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Deutschland/Welt Wulff wird auf Türkeireise in der Heimat zum Liebling
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Wulff wird auf Türkeireise in der Heimat zum Liebling
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17:24 22.10.2010
Von Reinhard Urschel
Auf dem Flughafen in Kayseri werden die Präsidentenpaare Gül und Wulff am Mittwoch mit einem Tanz empfangen.
Auf dem Flughafen in Kayseri werden die Präsidentenpaare Gül und Wulff am Mittwoch mit einem Tanz empfangen. Quelle: afp
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Der Apostel Paulus hat, das wissen wir aus dem Brief an die Korinther, viel von den Propheten gehalten. Da scheint es wie eine kluge Weissagung, wenn Bundespräsident Christian Wulff an diesem Donnerstag nach Tarsus reist, er also seinen Besuch in der modernen, laizistischen Türkei unterbricht, um in die historische Vergangenheit des Landes einzutauchen. Es ist aber kein Zeichen des Himmels. Die Reise, mitsamt dem Abstecher zu den Wurzeln des Christentums, hat Wulffs Vorgänger Horst Köhler verabredet und geplant.

In Tarsus, das zur Zeit von Christi Geburt wie die gesamte Region von den Römern besetzt war, ist jener Saulus geboren, der später im Umweg über Damaskus unter dem Namen Paulus zum wortmächtigsten Zeugen Jesu wurde. Dass es dort in Kleinasien zu wundersamen Wandlungen kommen kann, ist also nichts Ungewöhnliches.

Dieser Tage, so scheint es bei einem Blick in die deutschen Medien, verwandelt sich gerade ein moderner Prophet zum Guten. Einer wie Paulus, der die Kraft seines Amtes aus dem Wort, aus der Rede schöpfen sollte. Sein als großer Befreiungsschlag angekündigter Vortrag zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober hatte trotz seiner unbestrittenen Qualität an Wirkung eingebüßt, weil der konservative Teil der politischen Szene und die Boulevardpresse ihn flugs auf den Satz reduzierten, der Islam gehöre zu Deutschland. Da ist untergegangen, dass sich da einer redlich bemüht hat, im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Möglichkeiten, eine Art Präsidentenprogramm zu entwickeln. Da stand der Islamfreund und Integrationsenthusiast mit vor Aufregung geröteten Wangen im Rampenlicht, aber ach wie blass blieb der Bundespräsident.

Die Spötter des Landes haben nicht aufgehört, im Bundespräsidenten einen dahergelaufenen Provinzministerpräsidenten zu sehen, der doch mal mit einem Schauspieler oder einem Sprechlehrer üben möge, wie man Wörtern und Sätzen eine Melodie verleihen kann. Kaum aus der Sommerpause zurück, hat Deutschlands Leitkabarettist Urban Priol seine Empfindungen gegenüber Wulff offenbart: Er habe bei dem Mann immer das Gefühl, da komme Kermit der Frosch um die Ecke und bettle um „Applaus, Applaus“. Über den Hausherrn von Schloss Bellevue redet man normalerweise mit größerem Respekt.

Doch dann das: Im halb leeren Parlament von Ankara hat Wulff eine Rede gehalten, deren Kernsatz wie eine selbst gegebene Antwort auf die Bremer Rede klang. „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei“, sagte er und fügte hinzu, Muslime könnten in Deutschland ihren Glauben in würdigem Rahmen praktizieren, davon zeuge die zunehmende Zahl der Moscheen: „Gleichzeitig erwarten wir, dass Christen in islamischen Ländern das gleiche Recht haben, ihren Glauben öffentlich zu leben, theologischen Nachwuchs auszubilden und Kirchen zu bauen.“

Die Wirkung in der Heimat war beträchtlich. Die Kommentatoren in den Spätprogrammen des Fernsehens übertrumpften sich gegenseitig in ihrer Begeisterung: „Souveräner Auftritt“, „Er hat zugelegt. Die Rede war schlichtweg gut“ (Ulrich Deppendorf), „eine Rede mit klaren deutschen Hauptsätzen“ (Rainald Becker). Die großen Zeitungen brachten die Nachricht allesamt auf der Titelseite. Die Kommentare im Innern fielen durchweg zustimmend aus.
Die linksalternative „tageszeitung“ aus Berlin druckte ein Porträtfoto des Präsidenten, das deutsche Amtsstuben schmücken würde, und titelte ungewöhnlich nüchtern: „Danke, Herr Präsident.“ Der Dank galt, so löste sich später auf, dem Umstand, dass Wulff sich nicht habe beirren lassen von den Islamgegnern im fremdenfeindlichen Wulff-Land Deutschland. Dass ihn der Kommentator des Blattes gleich darunter zum „Bundesintegrationsbeauftragten“ protokollarisch herabwürdigte, ließ freilich den Verdacht aufkeimen, dass da womöglich ein Hauch Ironie in die Debatte einfloss.

Die üblichen Verlautbarer aber verteilten ehrliches Lob. Die (katholische) Deutsche Bischofskonferenz, sonst eher zurückhaltend in ihren Formulierungen, überschlug sich fast vor Freude. Wulff habe am Dienstag „eine Wegmarke für das friedliche Zusammenleben der Religionen“ gesetzt, sagte Erzbischof Robert Zollitsch. „Ich bin dem Bundespräsidenten dankbar für seine klaren Worte, nach denen das Christentum zur Türkei gehört.“

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), der sich ansonsten gerne von einer kritischen Grundstimmung tragen lässt, lobte, Wulffs Worte seien „klug gewählt“. Der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung, Haci Halil Uslucan, freute sich, dass Wulff Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Türken betone, statt „unnötige Distanzen zwischen Mehrheit und Minderheit entstehen zu lassen“.

Nur die erste Garde der Unionsparteien hielt sich zurück oder bemühte, wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), ein „Ja, aber“. Die Rede sei „überzeugend“ gewesen, räumte man in der Umgebung von Ministerpräsident Horst Seehofer ein, Herrmann nutzte die Gelegenheit daran zu erinnern, dass Deutschland keinen Anlass habe, „den Islam als solchen in unsere Werteordnung“ zu integrieren und sich „wesentlich zu verändern“. Schließlich seien Menschen aus vielen Ländern nach Deutschland gekommen, „weil wir so sind, wie wir sind“.

Die SPD-Ministerpräsidenten von Brandenburg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sowie die Regierenden Bürgermeister von Berlin und Bremen hielten der Bundesregierung den Bundespräsidenten als leuchtendes Vorbild hin. Im Gegensatz zu seiner Partei beziehe Wulff eine klare Position. Die Bundesregierung hingegen schwanke wie ein Schilfrohr im Winde. „Wir fordern die Bundesregierung und insbesondere die Unionsparteien auf, zu einer Versachlichung der Integrationsdebatte zurückzukehren, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht gefährdet“, schreiben Matthias Platzeck, Kurt Beck, Hannelore Kraft sowie Klaus Wowereit und Jens Böhrnsen in einem gemeinsamen Appell. Die Zerstrittenheit der Bundesregierung in dieser wichtigen Frage schade dem Standort Deutschland.

Wulff, der brave Katholik aus Osnabrück, wird die Stelle des Markus-Evangeliums (6, 1–16) kennen, deren Aktualität und Wahrheit er nun am eigenen Leib verspürt. Es ist ein bisschen so, als erfülle sich das Jesuswort vom Propheten, der in der Heimat nichts gilt. Dass wohl aber Anerkennung findet, was er in der Ferne predigt.

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