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Nachrichten Debatte um Ärzteversorgung: Hängen wir zu sehr an kleinen Krankenhäusern?
Region Burgwedel Nachrichten Debatte um Ärzteversorgung: Hängen wir zu sehr an kleinen Krankenhäusern?
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20:38 04.09.2019
Auf dem Podium spricht Moderator Jan Sedelies (von links) mit Nora Wehrstedt, Sinja Münzberg, Lukas Weick und Ulrich Appel. Quelle: Katrin Kutter
Großburgwedel

Von A wie Arztmangel über E wie Eigenverantwortung bis hin zu Z wie Zeitmanagement im Gesundheitswesen reicht der Bogen, den vier Fachleute beim Forum „ÜberMorgen“ von Sparkasse Hannover und HAZ am Dienstagabend schlugen. Eine einfache Lösung, das zeigte sich in der 90-minütigen Debatte im Amtshof, gibt es bei keinem der vielfältigen Themen rund um Pflege und Gesundheit – wohl aber viele Ansätze, den großen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft zu begegnen.

Dazu gehört für die Gesundheits- und Krankenpflegerin Nora Wehrstedt vor allem eine deutliche Aufwertung von Pflegeberufen. Denn auch wenn oft vom Pflegenotstand die Rede sei: In den nächsten 15 bis 20 Jahren werde sich die Situation noch einmal massiv verschärfen. „Das durchschnittliche Alter der Pflegekräfte liegt bei 46 Jahren, da kann sich jeder ausrechnen, wo wir in Zukunft stehen, wenn wir jetzt nicht gegensteuern“, sagt Wehrstedt. Neben einer angemessenen Bezahlung der Fachleute spricht sie sich für einen akademischen Abschluss der Pflegekräfte aus – und dafür, zunächst einmal den Bedarf an Pflege zu ermitteln.

Eine Pflegekraft auf 13 Patienten

„Nach jetzigem Schlüssel muss eine Fachkraft 13 Patienten versorgen“, sagt Wehrstedt, „ohne die Schwere der Erkrankung zu berücksichtigen.“ Müsse ein Pfleger ausschließlich Patienten nach einer Knie-Operation mit Medikamenten versorgen, dann gehe die Rechnung auf. „Wenn aber 13 Schwerstpflegebedürftige eine menschenwürdige Körperpflege erhalten sollen, dann reicht das Personal eben nicht aus.“

Hebammenzentrale: Der Mangel wird verwaltet

Den Mangel zu verwalten – vor diesem Probleme stehen Pflegeheime, Kliniken und Behörden gleichermaßen, wie Sinja Münzberg bestätigt. Die Grünen-Politikerin und Gesundheitswissenschaftlerin hat im Auftrag ihrer Partei die Hebammenzentrale in der Region aufgebaut. Dort melden Hebammen freie Kapazitäten, zugleich dient die Einrichtung als Anlaufstelle für werdende Eltern. „Es ist der Versuch, knappe Ressourcen optimal zu nutzen“, sagt Münzberg.

Die Gesundheitswissenschaftlerin setzt sich während der Diskussion vehement dafür ein, vom jetzigen Preiswettbewerb der Kliniken und Pflegeeinrichtungen zu einem Qualitätswettstreit zu wechseln. Gleichwohl sieht sie das Modell der Hebammenzentrale als Möglichkeit für Patienten, effektiver einen Termin bei einem Facharzt zu bekommen.

Digitalisierung kann Fachkräfte entlasten

Für Lukas Weick, Mediziner und Entwickler eines elektronischen Stethoskops, müssen die Verantwortlichen stärker als bisher den Fokus auf die Digitalisierung legen. Sein Beispiel: Ein Roboter könne durchaus das Sortieren von Medikamenten übernehmen und so die jeweilige Fachkraft entlasten. Gleiches gelte für die Dokumentation, die einfach zu viel Zeit in Anspruch nehme – diese wiederum fehle dann für Patienten.

Spezialisierte Kliniken statt kleiner Häuser mit Rundumversorgung

Deren Sicht übernimmt in der Runde der Burgwedeler TSG-Chef Ulli Appel. Er betont, dass er sich in Burgwedel durchaus gut versorgt fühlt mit Ärzten und Klinik – auch wenn er für eine Schulteroperation nach Hannover gewechselt sei. Damit spricht Appel seinen drei Mitstreitern aus der Seele, die unisono für gut ausgestattete und spezialisierte Krankenhäuser plädieren. Ein Thema, das mit dem drohenden Aus des Burgwedeler Standorts viele Menschen der Kommune und der Nachbarstädte umgetrieben hatte.

Wie halten Sie sich künftig gesund? Das sagen die Besucher des „ÜberMorgen“-Forums von HAZ und Sparkasse Hannover in Burgwedel.

„Irrationale Ängste vor Klinikschließung“

„Die Menschen haben eine irrationale Angst, wenn ein kleines Haus geschlossen wird“, sagt Münzberg, die auch Grünen-Regionsabgeordnete ist. Sie betont: „Gerade kleine Krankenhäuser binden zu viel Personal, das dann an anderer Stelle fehlt.“ Sie verweist auf Schweden, wo einzelne Kliniken sich auf Behandlungen konzentrieren und erhält dabei Unterstützung von Weick: „Wenn ein Arzt nur 20 Hüften im Jahr operiert, dann reicht das nicht. Je öfter er das macht, desto besser ist das für die Patienten.“ Gerade bei vorhersehbaren Behandlungen seien spezialisierte Kliniken eine bessere Option als kleine Häuser, die alle Erkrankungen abzudecken versuchen.

Wobei, und das betonen Münzberg und Wehrstedt, auch Patienten mit einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt eher in eine Spezialklinik gebracht werden sollten, selbst wenn dies eine Fahrzeit von 45 Minuten bedeutet: „In der Zeit geht die Behandlung ja professionell weiter“, sagt Wehrstedt.

Sparkassen-Vorstand wirbt: Geld ist gut in Prävention angelegt

„Ist Prävention eine gesellschaftliche oder eine private Aufgabe?“, fragt Moderator Jan Sedelies. Appel verweist auf die Eigenverantwortung: „Jeder ist seines Glückes Schmied und sollte selbst auf Sport, gesunde Ernährung und eine positive Lebenseinstellung achten.“ Die Grundlage dafür aber lege durchaus auch die Gesellschaft, indem sie Raum und Geld gebe für Sportvereine, Schulen und Präventionsangebote. Und auch Sparkassen-Vorstand Jens Bratherig betont: „Wenn wir Geld in die Prävention stecken, dann sparen wir das an anderer Stelle im Gesundheitssystem.“

Das ist das Projekt „ÜberMorgen“

Das Projekt „ÜberMorgen“ ist eine Ideen- und Diskussionsplattform von HAZ und Sparkasse Hannover. In der gedruckten HAZ, auf der Multimedia-Internetseite www.uebermorgen.haz.de und bei Veranstaltungen überall in der Region Hannover werden Informationen zu den wichtigsten Zukunftsfragen gesammelt. In diesem Jahr steht das Thema Gesundheit unter dem Aspekt Kosten im Fokus. Themenpartner ist erneut Hannoverimpuls. „Als Sparkasse sind wir seit fast 200 Jahren in der Region Hannover aktiv. Und genauso lange bewegen uns die Zukunftsfragen für das Umfeld, in dem wir arbeiten“, sagt Heinrich Jagau, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hannover. „Mit der Initiative ,ÜberMorgen‘ wollen wir helfen, gute Antworten in einer sehr komplex gewordenen Welt zu finden. Nicht irgendwo im Silicon Valley, sondern in unserer Region“, sagt Jagau.

Das Zukunftsforum geht nun weiter auf Tour durch die Region und diskutiert in Hemmingen, Garbsen und in Hannover. Kostenlose Anmeldungen auf www.uebermorgen.haz.de.

Teilnahme ist kostenlos: So geht es bei „ÜberMorgen“ weiter

Am Donnerstag, 5. September, geht die Reihe „ÜberMorgen“ weiter. Dann kommen Experten für Gesundheit und Gesundheitspolitik ins Clinical Research Center in Hannover. Weitere Stationen sind das Kulturzentrum bauhof in Hemmingen (10. September) und das Schulzentrum I in Garbsen (12. September). Die Teilnahme inklusive Catering ist kostenlos, Anmeldungen sind hier möglich.

Die Foren sind aber nur ein Teil der „ÜberMorgen“-Reihe. Digital und in der Zeitung bietet die HAZ von nun an verstärkt Themen an, die sich um Gesundheit und Gesundheitspolitik drehen. Die Artikel werden grafisch aufgearbeitet. So entsteht auf der „ÜberMorgen“-Seite im Internet unter www.uebermorgen.haz.de ein Archiv der Ideen, das ständig wächst.

Mehr zum Thema:

Auftakt der Reihe „ÜberMorgen“: Gesund bleiben – wie geht das?

Von Antje Bismark

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