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Deutschland/Welt Wahlkampf zwischen Limonade und Holunderbüschen
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Wahlkampf zwischen Limonade und Holunderbüschen
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22:50 07.08.2009
Von Gabi Stief
Frank-Walter Steinmeier auf Sommerreise. Quelle: ddp
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Es gibt Momente, da sind sich Politik und Wissenschaft sehr nah. Ein Dialog am Ende eines Windkanals, in dem wolkige Turbulenzen erforscht werden, lässt dies ahnen. Dort, wo eine 18 Meter lange rote Röhre im Boden der Experimentierhalle des Göttinger Max-Planck-Instituts verschwindet, findet sich ein Bildschirm mit bunten Kurven und Ziffern. „Hier fragen wir regelmäßig die Werte ab“, erklärt Stephan Herminghaus seinem Gast. „Das kenne ich; wie bei den Kandidaten“, sagt Frank-Walter Steinmeier und lacht. Es ist ein tiefes, dröhnendes Lachen, das so manche Turbulenzen wegfegen könnte. Herminghaus ist Direktor des Instituts für Dynamik und Selbstorganisation. „Ich komme auch aus solch einem Institut; es ist allerdings schon mehr als hundert Jahre alt“, witzelt der Kanzlerkandidat der SPD.

Frank-Walter Steinmeier ist seit einer knappen Woche auf Sommerreise. Nicht als Außenminister, (eigentlich) auch nicht als Wahlkämpfer, aber ganz sicher als Kandidat, der gegen die tristen Noten der Demoskopen kämpft. Die Frage der Journalisten, wie er denn noch auf Sieg setzen könne, verfolgt ihn in den letzten Winkel der Republik. „Es ist noch nichts entschieden“, lautet die immer wiederkehrende Antwort. „Es gibt noch Potenziale.“ Seitdem er seinen „Deutschland-Plan“ vorgestellt hat, muss er auch noch erklären, woher er den Glauben an vier Millionen neue Arbeitsplätze nimmt. Ein leiser Spott ist dann manchmal zu spüren.

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Steinmeier könnte auf Studien verweisen, die die SPD nur ausgewertet hat. Aber es gibt den Plan hinter dem Plan – die Reise ist so etwas wie ein öffentliches Besuchsprogramm bei Unternehmern und Forschern, die etwas gewagt haben und die die „Arbeit von morgen“ schaffen. „Vollbeschäftigung ist zugegebenermaßen ein ehrgeiziges Ziel“, sagt Steinmeier. „Aber es geht nicht um Fantasialand.“ Ebenso ehrgeizig ist wohl das Ziel, Arbeit zum zentralen Thema des Wahlkampfs zu machen. Nach vorn will er den Blick richten – „weg von dem Gerede über Managergehälter und Bankenpleiten“. Sind Jobperspektiven nicht das, was die Menschen in der Krise interessiert? Der Kandidat glaubt fest daran.

Zu den erfolgreichen Tüftlern und Träumern auf Steinmeiers Reiseroute gehört Giso Gillner, ein Wirtschaftsingenieur, dessen Plan für ein Elektro-Nutzfahrzeug zwölf Jahre lang in der Schublade schmorte. 2006 war die „Zeit reif für die Idee“, wie er sagt. Er fand private Investoren, die die Gründung der Wunstorfer Firma EcoCraft möglich machten – ohne einen Cent von Banken. 75 der kastenförmigen Kleintransporter mit Batteriebetrieb fahren mittlerweile auf den Straßen; Kommunen sind die Käufer; bei VW in Sarajewo wird produziert. Gillner versteht sein Unternehmen als Denkfabrik. „Wurden Sie belächelt?“, fragt Steinmeier. Er habe sich darüber nicht geärgert, sagt Gillner. Zum erhofften Jobwunder will auch EcoCraft etwas beitragen. In den nächsten drei Jahren wolle man das Personal in Wunstorf verdreifachen, sagt der Chef. Bislang arbeiten und „denken“ 25 bei EcoCraft.

Auch bei dem Braunschweiger Solarpionier Solvis hat man einmal klein angefangen. Elektroingenieur Helmut Jäger stieg 1982 bei VW aus und gründete in einer Garage seinen eigenen Handwerksbetrieb. Da Solartechnik als spinnert galt und keine Bank Kredite geben wollte, wurden die ersten Mitarbeiter zugleich Gesellschafter und Finanziers. 1986 wurde das erste solare Schwimmbad gebaut. Heute gehört Sovis weltweit zu den führenden Herstellern von Solarheizsystemen; 320 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen; 39 von ihnen sind beteiligt. „Bis heute hat keiner einen Cent verloren“, sagt Geschäftsführer Jäger.

Arbeit von morgen? Steinmeier lässt sich Sonnenkollektoren erklären, den SolvisMax vorführen – andere waren schon vor ihm da. Der frühere Bundesumweltminister Jürgen Trittin schon zweimal. Was soll’s. Tobias Siemann, einer von 20 Auszubildenden im Betrieb, lässt sich stolz mit dem Minister ablichten. Glaubt er an vier Millionen neue Jobs, fragt ihn ein Journalist anschließend. „Wenn er das gesagt hat, dann ja!“

Ein Satz, der die Herzen der Wahlstrategen der SPD höher schlagen lässt. Glaubwürdigkeit ist das Kapital, das die SPD in den vergangenen Regierungsjahren wie bei einem Börsencrasch verbrannt hat. Steinmeier soll Vertrauen zurückgewinnen; bei den Stammwählern und darüber hinaus. Ist er der Richtige am richtigen Platz? Er ist professionell, er ist verbindlich. Auch beim dritten und vierten Rundgang durch einen Betrieb wirkt er entspannt und ernsthaft interessiert, als ruhe er in sich selbst. Er hat sich arrangiert mit dieser „öffentlichen Person“, die er nun ist. Aber manchmal klingt es, als wundere er sich noch immer über diesen Steinmeier, der ihn da nun auf Bildern und in Fernsehporträts anstrahlt.

Er hat gelesen, dass manche ihn für einen röhrenden Neo-Schröder halten; eine Kopie des Altkanzlers, dem er viele Jahre diskret den Rücken frei hielt und Politik hinter den Kulissen gestaltete. Er verstehe das nicht, sagt er. Weil er es nicht so empfinde. Als ärgerlich empfindet er es nur, wenn einstige Schröder-Hasser ihm nun sagen, er solle „mehr Schröder“ sein. Er hat seinen eigenen Stil gefunden. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat er nicht aus dem Team geworfen, sondern nur „beurlaubt“, bis die Dienstwagengeschichte überprüft ist. Er schätzt Schmidt, weil er sie lange kennt.

Vielleicht wird der Kandidat Steinmeier ja unterschätzt, wenn ihm die Langeweile eines Verantwortungsträgers nachgesagt wird – unterschätzt wie die Unternehmer, die er in diesen Tagen besucht. Der bekannteste Fall sind die Brüder Kowalsky in Ostheim, in der hintersten Ecke der Rhön, wo eigentlich jeder nur weg will. „Man muss sich hier mehr anstrengen, um was zu werden“, sagt Peter Kowalsky. Gut zehn Jahre arbeiteten sie an ihrem Rettungsplan der familieneigenen Brauerei. Es war die Idee einer „sauberen Limo“, die bei Jugendlichen ankommt , die Produkte der Region – Gerste, Wasser und Holunder – nutzt. Herausgekommen ist eine globale Marke namens „Bionade“. Mit 20 Mitarbeitern hat man begonnen; heute ist Bionade mit 200 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Region. Man unterstützt soziale Projekte, „um gesellschaftlichen Zusatznutzen“ zu erwirtschaften, und man bietet den Bauern der Region Arbeit.

Vorbei an schnatternden Gänsen führt der Weg des Kandidaten schließlich ins Holunderfeld von Landwirt Martin Ritter. Man schaut in abgeerntete Büsche, schreitet durchs Biofeld, und keinen Moment lang wirkt es, als frage sich der Außenminister, was er nun in dieser abgelegenen Region zu suchen hat. Er erfährt viel über die Ausdauer und die Kreativität von zwei jungen Unternehmern, die darauf setzten, dass ihre Marke nicht im Handel, aber beim Verbraucher überzeugt. Und er lernt von den Ostheimern, dass der Kunde Marketingversprechen misstraut. Am Feld von Martin Ritter steht eine Webkamera, deren Bilder im Internet zu sehen sind. „Wir wollen jedem belegen, dass wir tatsächlich vor der Tür Holunder ernten“, sagt Peter Kowalsky. „Dass alles echt ist.“