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10:00 14.07.2019
Vor allem in der Großstadt leben wir heute auf engstem Raum mit anderen zusammen. Viele Menschen haben Probleme mit zu viel Nähe. Aber es gibt Strategien, die helfen können, sich in Menschenmassen wohler zu fühlen. Quelle: Martin Barraud/iStockphoto/Getty Images
Hannover

Bei den Buchfinkenmännchen ist es relativ einfach: 18 bis 25 Zentimeter Abstand sollten Artgenossen halten, sonst riskieren sie, attackiert zu werden. Das gibt es auch bei anderen Tierarten: Wird eine bestimmte Distanz unterschritten, wehrt ein Individuum das andere ab – oder weicht aus.

Ebenso versuchen wir Menschen, Fremden gegenüber eine bestimmte Distanz zu bewahren. In der modernen Welt funktioniert das nicht immer. Die anderen sind überall: in der Fußgängerzone, im Bus, im Großraumbüro. Doch man kann lernen, sich besser abzugrenzen.

Die Psychologin und Buchautorin Anna-Konstantina Richter betreibt zusammen mit einer Kollegin das Zentrum für psychologische Beratung und Training in Marburg. Auch bei Menschen gebe es in der Regel eine „Intimdistanzzone“, die wir instinktiv versuchen zu schützen, sagt sie. Ähnlich wie bei vielen Tieren sei das der Abstand, in dem wir uns noch vor einem potenziellen Angriff wehren könnten, er beträgt in etwa eine Armeslänge.

Die Armeslänge Entfernung ist nur eine Faustregel

Im Alltag entstehen trotzdem immer wieder Situationen, in denen andere in diese Zone eindringen – in der Rush hour im öffentlichen Nahverkehr oder beim Zahnarzt oder Friseur. „Vielen Menschen ist das zunächst unangenehm, wir wollen das normalerweise nicht“, sagt Richter.

Angehörige bestimmter Berufe sind dabei oft geübt darin, die unangenehme Distanz zu überbrücken: Indem sie während einer Behandlung oder beim Haareschneiden mit dem Kunden oder Patienten reden, einzelne Arbeitsschritte ankündigen oder erklären.

Die Armeslänge Entfernung sei ohnehin nur eine Faustregel. „Manche gehen gerne näher an andere heran, manche haben einen größeren Abstand lieber“, sagt Richter. Das individuelle Distanzbedürfnis hänge von der Persönlichkeit ab, von der Erziehung und davon, in welcher Kultur man aufgewachsen sei.

Im Alltag entstehen immer wieder Situationen, in denen andere in unsere Intimdistanzzone eindringen – in der Rush hour im öffentlichen Nahverkehr oder beim Zahnarzt oder Friseur. Quelle: Markus Scholz/dpa

So gelten schon in unserem Nachbarland andere Bräuche: Es gibt Franzosen, die bei der Arbeit täglich 30 bis 40 Kollegen inklusive Chef mit Küsschen begrüßen. In Deutschland ist das eher ungewöhnlich. Wie angenehm einem räumliche oder körperliche Nähe zu anderen ist, hängt außerdem von der Situation ab: Wer gestresst aus dem Büro nach Hause kommt, hat zum Beispiel mehr als sonst Lust, sich zurückzuziehen.

Dass jeder anders ist und jeweils unterschiedliche Bedürfnisse hat, müsse man akzeptieren, sagt Richter: „Grundsätzlich darf ja jeder Mensch für sich selbst entscheiden, wie viel Nähe oder Distanz er braucht.“

Es gibt aber auch krankhafte Zustände, bei denen Nähe zu anderen dauerhaft als unangenehm empfunden wird. Wenn jemand ein verstärktes Rückzugsbedürfnis entwickle, kann das zum Beispiel Symptom einer Depression sein. Bei manchen entwickelt sich außerdem eine irrationale Angst vor größeren Menschenansammlungen, die man als Agoraphobie oder auch Demophobie bezeichnet. Trifft das jemanden, der am Infopoint am Berliner Hauptbahnhof arbeitet, wird er dadurch arbeitsunfähig.

„Auch Nähe ist ein menschliches Grundbedürfnis“

„Bei solchen pathologischen Ängsten reagieren bestimmte Hirnregionen über, nämlich die Mandelkerne, die unter anderem für das Einschätzen von Gefahren zuständig sind“, sagt Richter. Das Gehirn stuft dann eine größere Ansammlung anderer Menschen automatisch als Bedrohung ein – auch wenn es sich nur um harmlose Passanten handelt.

„Die überschießende Alarmreaktion kann man sich aber wieder abgewöhnen, indem man sich konfrontiert, in der Situation bleibt, und merkt, dass sie gar nicht gefährlich ist“, sagt Richter. Ein Therapeut kann einen dabei begleiten. Wenn man sich nur ab und zu von der Nähe anderer Menschen gestört fühlt, ist das laut Richter hingegen völlig normal. Dann braucht man vielleicht einfach nur eine Pause.

„Medien und Werbung spielen uns dauernd vor, dass man nur in der Gruppe tolle Erlebnisse haben kann. Dabei wird völlig vergessen, wie schön Alleinsein sein kann“, sagt die Psychologin. Hierbei gibt es zwei Seiten der Medaille: Sich gelegentlich freiwillig abzusondern tut in der Regel gut. „Andererseits leben heute immer mehr, gerade ältere Menschen, vereinsamt in ihren Hochhausburgen, die sich keine Distanz, sondern vielmehr Kontakt zu anderen wünschen. Auch Nähe ist ein menschliches Grundbedürfnis“, sagt Richter.

Wer in einer Menge untergeht, wird leichter übersehen oder angerempelt

Silke Trost ist Coach und bietet in Frankfurt und Gießen Einzeltrainings zum Einsatz von Stimme und Körpersprache an. Sie hat praktische Tipps dafür, wie wir im Kontakt mit anderen besser unsere Intimdistanz wahren können. „Wenn wir uns in einem Raum voller Menschen unwohl fühlen, machen wir uns automatisch klein und weichen Blicken aus“, sagt Trost. „Dadurch werden wir tatsächlich weniger wahrgenommen.“

Allerdings sei das eher kontraproduktiv. Wer in einer Menge untergeht, wird leichter übersehen und zum Beispiel angerempelt. „Dann hilft es, sich aufzurichten und groß zu machen, also Raum einzunehmen und den Blick fest nach vorne zu richten.“ Das gelte sowohl für die Fußgängerzone als auch für die U-Bahn.

Für andere werden wir dadurch automatisch präsenter und deutlicher wahrgenommen, sodass sie eher Abstand halten. Zu Trost kommen auch Menschen, die im Gegenteil lernen wollen, sich stärker zurückzunehmen – weil sie wissen, dass andere sie häufig als zu laut und rücksichtslos oder aufdringlich empfinden.

Distanz und Nähebedürfnis führten oftmals zu Spannungen

Das sei oft keine Absicht, sagt Trost, sondern auch eine Charakterfrage. Jemand, der zum Beispiel sehr begeisterungsfähig ist, will das gerne mit anderen teilen – ohne vielleicht zu merken, dass Freunde, Familie oder Kollegen gerade in einer ganz anderen Stimmung sind und sich gestört fühlen.

Um das Distanzbedürfnis meines Gegenübers zu erkennen, empfiehlt Trost, Körpersprache und Sprechlautstärke des anderen wahrzunehmen und sich ihr anzupassen, Psychologen sprechen dabei auch vom Spiegeln oder Synchronisieren. Distanz und Nähebedürfnis führten oftmals da zu Spannungen, wo man den anderen nicht ausweichen kann: wie bei der Arbeit im Großraumbüro.

„Idealerweise sollten Arbeitgeber Rückzugsräume einrichten“

„Idealerweise sollten Arbeitgeber dort Rückzugsräume einrichten, in denen man beim stillen Arbeiten oder in Pausen auch mal alleine entspannen kann“, sagt Trost. Wenn diese Möglichkeit besteht, empfinden viele die Nähe von anderen beim Arbeiten sogar als angenehm. Das erkläre den Boom von Coworking Spaces, wo sich Freelancer freiwillig in Großraumbüros mit anderen einmieten.

Und so sieht es Trost auch tatsächlich ähnlich wie Richter: „Im Allgemeinen erleben wir in unserem Alltag schon genug Distanz. Wir brauchen eher mehr Nähe zu anderen, um die Probleme unserer Zeit zu lösen.“

Von Irene Habich

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