rechtsbeistand oder psychologische Betreuung benötigen oder ob sie einfach nur reden möchten.

Missbrauch ist schlimm“

„Wie lange ich jemanden betreue, hängt davon ab, wie schlimm die Tat war und wie es der Person geht“, sagt Bartels. Mit manchen Opfern ist sie über Jahre hinweg im Kontakt, bei Einbrüchen habe sie nicht so lange mit den Fällen zu tun. „Irgendwann geht das normale Leben ja auch weiter“, sagt Bartels, die immer versucht, die Geschichten und Verbrechen nicht zu nah an sich heranzulassen. Doch manches trifft sie dann doch: „Sexueller Missbrauch ist immer schlimm. Und einmal habe ich auch ein Ehepaar aus Meyenfeld betreut, das beinahe vom Freund ihrer Tochter umgebracht worden wäre.“

Bei diesem Fall habe sie viel telefonieren müssen, erinnert sich die 60-Jährige. Mehrmals begleitete sie das Paar zu Gerichtsprozessen. Sie saß mit im Gerichtssaal und streichelte der Frau den Rücken, als diese dem Täter gegenübertreten musste. „Das ist dann meine Aufgabe“, sagt Bartels. „Ein Taschentuch reichen und zeigen, dass die Opfer nicht allein sind.“ Was ihr bei der Verarbeitung helfe, seien auch die Treffen mit den anderen Mitgliedern des Weißen Rings. Einmal im Monat kommen sie zusammen und tauschen sich über Fälle aus. „Das Miteinander ist schön und nimmt unserer Arbeit ihre Schwere.“

Natürlich sehe sie auch ihr eigenes Leben anders, seitdem sie regelmäßig mit schlimmsten Verbrechen in Berührung komme, sagt Bartels. „Aber nicht gefährlicher oder negativer. Ich kann es viel mehr schätzen.“

500 Hilfesuchende in der Region Hannover

Der Weiße Ring ist ein gemeinnütziger Verein, der am 24. September 1976 in Mainz gegründet wurde. Das Ziel: die Unterstützung von Kriminalitätsopfern und die Verhütung von Straftaten. Deutschlandweit engagieren sich etwa 3000 ehrenamtliche Mitglieder an 400 Außenstellen. Sie betreuen Menschen, die Opfer von Straftaten geworden sind, hören ihnen zu, begleiten sie zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und vor Gericht. Zudem kümmert sich der Verein um anwaltliche oder psychologische Erstberatung und bietet rechtsmedizinische Untersuchungen an.

Auch finanziell greift der Weiße Ring den Opfern unter die Arme. Anwaltskosten werden übernommen, insbesondere zur Durchsetzung von Ansprüchen nach dem Opferentschädigungsgesetz. Auch wenn die Opfer nach einer Tat in finanzielle Schwierigkeiten geraten, kann der Verein helfen.

Bei der Außenstelle des Weißen Rings für die Region Hannover in Neustadt, zu der auch Claudia Bartels gehört, meldeten sich im vergangenen Jahr etwa 500 Hilfesuchende. Betreut werden sie von zwölf ehrenamtlichen Mitgliedern.

Von Linda Tonn

Bei einem Hochschulpraktikum können die Schüler der IGS Garbsen künftig in den Uni-Alltag schnuppern und Studiengänge kennenlernen. Die Schule hat mit der Leibniz-Universität einen Kooperationsvertrag geschlossen.

14.08.2019

Ein 23-Jähriger hat am Dienstagnachmittag in Garbsen mehrfach mit einer Schreckschusspistole aus seinem Fenster geschossen. Die Polizei fand in seiner Wohnung weitere Pistolen und Munition.

08.08.2019

In Frielingen ist an der Bürgermeister-Wehrmann-Straße am Donnerstagvormittag ein Wohnhaus in Brand geraten. Mehrere Ortsfeuerwehren aus Garbsen waren im Einsatz. Der Dachstuhl brannte komplett aus. Verletzt wurde niemand.

08.08.2019