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Nachrichten Burgdorfer legen Kranz im KZ nieder
Region Burgdorf Nachrichten Burgdorfer legen Kranz im KZ nieder
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06:34 12.08.2014
Mirco Zschoch (vorn von links) und Olaf Weinel gehen mit dem Kranz der Stadt Burgdorf zur Hinrichtungsstelle. Quelle: Heine
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Burgdorf/Neuengamme

Die Fahrt stand in direktem Zusammenhang mit dem Buchprojekt „Heimatlos – Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Burgdorf“, an dem eine Gruppe um Rudolf Bembenneck und Harald Scherdin-Wendlandt arbeitet. Denn ohne die Recherchen der Hobbyhistoriker wären weder die Hintergründe für die Hinrichtung noch die Namen der Ermordeten bekannt.

Die Zwangsarbeiter wurden Opfer einer Verhaftungswelle im Raum Burgdorf nach dem sogenannten Ukrainer Aufstand Mitte Juli 1944. Eine Widerstandsgruppe wollte dafür kämpfen, den Krieg zu beenden, und war dabei, sich zu bewaffnen. Ein Spitzel in ihren Reihen gab der Gestapo einen Tipp. Eine Gruppe von Männern wurde nach brutalen Verhören nach Neuengamme, dem nächstgelegenen KZ, gebracht – darunter acht Zwangsarbeiter aus Dachtmissen. 31 fanden in der Hinrichtungszelle den Tod am Galgen.

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Zu der 15-köpfigen Delegation aus Burgdorf, die am Wochenende am Ort des Geschehens einen Kranz niederlegte, gehörte auch Margret Hoppe aus Dachtmissen: „Ich habe zwei der Verurteilten noch gekannt“, sagte sie. „Sie arbeiteten auf dem Hof meines Onkels Oskar Klußmann. Für mich ist dieses Gedenken eine Trauerfeier, die mir die Gelegenheit gibt, an dem Schicksal der beiden teilzunehmen.“ Hoppe erinnerte sich an Pjotr Kryczyska, der fleißig war und mit den Kindern spielte, sowie Adam Lieskowski, der gut Deutsch sprach.

Helmut Klatt aus Gütersloh, dessen Onkel zweiten Grades zu den Hingerichteten gehörte, hatte sich den Burgdorfern angeschlossen. „Dass Deutsche solche Verbrechen verübt haben, belastet mich sehr“, bekannte er.

„Wir geben diesen Menschen Identität und Würde wieder. Ihre toten Körper wurden im Krematorium verbrannt. Anschließend verstreuten die Täter die Asche auf dem KZ-Gelände“, sagte Bembenneck. „Unsere Fahrt setzt ein Zeichen dafür, dass ein Menschenleben nicht weniger zählen sollte als kulturelle, gesellschaftliche und religiöse Interessen.“

Nachdem die Ratsherren Olaf Weinel, Adolf W. Pilgrim und Mirco Zschoch den Kranz niedergelegt hatten, wurden die Namen der Opfer verlesen, was einige Delegationsmitglieder zu Tränen rührte. „Ich bin besonders betroffen, weil keiner der Zwangsarbeiter älter war als ich“, sagte Zschoch.

100.000 Menschen inhaftiert

Schon auf dem Weg zu den Fundamenten des Arrestbunkers, wo der Kranz niedergelegt wurde, zeigten sich die Burgdorfer betroffen angesichts der Größe der KZ-Anlage in Neuengamme im Südosten von Hamburg. Reimer Möller, Leiter des Gedenkstätten-Archivs, informierte die Besucher über die Geschichte des größten Konzentrationslagers Nordwestdeutschlands, in dem mehr als 100.000 Häftlinge aus ganz Europa inhaftiert waren. „Als britische Soldaten das Lager 1945 erreichten, war es von der SS bereits geräumt worden. Ab 1948 wurden die Gebäude als Gefängnis genutzt. 2005 wurde die Gedenkstätte auf dem Gelände des Schutzhaftlagers eingerichtet.“ Zu sehen sind heute 15 Gebäude: die Häftlingsunterkünfte, Überreste des Lagers für die Wachmannschaften, Rüstungsbetriebe und das große Klinkerwerk. Steinfelder verdeutlichen die Größe der Baracken.

Die Opfer: 31 Polen und Russen starben

Diese 31 polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiter aus Burgdorf und Umgebung wurden am 9. August 1944 im Arrestbunker hingerichtet: Pjotr Aliczimenko, Leonid Alafschenko, Stepan Bonk, Wladislaw Blaskowski, Alikandr Bohdantschik, Grigorij Drowtschenko, Iwan Dubatow, Andrej Gandsjukewitsch, Jan Gnat, Sergej Iwanow, Sylvester Kaminski, Anton Kaminski, Wladislaw Kiec, Wassilij Kitajew, Pjotr Kryczyska, Pawel Kulik, Adam Lieskowski, Jan Luczak, Franticzek Michalek, Dominik Mostowski, Wladislaw Nawrec, Iwan Pintschuk, Walentin Schlytschkow, Anton Staniszewski, Stefan Stelmasiewicz, Pjotr Timin, Pjotr Trofimenko, Antoni Czarnetzki, Nikolaj Wetrow, Stefan Wolny, Adam Zawada.

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