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Region Burgdorf Nachrichten Nach tödlichen Unfällen: Schule klärt über den toten Winkel auf
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16:47 30.06.2019
Polizistin Stefanie Eckler und Abfallwirtschafter Chris Fahrenholtz verdeutlichen den Schülern, wie sie sich verhalten müssen, wenn sie an einer Kurve stehen, an der ein Müllwagen abbiegen will. Quelle: Laura Beigel
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Burgdorf

„Wer kann mir sagen, was der tote Winkel ist?“, fragt Asphaltpädagoge Stephan Prusko die Klasse 4d der Astrid-Lindgren-Grundschule (ALGS) am Freitagmorgen. Die 22 Schülerinnen und Schüler haben sich auf dem hinteren Teil des Schulhofes versammelt. Rechts und links von ihnen stehen zwei weiße, 25 Tonnen schwere Mülltransporter der Abfallwirtschaft Aha. „Das ist, wenn der Autofahrer einen nicht mehr sieht“, antwortet eine Schülerin. Genau für diese Situation will Prusko, zusammen mit Polizistin Stefanie Eckler und Abfallwirtschafter Chris Fahrenholtz, die Schüler sensibilisieren. „Ich möchte mein Know-how nutzen, damit die Kinder sicherer im Straßenverkehr werden“, sagt Prusko.

Seit mehr als fünf Jahren gibt der Fahrlehrer sein Wissen in der Aktion „Raus aus dem toten Winkel“ an Schüler weiter. Angefangen hat alles mit einem Bericht über einen Verkehrsunfall, bei dem ein Kind ums Leben gekommen ist. Das war für Prusko der Auslöser, um auf die Gefahr des toten Winkels für Radfahrer und Fußgänger aufmerksam zu machen. Und die ist besonders für Fahrradfahrer groß: Im vergangenen November starb eine 16-jährige Radfahrerin, als sie von einem rechtsabbiegenden Lastwagen erfasst wurde. „Wir haben uns nach dem Unfall sehr intensiv mit der Problematik des toten Winkels auseinandergesetzt“, sagt ALGS-Schulleiter Heiko Blumenstein.

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Mit Pappmodell haben Schüler tote Winkel nachgestellt

Mit Sachunterrichtslehrerin Caroline Hoffmann hat sich die 4d auch im Unterricht mit dem Thema beschäftigt. Die Schüler haben dafür ein Pappmodell mit Playmobil-Figuren gebastelt, in dem sie die toten Winkel markieren sollten. Bei der Aktion von Stephan Prusko können sie zusätzlich eigene Erfahrungen sammeln. Dafür haben die Schüler jeweils zwei Roller und Fahrräder mitgebracht. Mit Pylonen wurde zuvor eine Kurve abgesteckt, um die Chris Fahrenholtz nun mit seinem Müllauto fährt. Die Schüler sollen hinter den Verkehrshütchen stehen bleiben – also auf dem Bürgersteig – und beobachten, was passiert. Das Ergebnis: Der Wendekreis des Wagens ist so eng, dass die Hinterräder über den Bürgersteig rollen. Im schlimmsten Fall könnten so wartende Fußgänger oder Fahrradfahrer, die zu dicht am Fahrbandrand stehen, erfasst werden.

Mit Flatterband ist der tote Winkel – der Bereich, den der Fahrer des Müllautos von seinem Sitz aus nicht einsehen kann – markiert. Quelle: Laura Beigel

Abbiegeassistent entbindet Fahrer nicht vom Schulterblick

Seit 19 Jahren ist Fahrenholtz als Abfallwirtschafter tätig und hat selbst bereits „Tote Winkel“-Unfälle erlebt. Abbiegeassistenten sind in den Fahrzeugen von Aha bisher nicht eingebaut. Dieses sei aber sowieso nur „ein schönes Zusatzmittel“, sagt Polizistin Eckler. „Es entbindet den Fahrer nicht vom Schulterblick.“ Zwar sei das Übersehen von Fußgängern und Radfahrern im toten Winkel keine häufige Unfallursache, aber „wenn so was passiert, hat es in den meisten Fällen schwerwiegende Folgen“, sagt Eckler.

Pädagoge: Eltern fehlt Zeit für Verkehrserziehung ihrer Kinder

Schon seit längerer Zeit beobachtet Asphaltpädagoge Prusko, dass die Verkehrserziehung von Kindern nachlässt. Die Mehrheit der Eltern würde sich nach Feierabend keine Zeit mehr für die Verkehrserziehung ihrer Kinder nehmen. Das mache sich dann später auch im Fahrschulunterricht bemerkbar. Deshalb sei es wichtig, die Schüler, noch bevor sie mit dem Fahrrad zur weiterführenden Schule fahren, auf den Straßenverkehr vorzubereiten.

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Von Laura Beigel