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Deutschland/Welt Warum Guido Westerwelle keine Schafe züchten wird
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Warum Guido Westerwelle keine Schafe züchten wird
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18:42 16.09.2009
Der Saubermann der FDP: Guido Westerwelle.
Der Saubermann der FDP: Guido Westerwelle. Quelle: ddp
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VON RASMUS BUCHSTEINER

Eigentlich könnte Guido Westerwelle gelassen sein: Seine Liberalen stehen nach wie vor glänzend da in den Umfragen. Jedenfalls so gut, dass seine FDP bei der Bundestagswahl deutlich besser abschneiden dürfte als noch vor vier Jahren. Vorbei die Zeiten, als sich die Liberalen mit einstelligen Ergebnissen zu begnügen hatten oder gar an der Fünf-Prozent-Hürde kratzten.

Vorbei die Zeiten, als man als Spaßpartei galt und Westerwelle mit seinem "Guido-Mobil" durch die Lande tourte. Der Mann hat an sich gearbeitet: Reifer, seriöser und ein wenig ernster präsentiert sich der 47-jährige mittlerweile. "Ich will beweisen, was in uns und auch in mir steckt", sagt er. Und es klingt kämpferisch. Nichts soll diesmal schief gehen beim erneuten Anlauf für Schwarz-Gelb. Die Bundestagswahl am Sonntag in einer Woche ist für Westerwelle nach elf Jahren Opposition schließlich eine Schicksalswahl.

Sekt oder Selters? Vizekanzler oder Katzentisch? Wo er in diesen Tagen auftritt, sind die Marktplätze voll. Freundlicher Applaus begleitet den FDP-Chef bei seinen Kundgebungen, aber immer auch die Frage: Was wäre wenn? Was wäre, wenn es am Ende doch nicht für Schwarz-Gelb reicht? Am Wochenende wollen sich die Liberalen festlegen, auf ihrem Parteitag sieben Tage vor der Wahl eine Koalitionsaussage verabschieden.

Für Schwarz-Gelb, soviel ist klar. Aber auch ohne eine Hintertürchen hin zu einer Ampelkoalition mit einem Kanzler Frank-Walter Steinmeier? Schon vor einigen Monaten wollte Westerwelle eine strikte Festlegung auf Schwarz-Gelb ohne Alternative. Doch diesen Weg wollten nicht alle in der Führungsspitze mitgehen. Jetzt deutet aber vieles auf eine harte Koalitionsaussage hin.

Westerwelle kämpft gegen den Ruf der FDP als Umfaller-Partei, die Ministerposten der Oppositionsbank im Zweifel immer vorziehen würde. Einige werden wohl erst zufrieden sein, "wenn ich das mit Blut an frisch gestrichene Wände schreibe", gab er in den letzten Wochen zu Protokoll.
Jetzt sagt er: "Bei der FDP wissen die Wähler, voran sie sind, wir sind geschlossen und machen klare Aussagen und stehen hinterher auch dazu." Der Ober-Liberale erinnert stets aufs Neue an 2005. Damals widerstanden er und seine Partei dem Werben Gerhard Schröders und der Sozialdemokraten.

Vizekanzler hätte er damals schon werden können, wenn er es gewollt hätte, sagt er. Zwar ist Westerwelle in den Jahren der Großen Koalition in einigen Fragen deutlich auf Distanz zu Angela Merkel gegangen, hat seine Duzfreundin nicht selten scharf attackiert. Allerdings wird das Verhältnis zu Merkel auch in der FDP-Spitze weiter als solide beschrieben. Dennoch ist Westerwelle in diesen Tagen voller Spannung: Die Querschüsse aus München, die Dauerattacken der CSU setzen ihm zu. Da werde aufs falsche Tor geschossen, warnt er.

"Erfolgsreichster FDP-Chef aller Zeiten!", zog eine Boulevardzeitung jüngst die Bilanz von gut acht Jahren Westerwelle als Parteivorsitzender. An fünf, mit Sachsen bald sechs Landesregierungen sind die Liberalen beteiligt, in 14 von 16 Landtagen vertreten. Bei 59 von 66 Wahlen seit seinem Amtsantritt haben die Liberalen zugelegt. Erfolge, die er für sich reklamiert.

Unangefochten führt er die Partei. Die FDP heute: Westerwelle - und dann kommt sehr lange nichts. Er habe einen gewissen Reifeprozess durchlaufen, sagt er. Sein politischer Ziehvater Hans-Dietrich Genscher, in dessen Fußstapfen er jetzt als Außenminister und Vizekanzler treten will, steht ihm
in diesen Tagen mit Rat und Tat zur Seite. Westerwelle hat nicht nur die Außenpolitik, sondern auch das Soziale für sich entdeckt. Er gibt nicht mehr nur den kühlen Reformer, sondern spricht inzwischen auch über die Sorgen und Nöte von Hartz IV-Empfängern oder die Probleme von Familien in Deutschland.

Kaum einen Termin lässt er in diesen Tagen aus: Talkshow, Bierzelt-Auftritt, Interview. Es gebe viel Zuspruch, sagt er. Dennoch werde es knapp, ein "Kopf-an-Kopf-Rennen". Es bleiben also Zweifel. Was wäre wenn? Verweigern ihm seine Liberale dann die Gefolgschaft? Wenn es nicht reiche für
Schwarz-Gelb und es zu einer linken Regierung komme, antwortet der FDP-Chef, "würde ich mich deswegen nicht schmollend zurückziehen", in den Hunsrück oder "an der Müritz Schafe züchten".