Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Wissen Historiker im Interview: „Zwangsimpfungen bringen nichts“
Nachrichten Wissen Historiker im Interview: „Zwangsimpfungen bringen nichts“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:57 30.03.2019
Die Masernfälle in Deutschland nehmen wieder zu: Ist eine Impfpflicht sinnvoll? Quelle: imago images / photothek
Hannover

Aufgrund der neuerlichen Ausbreitung der Masern prüft die Bundesregierung eine Impfpflicht gegen Masern. Vom Kaiserreich bis in die Siebzigerjahre gab es schon einmal eine Impfpflicht gegen Pocken, die DDR erklärte sogar sämtliche Impfungen zur Volkspflicht. Mit dem Geschichtsprofessor Malte Thießen sprachen wir über die geschichtliche Entwicklung des Impfens und darüber, warum die Menschen aus der Vergangenheit nicht schlau werden.

Herr Thießen, was geht Ihnen bei der Debatte über eine Impfpflicht gegen Masern durch den Kopf?

Erst einmal ist es für mich erstaunlich, wie sich die Geschichte in regelmäßigen Abständen wiederholt. In Deutschland gab es schonim Kaiserreich eine ganz ähnliche Debatte. Dieses führte im Jahr 1874 mit dem Reichsimpfgesetz eine Impfpflicht gegen die damals grausam wütenden Pocken ein – die bis zum heutigen Tage erste jemals für ganz Deutschlanderlassene Impfpflicht. Damals sollen die französischen Gefangenen die Pocken hierzulande verbreitet haben. Bis zu 120.000 Deutsche starben daran in jener Zeit. Die Reflexe gegen die Impfpflicht waren damals dennoch dieselben wie heute.

„Die Debatte war früher ähnlich“

Was waren das für Reflexe?

Im Reichstag ebenso wie in der Bevölkerung gab es damals erbitterte Debatten, es wurden Petitionen gegen das Gesetz eingereicht, es erschienen kritische Zeitungsartikel, Flugblätter wurden verteilt, die Menschen demonstrierten auf der Straße. Das war ganz ähnlich – nur dass heute vieles in den sozialen Medien ausgefochten wird.

Wie lauteten damals die Argumente gegen eine Impfpflicht?

Auch daran hat sich wenig geändert. In erster Linie ging es um die Angst vor Impfschäden. Nebenwirkungen gab es zwar in den seltensten Fällen, aber es gab sie. Im Schnitt kam bei der Pockenimpfung ein totes Kind auf 15.000 bis 20.000 Impfungen. Bei vielen Hunderttausend Impfungen kommen einige Tote zusammen. Das führte vor allem zu einer ethischen Debatte: Darf man Eltern dazu verpflichten, der Gesellschaft zu nutzen, aber gleichzeitig in Gefahr laufen, dem Individuum zu schaden? In den Zwanzigerjahren kam dann auch noch die Vorstellung unter Kritikern dazu, dass die Impfungen allein der Pharmaindustrie als Verkaufsschlager dienten oder gar unwirksam seien.

„Das eigene Kind ist das Symbol für Schutzwürdigkeit“

Wie wollten denn die Gegner die Krankheit bekämpfen?

Die Lebensreformbewegung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts firmierte, setzte da ganz klar auf eine gesunde, natürliche Lebenserfahrung. Alternative Milieus propagierten die Abhärtung des Körpers und den Einsatz natürlicher Abwehrkräfte.

Die halfen bei den Pocken erwiesenermaßen nicht.

Nein, das konnten Mediziner schon damals nachweisen. Allerdings ist die Frage des Impfens ist bis heute nie nur eine gesundheitliche gewesen, sondern immer auch eine unterschiedlicher Weltanschauungen. Deshalb ist sie so emotional, geht die Impfung auch im übertragenen Wortsinne unter die Haut. Dazu kommt, dass es bei der Impfentscheidung oft nicht um einen selbst geht, sondern um das eigene Kind, für das man Verantwortung trägt. Das eigene Kind ist das Symbol für Schutzwürdigkeit schlechthin. Das macht die Sache noch emotionaler – heute wie damals.

Wie wurde das Impfen bei den Unfreiwilligen vollstreckt?

Da spielten sich bis in die 30er-Jahre teilweise martialische Szenen ab. Die Impfpflicht galt für die Ein- und Zwölfjährigen, und wenn die Eltern sie nicht impfen ließen, gab es Polizei- und Zwangseinsätze. Polizeikräfte holten die Kinder mitunter aus den Schulen oder Elternhäusern und schleppten sie zum Impfarzt. Den Eltern drohten hohe Geldstrafen oder auch Gefängnis. Es gab bis in die 60er-Jahre radikale Gegner, die es darauf ankommen ließen, ins Gefängnis zu gehen – um damit weiteren öffentlichen Protest anzuheizen.

Der Historiker Malte Thießen forscht zum Thema Impfen Quelle: privat

Das Reichsimpfgesetz wurde erst 102 Jahre später von der Regierung unter Helmut Schmidt abgeschafft. Was passierte bis dahin?

Es wurde schon lange vorher mehr und mehr klar, dass die Verfolgung und Sanktionierung eines Riesenpolizeiapparats bedurfte und große Ressourcen verbrauchte. In den 20er- und 30er-Jahren wurde das zunehmend heruntergefahren. Man beobachtete, dass das Geld besser angelegt war, wenn man es in Werbung und Aufklärungskampagnen steckt. Zynischerweise hatte diese Art von Propaganda gerade im Dritten Reich Erfolg. Da wurde beispielsweise die Impfung gegen Diphterie als freiwillige Maßnahme eingesetzt – dazu gab es dann Theaterspiele und Rundfunkprogramme, sogar Aufklärungsfilme im Kino. Ende der 30er-Jahre machte man dann die erstaunliche Entdeckung, dass die Quoten bei der Diphtherieschutzimpfung bei 90 bis 98 Prozent lagen. Die verpflichtende Pockenschutzimpfung dagegen kam auf 60 bis 80 Prozent.

„Sobald etwas zur Pflicht wird, mobilisiert es die Gegner“

In der DDR dagegen mussten sich die Menschen per Gesetz gegen alles Mögliche impfen lassen - Diphterie, Keuchhusten, Tetanus, Kinderlähmung und Tuberkulose und ab den Siebzigerjahren auch gegen Masern. Was hat das gebracht?

Ja, während man in Westdeutschland die Impfpflicht für Pocken lockerte und alle weiteren Impfungen freiwillig blieben, ging man in der DDR ganz andere Wege. Hier erklärte man nach und nach alle Impfungen zur Pflicht. Das entsprach dem speziellen Gesellschaftsmodell des Sozialismus. Es ging nicht nur um die Krankheit an sich, sondern um die Schaffung einer neuen Gesellschaft als gesundes Kollektiv, um eine bessere Zukunft durch Prophylaxe. Die Gesundheitsämter meldeten damals Impfquoten von 100 Prozent, was zu hinterfragen ist. Die Verfolgung wurde fast nirgends richtig umgesetzt, um die Bürger nicht zu verschrecken. Zudem kamen spätestens in den 80er Jahren gar nicht so viele Impfstoffe bei den Ärzten an sein. Aber die Blöße eines Staatsversagens wollte man sich natürlich nicht geben.

Die Ausrottung der Pocken 1979 ist bis heute einer der größten Erfolge des öffentlichen Gesundheitssystems. Welche Rolle spielte die Zwangsimpfung dabei?

Zunächst einmal muss man wissen, dass es in den Sechzigerjahren erneut zu einem Ausbruch von Pocken-Fällen auch in der Bundesrepublik kam. Das lag an dem einsetzenden Flugverkehr, damit konnte sich die Krankheit in Europa wieder verstärkt ausbreiten. Allerdings spielten die Pocken in den Köpfen der Menschen kaum noch eine Rolle. Die Bundesgesundheitsämter appellierten damals an die Bürger, sich freiwillig impfen zu lassen. Die Weltgesundheitsorganisation startete später eine globale Impfkampagne – der ist die Ausrottung der Pocken wohl eher zu verdanken ist, als der Impfpflicht in Deutschland.

Was können wir nun aus der Geschichte lernen?

Auf jeden Fall kann sie zu einer Versachlichung der Debatte beitragen. Diese geschichtliche Erkenntnis ist zudem für Politiker nützlich. Sie sehen, dass Menschen noch nie durch Zwang überzeugt werden konnten. Sobald etwas zur Pflicht wird, mobilisiert es die Gegner und schürt Ängste. Überzeugungsarbeit und kostenlose Impfungen waren schon immer der bessere Weg. Wichtig zu wissen: Die Zahl absoluter Impfgegner ist damals wie heute eher klein, auch das hat sich wenig verändert. Hardcore-Impfgegner hatten und haben ein geschlossenes Weltbild, das wissenschaftliche Erkenntnisse nicht anerkennt. Überzeugen kann man aber die Skeptiker – allerdings nicht mit Zwang, sondern mit Aufklärung und Transparenz.

Von RND/Sonja Fröhlich

Von der Digitalisierung verspricht sich die Luftfahrtbranche viel: So soll künftig ein virtueller Doppelgänger alle Daten eines Flugzeugs abbilden. Was wird das verändern?

30.03.2019

Ob Kosmetikpad, Küchenrolle oder Kaffeefilter: Jeden Tag landen bei uns zahlreiche Wegwerfartikel im Müll. Nicht nur deshalb ist es sinnvoll, Haushaltshelfer selbst zu nähen, sagt Manuela Gaßner. Wie es geht, lesen Sie hier.

30.03.2019

Ende März findet die Earth Hour 2019 statt. Wann genau sie beginnt, was Sie darüber wissen müssen und wie Sie teilnehmen können, verraten wir Ihnen hier.

30.03.2019