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Deutschland/Welt Wer bezahlt den Atommeiler-Abriss?
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Wer bezahlt den Atommeiler-Abriss?
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09:05 12.04.2012
Von Michael Grüter
Seit 1997 liegt das Atomkraftwerk Würgassen still, seither wird es abgebaut. Quelle: dpa
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Berlin

Die vier großen Energieversorger e.on, RWE, Vattenfall und EnBW haben 2011 die Rückstellungen für ihre atomaren Altlasten um vier bis fünf Milliarden Euro auf 34 Milliarden Euro aufgestockt. Dennoch läuft der Steuerzahler nach Ansicht der Umweltschutzorganisation Greenpeace Gefahr, auf Kosten für die Entsorgung der atomaren Anlagen sitzenzubleiben.

Das Geld liege nicht auf Sonderkonten, sondern sei in den Unternehmen investiert, erklärte der Energieexperte von Greenpeace, Thomas Breuer. Er stützt sich auf eine Untersuchung des Forums für ökologisch-soziale Marktwirtschaft (FÖS), das dafür die Geschäftsberichte der Energieriesen bis Ende März ausgewertet hat.

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Die Bundesregierung müsse die Steuerzahler „vor einem finanziellen Desaster schützen und die Kostenübernahme der Konzerne gesetzlich regeln“, forderte Breuer. Auch große Konzerne seien nicht davor gefeit, vom Markt zu verschwinden. „Die Rückstellungen sind nicht insolvenzsicher“, hielt er in der Untersuchung fest.

Tatsächlich hat sich das Geschäftsumfeld „der großen Vier“ nachdrücklich verändert, was sich auch in ihren Börsenkursen niederschlug. Die Energiekonzerne hätten sich zudem nur bis 2022 verpflichtet, für säumige Zahlungen ihrer Töchter einzuspringen, so der Betriebswirt. Breuer war vor seinem Engagement bei Greenpeace fünfzehn Jahre für die Deutsche Bank tätig.

Fonds vorgeschlagen

Greenpeace und FÖS schlagen vor, den Teil der Rückstellungen, der für die langfristige Entsorgung gedacht ist, in einen öffentlich-rechtlichen Fonds zu überführen. Die Absicherung der Ausgaben für die Stilllegung und den Rückbau der 19 Atomkraftwerke soll dagegen bei den Konzernen verbleiben.

Dieser Vorschlag wäre schonender für die Energiekonzerne als Pläne der Grünen, die gesamten Rückstellungen in einen Staatsfonds zu überführen. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) schließt eine Fondslösung für die Rückstellungen der AKW-Betreiber zur Verschrottung der Meiler nicht kategorisch aus. „Das ist eine Überlegung, die man prüfen kann“, sagte der CDU-Politiker in Düsseldorf.

Die Energieversorger legen die Kalkulation für ihre Rückstellungen nicht offen. Doch die Frage, ob sie ausreichend Vorsorge betreiben, wird in der Studie bejaht. Die Autorin der Studie, die Volkswirtin Bettina Meyer, kommt mit ihren Berechnungen zu demselben Ergebnis: 34 Milliarden Euro werden nach ihrer Ansicht wahrscheinlich für den Rückbau und die Entsorgung reichen.

Dabei veranschlagt sie Stilllegung und Rückbau eines AKW mit einer Milliarde Euro. Für die Endlagerung des dabei anfallenden atomaren Mülls kämen 800 Millionen Euro hinzu. Allerdings mangele es für das komplexe Vorhaben an Erfahrungswerten. Daher sei die Gefahr von nicht vorhergesehenen Mehrkosten als erheblich einzuschätzen. Greenpeace und FÖS plädieren für Rücklagen in Höhe von 44 Milliarden Euro. Die Differenz ließe sich durch Zinsgewinne erwirtschaften.

Rückbau dauert 20 Jahre

Der Rückbau der deutschen Atomkraftwerke wird nach Einschätzung von Experten bis zu 20 Jahre dauern. Bei den Anlagen, die derzeit rückgebaut werden, handelt es sich um die Kraftwerke Stade, Obrigheim, Greifswald und Rheinsberg. Bald kommen 17 weitere Kraftwerke hinzu. Neun davon sind noch voll in Betrieb, acht wurden im Rahmen der Energiewende 2011 kurzfristig vom Netz genommen. Derzeit prüfen die Betreiber, wie schnell und nach welcher Methode sie die seit 2011 stillstehenden acht AKW abreißen werden.

In der Frage, wie die Meiler verschrottet werden, hat die Bundesregierung keine Präferenz. „Nein, darüber sind wir im Gespräch. Und man muss prüfen, welches man unter dem Strich für die bessere Methode hält“, sagt Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Zur Wahl stehen zwei Methoden: Der unmittelbare Abbau und der sogenannte sichere Einschluss. In den etwa ersten fünf Jahren ist das Vorgehen bei beiden Varianten gleich. In dieser Zeit wird der Brennstoff aus der Anlage geholt. Beim schnellen Rückbau wird jedoch anschließend sofort mit der Demontage begonnen, beim „sicheren Einschluss“ geschieht dies erst nach 20 bis 30 Jahren. In dieser Zeit kann die Radioaktivität weiter abklingen. Das Atomkraftwerk muss entsprechend lange überwacht werden.