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Region Burgdorf Nachrichten Wohin mit dem giftigen Klärschlamm?
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16:36 21.06.2019
Im Klärwerk Burgdorf fallen tonnenweise Klärschlämme an, die die Stadt von einem Vertragspartner auf landwirtschaftlichen Flächen außerhalb Burgdorfs entsorgen lässt. Quelle: Joachim Dege
Burgdorf

Rüstet die Stadt ihr Klärwerk nach und baut für 750.000 Euro ein Klärschlammzwischenlager, um die giftigen Überreste aus der Abwasserreinigung auch in der Zukunft auf Feldern ausbringen zu können? Oder muss sich die Stadtverwaltung von ihrem Plan verabschieden und eine ökologisch verantwortbare Lösung finden? Mit dieser Streitfrage beschäftigen sich in diesen Tagen die Umweltpolitiker des Rates.

Klärschlamm ist nämlich alles andere als harmlos: Schwermetalle, Arzneimittelrückstände, Kunststoffreste befinden sich darin – höchst problematische Schadstoffe also. Bis vor wenigen Jahren noch wurden die Schlämme zum Großteil in der Landwirtschaft als Dünger verwendet. Heute wird mehr als die Hälfte thermisch behandelt, also verbrannt.

Verwaltung will ein Zwischenlager und macht Druck

Die Stadtverwaltung drängt mit Macht auf eine Entscheidung. Am liebsten wäre es ihr, diese fiele bereits am nächsten Dienstag im Verwaltungsausschuss der Stadt, damit das Lager noch dieses Jahr geplant und im nächsten Jahr gebaut werden kann. Der Ratsausschuss für Umweltfragen sollte in dieser Woche die angestrebte Entscheidung vorbereiten. Der zuständige Tiefbauamt-Chef Rainer Herbst machte nach Berichten von Sitzungsteilnehmern dort entsprechend Druck: Wenn die Politiker das Klärschlammlager nicht umgehend auf den Weg brächten, trügen sie die Verantwortung dafür, wenn das Klärwerk im Fall eines Ökounfalls nicht mehr gesetzteskonform arbeiten könne, weil die Lagerkapazitäten fehlten für den dann nur schwer zu entsorgenden Klärschlamm.

Bundesumweltamt: Klärschlamm enthält giftige Schadstoffe

Klärschlamm aus der Abwasserbehandlung ist alles andere als harmlos: Schwermetalle, Arzneimittelrückstände, Kunststoffreste befinden sich darin – höchst problematische Schadstoffe also. Bis vor wenigen Jahren noch wurden die Schlämme zum Großteil in der Landwirtschaft als Dünger verwendet. Heute wird mehr als die Hälfte thermisch behandelt, also verbrannt.

Das Bundesumweltamt schreibt dazu auf seiner Internetseite: „Im Klärschlamm finden sich sämtliche Abfälle aus der Abwasserbehandlung: Das sind neben Schwermetallen auch organische Schadstoffe, wie Arzneimittelrückstände, Krankheitserreger, Nanomaterialien und Kunststoffreste. Nicht zuletzt aufgrund dieser Vielzahl an Schadstoffe im Klärschlamm fand eine stetige Abkehr von der direkten landwirtschaftlichen Nutzung hin zur thermischen Entsorgung statt.

Heute wird mehr als die Hälfte der kommunalen Klärschlämme in Mono- und Mitverbrennungsanlagen behandelt. Rechtlich hat sich in den letzten Jahren viel getan, wodurch die landwirtschaftlich Klärschlammnutzung weiter eingeschränkt wird. Seit 2015 gelten die Grenzwerte des Düngerechts für als Düngemittel verwendeten Klärschlamm. 2017 wurde außerdem die Klärschlammverordnung novelliert. Demnach dürfen große Kläranlagen, die das Abwasser von mehr als 100.000 bzw. 50.000 Einwohnern behandeln, Klärschlamm nur noch bis 2029 bzw. 2032 bodenbezogen verwerten, also zum Beispiel als Dünger.

Klärschlamm, der mindestens 20 Gramm Phosphor pro Kilogramm Trockenmasse enthält sowie Asche aus der Klärschlammverbrennung muss nach Ablauf der Übergangsfristen einer Phosphorrückgewinnung unterzogen werden, damit diese wertvolle Ressource dem Kreislauf erhalten bleibt.“

Das Umweltbundesamt setzt sich langfristig für einen vollständigen Ausstieg aus der bodenbezogenen Klärschlammverwertung ein, mit dem Ziel, zu einer umweltverträglichen und ressourcenschonenden Phosphorrückgewinnung bei er Klärschlammentsorgung zu kommen. Zu dem Thema hat das Amt eine 104 Seiten starke Broschüre veröffentlicht und auf seiner Internetseite zum Herunterladen bereitgestellt. Sie gibt einen Überblick über die aktuelle Situation und künftige Entwicklungen und Möglichkeiten der Klärschlammbehandlung und -entsorgung in Deutschland.

Umweltpolitiker wollen Alternativen prüfen lassen

Der Umweltausschuss, der den Bau des Lagers Mitte März bereits empfohlen hatte, bevor der Verwaltungsausschuss den Ball wegen ökologischer Bedenken an die Fachpolitiker zurückspielte, konterte nach Darstellung seines Ausschussvorsitzenden Volkhard Kaever (WGS) mit einem Prüfauftrag: Die Stadtverwaltung soll drei Alternativen zu ihrem eigenen Lösungsvorschlag untersuchen:

Das Trocknen des Klärschlamms und die anschließende Verbrennung. 

Eine Vererdungsanlage zum Umbau des Klärschlamms in Humus.

Das Filtern des Klärschlamms mithilfe einer speziellen Membranentechnik.

Beispiel Langenhagen: Kommune lässt verbrennen

Einige Städte in der Region, darunter Langenhagen, lassen ihren Klärschlamm verbrennen. Sie haben dafür eine Klärschlammverwertungsgesellschaft gegründet. Die Verträge wurden am 26. März 2019 unterzeichnet. Diese übernimmt die Verwertung des in den Kommunen anfallenden Klärschlamms sowie die gesetzlich geforderte Rückgewinnung von Nährstoffen, insbesondere von Phosphor. Das Unternehmen kümmert sich um Planung, Finanzierung, Bau, Betrieb und Unterhaltung der dafür notwendigen Einrichtungen. Dabei geht es vor allem um den Bau einer Monoklärschlammverbrennungsanlage am Standort Hildesheim. „Die Gesellschafter verfolgen das Ziel, die Verbrennungsanlage sicher, effizient, ressourcenschonend und nachhaltig zu betreiben“, sagt Stadtsprecherin Juliane Stahl. Ihren Angaben zufolge fiel die Entscheidung für den Standort Hildesheim wegen der guten Anbindung an Straßen, Bahngleise und Wasserwege sowie der Nähe zur dortigen Kläranlage.

Beispiel Lehrte: Nachbarstadt hat Vererdungsbeete

Lehrte setzt bei der Entsorgung auf Klärschlammvererdungsanlagen mit Schilfpflanzen. Bei dem neuen Verfahren werden die Vererdungsbeete über Rohrleitungen mit den bisherigen Kläranlagen verbunden. Der Klärschlamm strömt dann vollautomatisch gesteuert auf Beete, auf denen zigtausende Schilfpflanzen angepflanzt werden. In Sievershausen sind es zwei, in Ahlten und Hämelerwald jeweils drei und auf der Lehrter Zentralkläranlage bei Steinwedel sieben Beete. Auf den Schilfbeeten wird das Wasser aus dem Schlamm verdunsten. Zurück bleibt eine kleine Menge Klärschlammerde, die sich als organisches Düngemittel in der Landwirtschaft verwerten lässt. Die ersten Beete können nach acht bis zehn Jahren geräumt werden.

Mit dem neuen Verfahren kann die Stadt nach eigenen Angaben Kosten und Energie sparen und kommt künftig zudem ohne chemische Hilfsmittel aus. In den vier Kläranlagen der Stadtwerke fallen jährlich etwa 6000 Tonnen Klärschlamm an. eg

Grüne: „Klar, dass es so nicht weitergehen kann“

Die Entscheidung über den Lagerbau auszusetzen, bis diese Alternativen geprüft sind – dazu konnten sich die Fachpolitiker nicht durchringen. Sehr zum Ärger von Rüdiger Nijenhof von den Freien Burgdorfern. Der hält den Vorschlag der Stadtverwaltung, den Klärschlamm weiter auf Feldern zu entsorgen, umweltpolitisch für ein „Unding“ und legt sich fest: „Ein Lager darf dort nicht gebaut werden.“ Die Grünen zeigen sich ambivalent. Ratsfrau Simone Heller ist der Meinung: Durch die Zustimmung zum Bau einer Lagerhalle werde die Entscheidung über die Methode der künftigen Klärschlammverwertung nicht vorgegriffen.

Die Bürgermeisterkandidatin und Ortsvereinsvorsitzende Sinja Münzberg sagt allerdings: „Es ist klar, dass es so nicht weitergehen kann.“ Der giftige Schlamm dürfe nicht länger auf den Feldern landen, von wo die Schadstoffe in die Nahrungskette gelangen. Darum sei das Ziel der Grünen, den Vertrag mit dem jetzigen Entsorger so schnell wie möglich auslaufen zu lassen und zu einer Verbrennungslösung zu kommen. Ein Änderungsantrag zum Verwaltungsvorschlag sei bereits in Arbeit, kündigte Münzberg an.

Mit Klärschlamm aus Kläranlagen wie Burgdorf düngen Landwirte ihre Felder, hier auf einem Feld im Kreis Rotenburg-Wümme. Quelle: dpa

Auch für die SPD ist die Frage, ob die Stadt jetzt einen sechsstelligen Betrag für ein Lager in die Hand nehmen soll, „nicht entscheidungsreif“, sagt deren Fraktionsvorsitzender Gerad Hinz, der auch für die Ratsgruppe mit Freien Burgdorfern, Grünen und WGS spricht. Die Gruppe wolle sich mit Fachleuten treffen und schlau machen, welches Entsorgungsverfahren ökologisch vertretbar ist. CDU/FDP-Gruppenchef Armin Pollehn will im Verwaltungsausschuss von der Verwaltung weitere Informationen einfordern, bevor er einem Lagerbau zustimmen könne. Für ihn stehe fest, dass die vom Tiefbauamt empfohlene landwirtschaftliche Klärschlammentsorgung ausgedient habe und der Schlamm verbrannt werden müsse. Ob es die teure Investition in eine Zwischenlösung mit einem Lager wirklich brauche, bis im Aufbau befindliche Verbrennungskapazitäten im nahen Lahe und in Helmstedt in naher Zukunft zur Verfügung stünden, müsse die Verwaltung erst noch nachvollziehbar belegen: „Da erwarte ich Informationen, keine Pistole auf der Brust.“

Die Verwaltung argumentiert bislang, eine Beteiligung der Stadt an einer interkommunalen Verbrennungsanlage bei Hildesheim käme die Stadt zu teuer. Dass es diese Möglichkeit gibt, hatte sie den Umweltpolitikern im Rat Mitte März unmittelbar vor Ablauf einer Frist zur Beteiligung an dem Projekt mitgeteilt. Das Tiefbauamt empfiehlt die Entsorgung in der Landwirtschaft.

2800 Tonnen Klärschlamm fallen im Jahr an

Laut Umweltpolitiker Kaever hat die Stadt zurzeit einen Vertrag mit nur einem Entsorger. Der bringt den Burgdorfer Klärschlamm auf Feldern aus, allerdings nicht in Burgdorf. Im Klärwerk am Dachmisser Weg fallen pro Jahr 2800 Tonnen Klärschlamm an.

Kommentar: Billiglösung kommt zu teuer

Man kann sich nur verwundert die Augen reiben über den von der Tiefbauverwaltung im Rathaus eingefädelten Entscheidungsprozess zum Bau eines Klärschlammzwischenlagers. Umweltpolitisch ist das, was die Verwaltung dem Rat allen Ernstes vorschlägt, von vorgestern. Es widerspricht allem, was über die Entsorgung des mit Schadstoffen im Übermaß angereicherten Klärschlamms bekannt ist. Dass ausgerechnet dem zuständigen Tiefbauamt dieses Wissen, nachzulesen in einer 104-seitigen Broschüre des Bundesumweltamtes, verborgen geblieben sein soll, mag man kaum glauben. Der nächste handfeste Fauxpas ist, dass die Stadtverwaltung den Rat erst im Frühjahr kurz vor Ablauf der Beteiligungsfrist an einem interkommunalen Projekt zur Klärschlammverbrennung bei Hildesheim über eine zeitgemäße und ökologisch verantwortbare Alternative zum eigenen Zwischenlagervorschlag informierte und einen Einstieg damit möglicherweise verhinderte. Langenhagen jedenfalls hat sich wesentlich früher seriös mit der Verbrennungsalternative beschäftigt und ist in Hildesheim eingestiegen. Barsinghausen ebenso. Hätte die Stadt Burgdorf ebenso gehandelt, kostete sie das zwar etwas mehr Geld. Das verbohrte Festhalten an der Entsorgung des mit Schadstoffen belasteten Klärschlamms in der Landwirtschaft aber kostet ebenfalls: Die Gesundheit von Menschen. Der Preis ist zu hoch.

Von Joachim Dege

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