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Region „Mein Kind wird nie erfahren, was ich tue“
Region „Mein Kind wird nie erfahren, was ich tue“
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00:18 31.07.2014
Lovemobile stehen in der Region Hannover an vielen großen Durchgangsstraßen.
Lovemobile stehen in der Region Hannover an vielen großen Durchgangsstraßen. Quelle: Julian Stratenschulte
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Region Hannover

Anna* ist Ende 20. Sie ist eine der Frauen, die im Norden der Region Hannover in einem Wohnmobil Sex gegen Geld anbieten. „Kein Grund, Mitleid zu haben“, sagt sie. „Das ist mein Job. Und auch wenn es keiner glaubt: Er macht mir Spaß.“ Halterlose Spitzenstrümpfe, hohe schwarze Pumps, eine sehr kurze Hose, ein weißes, tief ausgeschnittenes Shirt und gepflegte Haare: So sitzt Anna am frühen Nachmittag vor ihrem Wohnmobil. Die Tür des Wagens steht offen, sie hat es sich auf einer Decke bequem gemacht - mit Blick auf die Straße.

„Über diese Arbeit spricht man nicht“, so lautet Annas spontane Reaktion auf die Bitte um ein Gespräch. Wenige Tage später ruft sie an: „Vielleicht reden wir doch. Es gibt viel, was sich die Leute denken, ohne es wirklich zu wissen.“ Dass sie anonym bleiben möchte, ist eine ihrer Bedingungen. Dass sie nicht über Geld, Chefs und Verträge sprechen wird, die andere. „Es gibt in meiner Branche schwarze Schafe“, erklärt Anna. „Vor denen möchte ich mich schützen.“

„Ich möchte Nein sagen können“

Bis zu sieben Kunden hat sie an „guten Tagen“. Was gute Tage sind? „Feiertage zum Beispiel, wenn viele sich nach Nähe sehnen oder es manchen zu Hause zu viel wird.“ Angst, allein am Waldrand auf Kundschaft zu warten, hat sie schon manchmal. „Es gibt Vor- und Nachteile, an der Straße zu arbeiten“, sagt sie nachdenklich. In einem Bordell arbeiten will sie nicht mehr. „Ich möchte Nein sagen können. Nur weil ich Sex gegen Geld anbiete, heißt das nicht, dass ich bereit bin, dieses Angebot jedem zu machen.“ In Bordellen, so ihre Erfahrung, gebe es zumeist den Druck, genau das zu tun. „Da wird wirtschaftlich gearbeitet.“

Doch dieses „Nein“, das Anna sich nicht nehmen lassen will, birgt auch das größte Risiko für sie. „Hier draußen ist niemand, der mich schützen kann, wenn ein Kunde das nicht akzeptieren möchte.“ So viel verrät sie: Sie habe technisch vorgesorgt, dass „jemand“ im Notfall schnell kommen würde. Dass im Oktober 2013 bei Fuhrberg eine Prostituierte mit einem Messer zum Oralsex gezwungen worden sein soll, erschreckt sie. „Doch daran darf ich nicht denken, sonst müsste ich die Arbeit sofort aufgeben.“

Das Bauchgefühl als Schutz

Wie sie sich schützt? „Mein Bauchgefühl muss stimmen“, betont die Prostituierte. Wenn sie den Verdacht habe, dass jemand gewisse Spielregeln nicht beachten würde, lehne sie ab. „Ich mag keine Stammkunden“, gibt sie zu. Je öfter ein Mann zu ihr komme, desto größer sei die Gefahr, dass der Respekt nachlasse und die Ansprüche stiegen. „Am liebsten sind mir die Männer, die einfach für einen kurzen Moment Ablenkung brauchen - ganz spontan.“ Die Mittagspause verbringen viele bei ihr. Wer allerdings abends komme, wenn es dunkel ist, wisse meist genau, was er will - von ihr. Und dabei gibt es für Anna eine klare Grenze: „Ich mache einiges mit. Aber schlagen lasse ich mich nie.“

Vieles andere hingegen lasse sie zu, täglich - der Konkurrenzkampf setzt auch sie unter Druck. „Preis und Angebot müssen stimmen“, beschreibt sie es vorsichtig. Der Preis sei in den vergangenen Jahren immer mehr gesunken, gleichzeitig müsse sie immer mehr anbieten. „Was man mit sich vereinbaren kann und was nicht, muss jede für sich selbst wissen.“ Den eigenen Körper zu verkaufen, kostet Kraft: „Man muss auf sich aufpassen und es an Tagen, an denen es nicht geht, sein lassen.“ Wenn ein Mann an ihrem Wohnwagen stehe, dann schalte sie ab. Dann funktioniere sie einfach. „Es geht nicht um Liebe, es geht um eine Dienstleistung. Wer das nicht getrennt bekommt, hat ein Problem.“

„Mein Kind wird nie erfahren, was ich hier tue“

Die Professionalität, die Anna sich selbst auferlegt, zeigt sich auch in der Vor- und Nachbereitung ihrer Termine. Hygiene, so macht sie klar, sei das Wichtigste. „Den Männern ist es oft egal, mir nicht.“ Ein Bettlakenwechsel nach jedem Kunden sei für sie Pflicht. Ohne eine kleine Nasszelle zum Waschen - ausgestattet mit Desinfektionsmitteln für das Sexspielzeug und Kosmetik für sie - gehe es nicht. Eine Berufsausbildung hat Anna nicht - über einen Freund kam sie zur Prostitution. Das erste Mal mit einem Kunden wird sie nie vergessen: „Es war schlimm, denn ich habe es nicht geschafft, Körper und Gefühle zu trennen.“ Inzwischen sei das kein Problem mehr. Hin und wieder könne sie sogar die eigene Freude an Sex und Körperlichkeit zulassen: „Und wem macht ein Orgasmus keinen Spaß?“

Anna versteht sich nicht als Opfer. Es zwinge sie niemand dazu. Höchstens der Anspruch, ihrem Kind finanziell etwas zu ermöglichen - der Vater habe sich aus der Verantwortung gezogen. Wie sie ihrem Nachwuchs erklärt, womit sie ihr Geld verdient? „Mein Kind wird nie erfahren, was ich hier tue“, sagt Anna. Bis es anfange, Fragen zu stellen, werde sie sich etwas anderes suchen. Auch Freunde und Familie wissen nichts: „Das würde keiner verstehen“, mutmaßt sie.

Versteht sie denn selbst, was sie da tut? „Ich arbeite, ich verdiene Geld, und ich kann mir so mein Leben frei gestalten.“ Zumindest so lange, bis es das nächste Mal an der Wohnmobil-Tür klopft.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Prozessauftakt: 35-Jähriger soll Prostituierte vergewaltigt haben

Schwere Vergewaltigung und Raub: Wegen dieser Straftaten muss sich ein 35-Jähriger aus Brandenburg seit Montag vor dem Landgericht Hannover verantworten. Am 21. Oktober vergangenen Jahres soll er eine Prostituierte an der Landesstraße 381 bei Fuhrberg mit Tritten, Schlägen und unter Drohung mit einem Filetiermesser zum Oralsex gezwungen haben. Des Weiteren soll er ihr das Handy gestohlen haben. Die Prostituierte konnte schließlich fliehen, der Mann wurde kurze Zeit später von der Polizei im Fuhrberger Wald aufgegriffen.

Zum Prozessauftakt war das Opfer nicht im Gerichtssaal. Die Verteidigung beantragte mit Erfolg den Ausschluss der Öffentlichkeit bei der Befragung ihres Mandaten. Dieser wurde mehrere Stunden verhört, zeigte sich aber nicht geständig, sodass heute das Opfer vernommen wird. Als weitere Zeugen werden in den nächsten Tagen eine Kollegin der Prostituierten, Sachverständige und die ermittelnden Polizisten zu Wort kommen. Sollte der 35-Jährige wie angeklagt verurteilt werden, droht ihm eine Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren.

Von Carina Bahl

28.07.2014
22.07.2014