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Deutschland/Welt Vattenfall nach erneutem AKW-Ausfall unter Druck
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16:50 05.07.2009
Atomkraftwerk Krümmel Quelle: ddp
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Nach einer zweiten Panne binnen weniger Tage gerät Betreiber Vattenfall Europe zunehmend unter Druck. Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) hat bereits eine erneute Zuverlässigkeits-Prüfung des Betreibers veranlasst. Der jüngste Störfall ist nach ersten Erkenntnissen der ihr unterstehenden Atomaufsicht vergleichbar mit dem Brand eines baugleichen Transformators am 28. Juni 2007. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) kündigte an, „dass ein Wiederanfahren des Reaktors Krümmel nur nach vorheriger Zustimmung der Bundesaufsicht erfolgen wird“. Umweltverbände und mehrere Politiker fordern vehement eine sofortige Stilllegung der Anlage östlich Hamburgs.

Trauernicht betonte, „die Alterung der Transformatoren in Krümmel stellt sich immer deutlicher als Problem heraus“. Inwieweit der Trafo am Samstag beschädigt wurde, müssten in den kommenden Tagen Untersuchungen auch im Inneren zeigen. Trauernicht fügte hinzu: „Die Folgen dieses Störfalls sind weitreichend. Für mich heißt das in letzter Konsequenz: Erneuern statt reparieren.“

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Vattenfall selbst kündigte eine umfassende Analyse des betroffenen Trafos an. Der Geschäftsführer von Vattenfall Europe Nuclear Energy, Ernst Michael Züfle, betonte, „für den weiteren Prozess gilt: Sicherheit vor Schnelligkeit“. Erst wenn alle technischen und organisatorischen Fragen eindeutig geklärt seien, werde das AKW wieder in Betrieb gehen. Durch den Brand und die Zerstörung des Trafos 2007 sei eine letztendliche Ursachenermittlung nicht möglich gewesen. Seither sei jedoch der jetzige Pannentrafo auch gründlich überprüft worden. „Für die Ursache des neuen Kurzschlusses haben wir aber bisher keine Erklärung“, sagte Züfle. Der Transformator sei durch einen „Kurzschluss im Innern“ ausgefallen. Das Aggregat ist Züfle zufolge 33 Jahre alt und seit 1983 in Krümmel in Betrieb.

Nach Angaben der Atomaufsicht muss unter anderem geklärt werden, ob der Betreiber während des Wiederanfahrprozesses den Maschinentransformator sorgfältig überwacht hat. In der am 19. Juni erfolgten Zustimmung des Ministeriums sei ausdrücklich darauf hingewiesen worden, „dass bei der Wiederaufnahme des Leistungsbetriebs auf Teilentladungen geachtet werden soll“.

Trauernicht erneuerte zugleich ihre Kritik an der Informationspolitik von Vattenfall. Ihr sei „völlig unverständlich“, warum es am Samstag nicht möglich war, binnen 40 Minuten auf dem fest vereinbarten und vorgeschriebenen Weg eine kurze Erstinformation über den Störfall zu geben. Züfle räumte Versäumnisse beim Informationsfluss ein. Er zeigte sich jedoch davon überzeugt, dass die jetzige erneute Schnellabschaltung „nicht die Endabschaltung von Krümmel ist“.

Der Atomexperte der Umweltorganisation Greenpeace, Heinz Smital, sagte, ein Atomkraftwerk, das erschreckenderweise trotz Prüfung defekt sei, dürfe nicht wieder in Betrieb gehen. Smital verglich Krümmel mit einem zu hoch getunten Auto. Der Siedewasserreaktor sei ein „Billigkonstrukt aus den 60er Jahren“ und vor die Turbinenleistung über Jahre „sehe, sehr aufgemotzt“ worden. „Dass hier die Trafos zischen und krachen und brennen, ist nicht verwunderlich“, so Smital.

Gabriel forderte die Stromkonzerne auf, „die ältesten und problematischsten Reaktoren abzuschalten und deren Stromkontingente auf die jüngeren Anlagen zu übertragen“. Sichere AKW könnten dann länger am Netz bleiben. Er halte den Einsatz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) „für längere Laufzeiten der alten Atomreaktoren für unverantwortlich“. Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) wies Gabriels Forderung zurück: „So lange Kernkraftwerke sicher sind, sollen sie auch laufen können.“ Gabriels Forderung führe nur zu einer weiteren Erhöhung der Strompreise.

Offenbar als Folge der Abschaltung des AKW Krümmel waren in Hamburg am Samstag rund 1500 der 1800 Ampeln im Stadtgebiet vorübergehend ausgefallen. Auch in Kiel registrierte die Polizei zahlreiche Ampelausfälle. Nach Spannungsschwankungen hatten Tausende Hamburger am frühen Sonntagmorgen zudem kein Wasser. Grund war ein Ausfall mehrerer Pumpen. Bei der Wiederinbetriebnahme kam es nach Angaben der Hamburger Wasserwerke zu „Druckstößen“, die zu elf Rohrbrüchen führten.

Nach einem neuen Störfall steht das AKW Krümmel wieder still. Die gerade wieder hochgefahrene Anlage ging Samstagmittag um 12.02 Uhr per Reaktorschnellabschaltung erneut vom Netz.

ddp

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