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Deutschland/Welt Trayvon Martin: Getötet, weil er schwarz war?
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Trayvon Martin: Getötet, weil er schwarz war?
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10:30 26.03.2012
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BU Quelle: MARIO TAMA
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Washington

Roland Martin ist einer der leidenschaftlichsten schwarzen Kommentatoren im amerikanischen Fernsehen. Wortgewaltig hat er sich vor vier Jahren für die Wahl Barack Obamas stark gemacht. Jetzt bringen ihn die Todesschüsse eines weißen Hobbypolizisten auf einen unbewaffneten 17-Jährigen in Wallung.

Allein die Tatsache, dass das Opfer schwarze Hautfarbe hatte und einen Kapuzenpullover trug, habe den selbst ernannten Nachbarschaftswächter zur Waffe greifen lassen. Vorurteile und Klischees seien es, die nach wie vor das Bild der Afro-Amerikaner in den Augen der Weißen bestimmten. "Klischees mit tödlichen Folgen", nennt das Martin. "Wir Schwarze haben diese Klischees satt."

Die Debatte nach dem Tod den jungen Trayvon Martin in Stanford (Florida) reißt alte Wunden auf - Wunden des Rassismus, von denen viele glaubten, sie seien längst verheilt. Die Tatsache, dass über drei Wochen nach der Tat der mutmaßliche Todesschütze George Zimmerman (28) nach wie vor auf freien Fuß ist, lässt bei Millionen Afro-Amerikanern in den USA den bösen Argwohn aufkommen, dass Schwarze und Weiße vor dem Gesetz noch lange nicht gleich sind. "Sie können in diesem Land umgebracht werden, weil sie schwarz sind", sagte ein Demonstrant bei einem Protestmarsch. Bei den Demonstrationen unter anderem in Washington, New York, Chicago und Tampa waren viele Teilnehmer mit schwarzen Kapuzen-Sweatshirts bekleidet.

Die Wut über den Fall hat mittlerweile Afro-Amerikaner im ganzen Land erfasst. Immer emotionaler, immer erregter wird die Debatte. Selbst Barack Obama, der erste schwarze Präsident in der US-Geschichte, macht da keine Ausnahme. "Wenn ich einen Sohn hätte, er würde wie Trayvon aussehen", sagt Obama.

Was war passiert am 26. Februar? Der 17-jährige Trayvon Martin schaute sich am Sonntagabend im Fernsehen ein Basketballspiel an, als die Familie ihn während einer Übertragungspause bat, ein paar Süßigkeiten im Kiosk um die Ecke zu kaufen. Der Afroamerikaner ging los - und kehrte nicht mehr zurück. Der junge Mann wurde auf dem Rückweg vom Kiosk von George Zimmerman erschossen, dem Angehörigen einer privaten Bürgerwehr.

Zimmerman wartete am Tatort auf die Polizei und gab bei der Vernehmung an, dass er sich von dem Schwarzen bedroht fühlte. Dann stieg der selbst ernannte Nachtwächter wieder ins Auto und fuhr nach Hause.

Der Tod des unschuldigen Teenagers hängt eng mit einem speziellen Gesetz des Bundesstaates Florida zusammen: Der Paragraph "Stand Your Ground" (Weiche nicht zurück) gibt Bürgern das Recht, sofort zu schießen, wenn sie sich bedroht fühlen. Sie sind auch nicht mehr länger gehalten, bei einer Konfrontation zurückzuweichen, um eine Eskalation zu verhindern. Das gilt insbesondere auf dem eigenen Grund und Boden. Außerdem gilt das 2005 eingeführte Gesetz nicht ausschließlich im eigenen Haus, sondern überall.

Trayvon war bei seinem Vater zu Besuch, der in der geschlossenen Wohnanlage "Retreat at Twin Lakes" lebt. Streng genommen gilt also auch der Weg vom Haus zum Kiosk als Privatgrundstück.

Jeb Bush, Bruder des früheren Präsidenten George W. Bush, hatte sich einst als Gouverneur dafür feiern lassen, dass er angesichts der sich ausbreitenden Bandenkriminalität in dem Urlaubsparadies für eine Stärkung der Selbstverteidigung eintrat. Doch genau dieses Argument stellen Kritiker nun in Frage. Schließlich habe der Todesschütze den jungen Schwarzen verfolgt - nicht umgekehrt.

Nun meldete sich Jeb Bush zu Wort: "Das Gesetz trifft auf diesen Fall nicht zu", meinte er. "Stand Your Ground" heißt, dass man nicht zurückweichen muss. Es heißt aber nicht, jemanden zu verfolgen, der einem den Rücken zukehrt."

Einer musste schon sein Amt aufgeben. Der umstrittene Polizeichef von Sanford, Bill Lee, der Zimmerman das Recht auf "Notwehr" zugesprochen hatte und ihn wieder auf freien Fuß ließ. Bill Lee erklärte, seine Rolle sei zu einer "Ablenkung" für die Ermittlungen geworden. Der Stadtrat hatte ihm zuvor das Vertrauen entzogen.