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Deutschland/Welt Proteste gegen Rentenreform in Frankreich verschärfen sich
Nachrichten Politik Deutschland/Welt Proteste gegen Rentenreform in Frankreich verschärfen sich
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20:30 19.10.2010
In Paris richten sich Krawalle gegen die geplante Rentenreform.
In Paris richten sich Krawalle gegen die geplante Rentenreform. Quelle: dpa
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In Frankreich werden die tagelangen Proteste gegen die umstrittene Rentenreform nach Ansicht von Ministerpräsident François Fillon zunehmend radikaler. Seine Regierung gab die Zahl der festgenommenen Jugendlichen seit Beginn der Protestwelle vor einer Woche mit über 1100 an. Zwei Tage vor der erwarteten Abstimmung im Senat über die Rentenreform standen in Lyon und anderen Orten nach Jugend-Krawallen am Dienstag erneut Autos in Flammen. Mehrere Polizisten und ein Fotograf wurden bei Auseinandersetzungen verletzt. Ein nach einem Brand explodierender Motorroller verwundete in Paris eine 15-Jährige so schwer, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste.

In der Stadt Le Mans brannte am Morgen eine Schule ab, die zuvor blockiert worden war. Der Bürgermeister vermutete einen kriminellen Hintergrund, nachdem Ermittler Reste von Brandsätzen fanden. Unklar ist aber noch, ob das Feuer im Zusammenhang mit den Protesten stand. Die Regierung drohte Randalierern mit der vollen Härte des Gesetzes.

Der Aktionstag war erneut von Streiks begleitet, die die Luftfahrt, den Fern- und Nahverkehr sowie die Post, Schulen, Universitäten und viele Betriebe beeinträchtigten. Insbesondere im Schienen- und Flugverkehr gab es wieder Ausfälle und Verspätungen. Landesweit sollte rund ein Drittel aller Flüge gestrichen werden, auf dem Pariser Großflughafen Orly sogar 50 Prozent. Der Flughafen von Bordeaux war nach Gewerkschaftsangaben von mehr als 100 Demonstranten vorübergehend blockiert worden.

In einem Drittel des Landes gebe es bereits Treibstoff-Engpässe, sagte Ministerpräsident Fillon vor Beginn einer Krisensitzung. Es werde auch nach dem Ende der Proteste mindestens vier bis fünf Tage dauern, bis der Normalzustand hergestellt sei. Nach Schätzungen seiner Regierung waren am Dienstag mit knapp einer halben Million Demonstranten weniger Menschen auf den Straßen als vor einer Woche. Die Zahlen klaffen jedoch weit auseinander: Allein in Marseille gaben die Gewerkschaften die Zahl der Demonstranten mit 240.000 an, während die Behörden offiziell lediglich 23.000 Menschen zählten.

Für die nächsten Tage sind weitere Beeinträchtigungen in Sicht: Die Gewerkschaft CGT plant für Mittwoch einen landesweiten Streik des Flughafenpersonals. Derweil sorgen sich Autofahrer - darunter viele Frankreich-Urlauber - um Benzinnachschub. Nach Schätzungen haben gut 2500 Tankstellen kein Benzin mehr. In Toulouse und Marseille stapelt sich der Müll in den Straßen, weil sich auch die Müllfahrer am Streik beteiligen.

Der Protest richtete sich gegen die geplante Anhebung des Renteneintrittsalters. Hinzu kommt eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Regierung von Präsident Nicolas Sarkozy.

Unterstützung erhielt Sarkozy von Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Ich glaube, die Bevölkerung in Deutschland, genauso wie in Frankreich, wird nicht darum herumkommen, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Und die Wahrheit heißt: Die Menschen leben länger“, sagte die Kanzlerin dem französischen Sender France 2. „Und wenn wir eine vernünftige Rente garantieren wollen, dann muss die Tatsache, dass wir länger leben, auch dazu führen, dass die Lebensarbeitszeit länger wird.“

Merkel verwies dabei auf Proteste gegen die Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters in Deutschland von 65 auf 67 Jahre. Auch dabei habe es viel Widerstand gegeben, und viele Menschen verstünden es bis heute nicht. „Trotzdem muss jeder die Weichen für die Zukunft stellen“, sagte die Kanzlerin. „Wir in Deutschland führen das auch stufenweise ein, genauso wie in Frankreich“, sagte sie. „Aber es wäre ganz schlecht für die junge Generation, wenn wir jetzt einfach die Augen verschließen würden vor der Realität und eines Tages unsere Kinder und Enkel mit den ganzen Problemen dasitzen.“

dpa