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Deutschland/Welt Regierung plant strengere Vorgaben bei Antibiotika-Einsatz
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Regierung plant strengere Vorgaben bei Antibiotika-Einsatz
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17:23 10.01.2012
Tierärzte sollen Antibiotika bei der Massenhaltung von Hühnern oder Schweinen nur noch in engeren Grenzen einsetzen dürfen.
Tierärzte sollen Antibiotika bei der Massenhaltung von Hühnern oder Schweinen nur noch in engeren Grenzen einsetzen dürfen. Quelle: dpa
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Berlin

Schärfere Kontrollen, strengere Regeln: Tierärzte sollen Antibiotika bei der Massenhaltung von Hühnern oder Schweinen nur noch in engeren Grenzen einsetzen dürfen. Das geht aus einem am Dienstag vorgestellten Gesetzentwurf des Verbraucherministeriums in Berlin hervor. Danach sollen etwa die Regeln zur Anwendungsdauer und Dosierung verschärft werden. Zudem erhalten die Überwachungsbehörden einen besseren Zugriff auf Daten. Das Gesetz, dem der Bundesrat zustimmen muss, könnte im Herbst in Kraft treten. Umwelt- und Verbraucherschützer kritisierten die Pläne als unzureichend.

Ministerin Ilse Aigner (CSU) sagte: „Wir brauchen jetzt eine konzertierte Aktion.“ Die Anwendung von Antibiotika müsse auf ein Minimum beschränkt werden. Dazu komme eine konsequente Überwachung und Ahndung von Verstößen durch die zuständigen Länder. Antibiotika dürfen nur zur Behandlung kranker Tiere eingesetzt werden. Studien der Landesministerien in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen hatten aber ergeben, dass bis zu 96 Prozent der Masttiere damit behandelt werden. Über den Verzehr von Lebensmitteln können Menschen Keime aufnehmen, die gegen Antibiotika unempfindlich sind. Das kann dazu führen, dass die Arznei auch bei kranken Menschen nicht anschlägt.

Konkret plant Aigner Änderungen des Arzneimittelgesetzes, die die alltägliche Verschreibungspraxis von Tierärzten spürbar beschränken. So sollen sich Veterinäre strikt an die Anwendungsbestimmungen auf der Packungsbeilage halten müssen. Bisher können sie aus fachlichen Erwägungen je nach Fall auch von der Dosierung oder der Dauer der Anwendung abweichen.

Antibiotika, die auch Menschen bekommen, sollen nur noch unter besonderen Voraussetzungen über die Zulassung hinaus benutzt werden dürfen, etwa für andere Tierarten. Wenn Veterinäre eine Anwendung mit einem anderen Wirkstoff wiederholen wollen, müssen sie künftig zuerst einen Labortest zur tatsächlichen Wirksamkeit machen. Festschreiben will das Ministerium auch, dass für einen deutlich längeren Zeitraum vor dem Schlachttermin Arzneimittel-Einsätze zu dokumentieren sind. Für Geflügel gilt dies bisher meist für sieben Tage, das Ministerium erwägt aber, dies auf die gesamte Mastdauer auszuweiten.

Diskutiert werden soll auch, eine Sonderberechtigung für Tierärzte einzuschränken. Sie können Arznei direkt an Bauern verkaufen und sind damit vom sonst geltenden Monopol der Apotheken ausgenommen. Mitte des Jahres sollen erstmals genaue Daten über die Antibiotika-Mengen in Deutschland vorliegen. Das berichtete auch die „Passauer Neue Presse“ (Dienstag). Damit soll erkennbar werden, in welchen Postleitzahl-Bereichen besonders viel Tierarznei eingesetzt wird.

Die Grünen nannten die Pläne Flickschusterei. Notwendig sei, das System der Massentierhaltung grundsätzlich zu verlassen. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) forderte die Beseitigung von Anreizen für Tierärzte, möglichst viele Antibiotika zu verkaufen. Der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Gerd Billen, verlangte in den „Ruhr Nachrichten“ (Dienstag) einen Plan, innerhalb von zehn Jahren zu einer völlig antibiotikafreien Tiermast zu kommen. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner verwies darauf, dass der Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft bei steigender Produktion gesunken sei. Kranke Tiere müssten aber therapiert werden. „Alles andere wäre Tierquälerei.“

dpa