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Deutschland/Welt Vorfreude am Kap – und die Hoffnung auf neuen Stolz
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Vorfreude am Kap – und die Hoffnung auf neuen Stolz
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20:10 03.12.2009
Kapstadts architektonische Perle: Das Stadion im Stadtteil Green Point ist so gut wie fertig.
Kapstadts architektonische Perle: Das Stadion im Stadtteil Green Point ist so gut wie fertig. Quelle: afp
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Bohrmaschinen kreischen, Presslufthämmer rattern, Staub wirbelt durch das Foyer der Ankunftshalle am Flughafen von Kapstadt. Vor dem Gebäude dampft eine frisch gelegte Teerdecke, gleich nebenan wächst ein mächtiges Parkhaus in den blauen Kaphimmel. „Get ready for 2010“ prangt in dicken Buchstaben auf einer Tafel an der Flughafenausfahrt. Gleich daneben steht eine Zahl, die täglich kleiner wird und gerade auf 190 gefallen ist: Der Countdown zählt die Tage bis zur Eröffnung der Fußball-WM am 11. Juni 2010.

Der offizielle Startschuss zur WM fällt aber schon heute – am Abend werden in Kapstadt die acht Gruppen ausgelost. Und langsam, aber sicher kommt Vorfreude auf, in Gesprächen, im Straßenbild mit Bannern, Fahnen, Bildern. Alles garniert mit der verblüffenden Spontaneität der Südafrikaner. Mit der Planung eines Großereignisses warten die Südafrikaner bis zum allerletzten Moment – und schaffen es mit einem Kraftakt dennoch, ganze Straßenzüge wie jetzt zum Wochenende für eine große Party herzurichten. In der historischen Long-Street wollen am Freitag bis zu 20.000 Menschen die Auslosung der Spielpaarungen auf riesigen Bildschirmen verfolgen. Spätestens dann ist die WM bei den Menschen angekommen.

Für die erwarteten Promis allerdings wird die Fahrt in die City nicht einfach: Ein halbes Jahr vor dem sportlichen Megaevent wimmelt die Metropole am Fuße des Tafelbergs von Baustellen. Die weitaus größte liegt 30 Kilometer vom Flughafen entfernt auf dem Green Point Common, einem mit Sportplätzen gefüllten Grün zwischen dem Strand am eiskalten Atlantik und der nahe gelegenen City. Selbst vom mehr als 1000 Meter hohen Tafelberg ist die architektonische Perle, die inzwischen die Kulisse der Stadt mitprägt, unmöglich zu übersehen: das neue, 400 Millionen teure WM-Stadion.

Das Green-Point-Stadium gilt als Symbol für das, was möglich ist: Statt im Februar 2010 ist die Arena nun bereits zwei Monate früher fertig. Sogar die anfangs kritischen Kapstädter sind inzwischen voll des Lobes über das Design. Waren die Zeitungen hier früher mit Protestbriefen gefüllt, wird die Spielstätte heute unisono als architektonisches Meisterwerk besungen.

Ein junger Mann, dem die Begeisterung über seinen Job im Gesicht steht, erklärt die elegante Konstruktion. Seit drei Jahren leitet Robert Hormes die Bauarbeiten an dem von ihm entworfenen Stadion für das deutsche Architektenbüro gmp. Der 35-Jährige gehört zu einer Reihe von Deutschen, die direkt am Bau des Stadions beteiligt waren. Nicht weit vom künftigen Haupteingang der Arena entfernt residierte bis vor Kurzem in einem schmucklosen Container auch Christian Schlögl vom Memminger Familienunternehmen Pfeifer. Fast zwei Jahre lang hat Schlögl von dort die Montage des hochmodernen Flachdachs und der 11.000 Scheiben überwacht, die vom Glasbaubetrieb Gipser aus Halle angeliefert und installiert wurden. „Mit 38.000 Quadratmetern Fläche haben wir das weltweit größte Glasdach auf ein Stadion gesetzt“, freut sich Geschäftsführer Michael Gipser.

In die gleiche Kategorie der Superlative fällt das fast noch imposantere Stadiondach in der Hafenstadt Durban, das wegen des 340 Meter langen Bogens über der Arena in puncto Statik als schwierigstes Bauwerk unter den WM-Stadien gilt. Einige Experten glauben sogar, dass sich seine Konstruktion an der Grenze des technisch Machbaren bewege. Schließlich durften die vorgefertigten Teile höchstens Abweichungen im Millimeterbereich aufweisen.

Auch Durban gleicht, wie der Rest des Landes, einer einzigen Baustelle. Der gesamte Strandbereich der Ferienstadt ist aufgerissen und kaum begehbar; dabei haben gerade die großen Ferien begonnen. Straßen und Hotels, Flughäfen und Stadien – das Land am Kap saniert zurzeit einen Großteil seiner maroden Infrastruktur. Pünktlich zum großen Turnier will sich der frühere Apartheidstaat in neuem Gewand präsentieren und der Welt zeigen, dass auch Afrika eine Weltmeisterschaft stemmen kann. Gleichzeitig soll das Turnier der in eine Rezession abgerutschten Wirtschaft des Landes einen kräftigen Schub geben.

Dabei haben verschiedene Studien belegt, dass die Auswirkungen solcher Großereignisse oft nur gering und von kurzer Dauer sind. So gelang Deutschland 2006 zwar eine hervorragende Außendarstellung, doch gingen von der WM wirschaftlich kaum nennenswerte Impulse aus.

Azar Jammine kann das nicht entmutigen. „Südafrika ist nicht mit Deutschland vergleichbar“, sagt der Johannesburger Ökonom. Der Hauptgrund liege in der unterschiedlichen Größe der beiden Volkswirtschaften. So sei Südafrikas Wirtschaft 13-mal kleiner als die deutsche und seine Infrastruktur schwächer. Entsprechend größer ist Jammine zufolge der Nutzen der WM. Mancher ist schon spürbar. Qualifizierte, zuverlässige Arbeitskräfte sind rar am Kap. „In Deutschland hat man es mit Menschen zu tun, die mindestens einen Gesellenbrief und ein paar Jahre Erfahrung mitbringen, hier sind sehr viele ungelernte Kräfte am Werk“, sagt Bauleiter Hormes. Wegen der vielen schlecht ausgebildeten Arbeiter richteten die Baufirmen kurzerhand Trainingscamps ein und schulten die Leute in Schnellkursen für spezielle Jobs. Damit wurde ein Pool an Fachkräften geschaffen, von dem Südafrika auch nach der WM zehren wird.

Neben der Bauindustrie dürfte vor allem die angeschlagene Tourismusbranche von der WM profitieren – wenn die Betreiber von Hotels, Gasthäusern und Restaurants im kommenden Jahr keine völlig überzogenen Preise verlangen und damit die Besucher vergraulen. Ohnehin macht der ungünstige Wechselkurs einen Aufenthalt am Kap für Europäer teuer. Seit Jahresbeginn hat der südafrikanische Rand über 20 Prozent gegenüber Euro und Dollar zugelegt – und gehört damit zu den härtesten Währungen der Welt.

Die größte Sorge bereitet den Organisatoren nach wie vor die Sicherheit, auch wenn dies niemand offen eingesteht. Zwar hat die Polizei mehr als 1,35 Milliarden Rand in die öffentliche Sicherheit investiert, doch ist die Wirkung gering. Das größte Problem ist die hohe Alltagskriminalität in den Townships, auch wenn ausländische Besucher damit so gut wie nie konfrontiert werden. Die Polizei hat keine Lösung parat. Während Kapstadts City zumindest tagsüber sicher ist, gilt das Stadtzentrum von Johannesburg rund um die Uhr als gefährlich.

Dennoch bleibt Südafrika das begehrteste Reiseziel in Afrika, noch vor Tunesien und Ägypten. Allein zur Fußball-WM erwarten Optimisten knapp eine halbe Million Touristen, die rund drei Milliarden Euro in die Wirtschaft des Landes spülen sollen. Matthias Boddenberg von der deutschen Handelskammer für das südliche Afrika in Johannesburg hält solche Projektionen jedoch für übertrieben. Er rechnet angesichts der Wirtschaftskrise und der stark gestiegenen Preise für Flugreisen und Unterkünfte damit, dass sich die Zahl eher zwischen 250.000 und 300.000 Besuchern einpendeln wird.

Umso wichtiger werden für das Land die viel beschworenen „weichen Faktoren“ des Fußballfests. Der Sozialwissenschafter Steven Friedman vom Johannesburger Zentrum für Policy Studies spricht in Zusammenhang mit der WM von einem „Feel good factor“ für die Nation.

Gerade Südafrika könnte eine solch emotionale Form der Aufbauhilfe gut gebrauchen. Die Euphorie nach dem Zusammenbruch des Apartheidsystems ist verflogen und Südafrika längst zu einem normalen Land geworden. Viele Weiße fürchten, dass die einst von Nelson Mandela verfolgte Versöhnungspolitik völlig verpuffen könnte und der brüchige gesellschaftliche Frieden nicht zu halten ist. Mit der WM verbindet sich die Hoffnung, dass sie den Menschen noch einmal Anlass für gemeinsamen Stolz auf ihr Land und seine Entwicklung gibt – genau so, wie es der sensationelle Sieg von Südafrikas Springboks bei der Rugby-WM 1995 tat.

Nur eine kleine Truppe zieht nicht so richtig mit: Bafana Bafana – die südafrikanische Nationalmannschaft. Nach einer Serie von acht Niederlagen und zwei torlosen Heimspielen gegen Japan und Jamaika herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Noch nie war ein Team, das an einer WM teilnahm, derart tief platziert wie das Südafrikas. Auf der aktuellen FIFA-Rangliste stehen die Bafanas auf Platz 86. Ob den Südafrikanern auch da im letzten Moment noch etwas einfällt?

von Wolfgang Drechsler